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Globale Krisen: Mehr Mut zur Rettung der Erde

2020 war das Jahr der Krisen: Corona, Klimawandel, Artensterben. Doch Menschen haben gezeigt, dass wir diese Katastrophen überwinden können, kommentiert Daniel Lingenhöhl.
Pop-up-Radweg in der StadtLaden...

Das Jahr 2020 hatte kaum begonnen, da blickte die halbe Welt nach Australien: Gewaltige Wald- und Buschbrände verwüsteten ausgedehnte Gebiete auf dem fünften Kontinent. Corona war noch weit weg und galt eher als lokales chinesisches Problem. Knapp ein Jahr später haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Die von Sars-CoV-2 ausgelöste Pandemie hat weltweit Millionen infiziert, über 1,6 Millionen Menschen sind bei Erscheinen dieses Kommentars daran gestorben. Dass aktuell erneut große Brände in Australien auflodern, stößt dagegen nur auf ein untergeordnetes Interesse. Das Gleiche galt für die immense Waldzerstörung in Indonesien, Amazonien oder dem Pantanal und die stets länger werdenden Roten Listen bedrohter Arten.

Angesichts der grassierenden Seuche ist das verständlich, doch langfristig schadet sich die Menschheit durch diese Missachtung noch stärker. Nicht nur weil unser zerstörerischer Umgang mit der Natur die Erde aufheizt, was unter anderem die geografische Ausbreitung von Krankheiten begünstigt, sondern auch weil die großflächige Zerstörung von Lebensraum den Ausbruch von Seuchen wie Corona wahrscheinlicher macht.

Sars-CoV-2 ist nach Sars-CoV und Mers-CoV der dritte Erreger dieser Familie, der in relativ kurzer Zeit von seinem tierischen Wirt auf uns Menschen übergesprungen ist. In allen Fällen spielten wohl Fledermäuse eine wichtige Rolle, bei Sars-CoV-2 könnten auch Schuppentiere und bei Sars-CoV Zibetkatzen beteiligt gewesen sein: Alle Überträger gelten in Teilen Chinas als Delikatesse und werden massenhaft gehandelt. Die drei Coronaviren sind dabei längst nicht alle zoonotisch, also von Tieren auf Menschen übergegangene Krankheitserreger, die in den letzten Jahren Seuchen ausgelöst haben.

In Südamerika etwa führt die Entwaldung dazu, dass sich Vampirfledermäuse alternative Nahrungsquellen erschließen müssen. Mit Tollwut infizierte Tiere geben dann das Virus an Rinder oder sogar Menschen weiter. Ähnliches passiert in Indien, wo jedes Jahr tausende Menschen an Tollwut sterben: Die Krankheit nahm sprunghaft zu, nachdem unabsichtlich Millionen Geier mit einem Medikament vergiftet worden waren. Statt der Vögel fraßen nun Hunde die herumliegenden Kadaver und vermehrten sich dank der reichlichen Nahrung rapide. Dadurch wuchs auch die Zahl der Tollwutfälle unter den Hunden – und die der gebissenen Menschen. In Brasilien fördert die Abholzung die Ausbreitung der Malaria. Und in Nordamerika existiert offenbar ein Zusammenhang zwischen schwindender Artenvielfalt und zunehmenden Infektionen durch Zecken. Kurz: Raubbau an der Natur öffnet Seuchen den Weg.

Klimawandel fördert Epidemien

Gleichzeitig treibt die Zerstörung der Natur den Klimawandel an: Die Brände am Amazonas, in Sibirien oder in Australien haben so viel Kohlendioxid freigesetzt, wie viele Staaten in einem ganzen Jahr erzeugen. Mit den steigenden Temperaturen verbreiten sich jedoch Krankheitsüberträger in Regionen, in denen sie lange nicht mehr oder noch nie aufgetreten sind. Tropische Tigermücken, die als Vektor für Dengue-, Chikungunya- und Gelbfieber gelten, haben sich mittlerweile erfolgreich in Deutschland angesiedelt und breiten sich aus. In Afrika sorgt die Erwärmung dafür, dass die Malaria (wieder) ins kühlere Hochland vordringen kann. Ebenfalls nach Norden dehnt das West-Nil-Virus sein Verbreitungsgebiet aus – wie bei der Malaria –, weil sein Überträger von der Erwärmung profitiert.

Diese Zusammenhänge sind seit Jahren bis Jahrzehnten bekannt. Dennoch werden sie in der Öffentlichkeit wie bei politischen Entscheidern regelmäßig ausgeblendet oder verneint. Die nächste Pandemie scheint also gewiss, wenn wir weiter wie bisher handeln.

Wir können anders, wenn wir wollen

Eine der Lehren der Covid-19-Pandemie ist allerdings, dass die Menschheit globalen Krisen auch konzertiert begegnen kann (selbst wenn dabei immer wieder politische Fehlentscheidungen getroffen werden). In einem bislang wohl nicht gekannten Kraftakt lieferte die Wissenschaft Daten und Fakten zum Virus, auf deren Basis in Rekordzeit neue Impfstoffe entwickelt wurden. Es verging weniger als ein Jahr zwischen der Entschlüsselung des Virus und seiner Struktur bis zum Einsatz der ersten Vakzine. Wenn alles gut geht, könnte die Pandemie gegen Ende des nächsten Jahres oder Anfang 2022 weitgehend beendet sein. Gleichzeitig haben Regierungen hunderte Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um soziale und ökonomische Verwerfungen abzumildern.

Viel zögerlicher sind wir dagegen bei der Klimakrise: Die Studien zum Klimawandel zeigen, dass wir uns auf einem unguten Kurs befinden und selbst das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu verfehlen drohen, wenn wir nicht bald umsteuern. Beim Schutz der Artenvielfalt sieht es noch schlechter aus; die Weltgemeinschaft verfehlt wahrscheinlich alle selbst gesteckten Ziele.

Als Folge der Coronakrise gingen die Kohlendioxidemissionen 2020 weltweit um 2,4 Milliarden Tonnen oder rund sieben Prozent zurück – vor allem weil die Luftfahrt im wahrsten Sinne am Boden lag. Doch alle Expertinnen und Experten erwarten 2021 mindestens eine Rückkehr zu den Emissionswerten vor der Krise oder sogar einen weiteren Anstieg. Dabei müsste die Menschheit bis 2030 jährlich rund acht Prozent weniger Kohlendioxid produzieren, um das Pariser Klimaabkommen zu erfüllen.

Ob dies gelingt? Immerhin haben sich 2020 China, Südkorea und Japan dazu bekannt, ihre Volkswirtschaften bis 2050 klimaneutral umzubauen. Sie folgen der Europäischen Union, die dies schon 2019 versprochen hat und bereits bis 2030 rund 55 Prozent weniger Treibhausgasemissionen erzeugen will. Und in den USA tritt im Januar der neue Präsident Joe Biden an, der sich für Klimaschutz einsetzt und ihn nicht aktiv bekämpft wie sein Vorgänger.

Politikwechsel jetzt!

Zumindest die reale Politik in Deutschland fällt jedoch immer wieder widersprüchlich aus. Ein Großteil der eingesetzten Corona-Hilfsgelder fließt zum Beispiel weiterhin in traditionelle Industrien und festigt dort den Status quo: Warum gibt der Staat beispielsweise Milliarden Euro aus, um damit auch den Absatz von Lkw mit Dieselmotor und Plug-in-Hybriden zu fördern, obwohl diese mit fossilen Brennstoffen unterwegs sind? Oder warum macht der Staat keine verpflichtenden Vorgaben zum Klimaschutz, wenn er bei der Lufthansa einsteigt? Wie viele neue Autobahnen braucht Deutschland eigentlich noch, fragt selbst die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«? Und warum ist die europäische Politik so erpicht darauf, ausgerechnet mit einigen der größten Waldverbrennern Südamerikas ein Abkommen auszuhandeln, ohne dass darin strenge Vorgaben zum Klima- und Waldschutz verankert wären?

Hier muss die deutsche und europäische Politik rasch ansetzen, zumal andere Nationen vorbeidrängen: China und Indien beispielsweise gehören inzwischen zu den größten Investoren in erneuerbare Energien und denken dabei zunehmend in Großprojekten. Immer mehr Staaten wollen zudem in naher bis mittlerer Zukunft den Verkauf von Neuwagen mit Verbrennungsmotoren verbieten, darunter wichtige Märkte wie Japan, Kalifornien oder Großbritannien. In Deutschland wird darüber vor allem diskutiert, aber politisch nicht gehandelt. Und während global betrachtet Energie aus Sonne und Wind immer günstiger wird, möchte man hier zu Lande noch bis 2038 Kohlekraftwerke laufen lassen und bezahlt den Ausstieg teuer mit Milliardensubventionen (die Marktwirtschaft wird Kohlestrom wahrscheinlich schon vorher unrentabel machen).

2020 hat gezeigt, was passieren kann, wenn wir die Natur rücksichtslos ausbeuten. Das Jahr lehrt uns aber ebenso, was Menschen leisten können: von der rasanten Entschlüsselung des Virus über die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bis hin zur logistischen Mammutaufgabe seiner Verteilung. Einen Impfstoff gegen Klimawandel und Artensterben wird es leider nie geben. Doch das Wissen und die Lösungen, um auch sie einzudämmen, besitzen wir schon. Wir sollten sie endlich umfassend nutzen.

52/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 52/2020

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