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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines Inseltauschs für eine Nuss

Das winzige Inselchen Run war den Niederländern wertvoller als ganz Manhattan. Denn Run war Heimat einer Nuss, erzählen unsere Geschichtskolumnisten Hemmer und Meßner.
Die zweite Expedition nach Ostindien, 1599

Muskat war im 17. Jahrhundert eine der begehrtesten Kolonialwaren überhaupt. Es war teurer als Gold und so wertvoll, dass die Kolonialmächte England, Portugal und die Niederlande Kriege geführt haben um das seltene Gewürz.

Warum selten? Muskatnussbäume gab es nur in einem sehr kleinen, abgelegenen Gebiet der Erde: auf den Bandainseln. Und dort vor allem auf einem geradezu winzigen Eiland: der Insel Run, die bloß drei Kilometer lang und einen Kilometer breit ist. Die Inselgruppe ist Teil der Molukken, die heute zu Indonesien gehören. Deren Schatz war nicht allein Muskat, auch Gewürznelken wuchsen ursprünglich nur auf den Molukken.

Die Kolonialmächte auf der Suche nach dem Gold Ostindiens

Ab wann Muskat in Europa bekannt war und als Gewürz verwendet wurde, lässt sich nicht genau sagen. Die indigene Bevölkerung der Bandainseln handelte mit Muskat, und so kam das Gewürz auf die größeren, umliegenden Inseln Java und Sumatra. Von dort hat es sich in Asien verbreitet und ist über China und Indien auch irgendwann im Nahen Osten gelandet. Einer der berühmtesten persischen Gelehrten, Avicenna, schrieb um das Jahr 1000 nach der Zeitenwende von einer Nuss aus Banda. Vielleicht schon im frühen Mittelalter, spätestens aber mit den Kreuzzügen kamen schließlich auch die Europäer mit Muskat in Kontakt.

Jahrhunderte später witterten die europäischen Kolonialmächte die Chance, den Gewürzhandel speziell mit Muskat selbst zu übernehmen, schreibt der britische Sachbuchautor Giles Milton in einem Klassiker »Muskatnuß und Musketen: Europas Wettlauf nach Ostindien«. Gezielt machten sie sich auf die Suche nach dem »Gold Ostindiens«, finanziert unter anderem von reichen Handelsfamilien wie den Fuggern. Nicht Gold und Silber haben in der Anfangszeit der Kolonialisierung den größten Profit gebracht, sondern Gewürze. Kaum ein Gericht des 18. oder 19. Jahrhunderts, das ohne eine kräftige Prise der zermahlenen Muskatnuss auskam. Als Erste erreichten Anfang des 16. Jahrhunderts Portugiesen die Bandainseln, wo sie gleich einen Handelsstützpunkt aufbauten.

Die Muskatnuss, kolorierter Stich, um 1798 | Botanisch gesehen handelt es sich bei der Muskatnuss nicht um eine Nuss, sondern um den Kern einer so genannten Balgfrucht. Auch das den Kern umgebende Gewebe wird genutzt: Die netzartige Struktur ist als Macis oder Macisblüte bis heute im Handel.

Der Kampf um das Gewürzmonopol

Der lukrative Handel mit Muskat weckte auch bei den konkurrierenden Kolonialmächten Begehrlichkeiten, die bald mit Waffengewalt versuchten, das Handelsmonopol an sich zu reißen. Ausgetragen wurden diese Kämpfe primär von den Handelskompanien, die um 1600 gegründet wurden. Vor allem die englische East India Company (EIC) und die niederländische Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) bekriegten sich. Die Kompanien waren Kaufmannsgesellschaften, die sich von der Krone ihres eigenen Landes Privilegien gekauft hatten – etwa das Recht, exklusiv Handel mit einer bestimmten Kolonie treiben zu können. Über einen langen Zeitraum wurde die Kolonialisierung auf diese Art organisiert: Die Machthaber verkauften Lizenzen an die Gesellschaften, die dann vor Ort, mit weit reichenden Befugnissen ausgestattet, die Ausbeutung übernommen haben.

Beide Handelskompanien bauten auf den Bandainseln Niederlassungen, so genannte Faktoreien. Gleichzeitig übten sie Druck auf die indigene Bevölkerung aus, lediglich mit ihnen Handel zu treiben. Durch aufgezwungene »Schutzverträge« gelang es der VOC Stück für Stück, die Kontrolle über die Bandainseln zu bekommen. Mit Ausnahme von zwei kleinen Inseln: Ai und Run.

Hätten sie auch noch diese in der Hand, wäre ihnen das Handelsmonopol für Muskat gewiss. Die englischen Konkurrenten von der EIC versuchten daher, ihren eigenen Zugriff auf Ai und Run zu festigen, was nur teilweise gelang. 1615 starteten die Niederländer einen Angriff auf die Insel Ai und vertrieben die Vertreter der EIC. Blieb noch die Insel Run, auf der die Engländer nun Befestigungsanlagen bauten. Und tatsächlich, den Niederländern gelang es zunächst nicht, auf die Insel zu kommen. Erst nach vier Jahren Belagerung nahmen sie Run ein. Das sicherte der VOC ab den 1620er Jahren das Monopol auf den Muskathandel, das sie mit aller Macht verteidigten.

Die VOC tötet alle Einheimischen und ersetzt sie durch Sklaven

Die Händler auf den Inseln wurden dazu gezwungen, ausschließlich mit der VOC Geschäfte zu machen. Taten sie das nicht, traf sie die brutale Härte der Kolonialmacht. Auf einer Strafexpedition 1621 unter Jan Coen, dem späteren Generalgouverneur der niederländischen Ostindienkompanie, wurde fast die gesamte Bevölkerung der Bandainseln getötet. Überlebt haben nur wenige, die es geschafft haben, auf benachbarte Inseln zu fliehen. Die Forschung geht davon aus, dass etwa 15 000 Menschen ermordet wurden.

»De Molukkische Eilanden, Celebes, Gilolo« | Dass die Karte von Nicolas Sanson (Utrecht, 1683) mit dem heutigen Indonesien im Zentrum die winzigen Banda-Inseln noch einmal herausstellt, belegt die überragende Bedeutung der Inselgruppe. Die Inseln Run und Ai sind allerdings auch im Kasten nicht dargestellt. Sie befinden sich westlich der Hauptinsel.

Anschließend wurden die Inseln neu besiedelt. Das Land wurde in Parzellen aufgeteilt, die Perken, benannt nach einem holländischen Flächenmaß, und bis 1628 an niederländische Auswanderer verteilt – die Perkeniers. Gleichzeitig wurden Bewohner anderer Gebiete versklavt und auf den Inseln angesiedelt. Sie mussten die Muskatplantagen dann bewirtschaften.

Ein Inseltausch mit Folgen

Der Kampf um die Kontrolle der wichtigsten Handelsrouten ging in den nächsten Jahrzehnten weiter. Vier Englisch-Niederländische Seekriege sollten ab 1652 folgen. Der erste endete mit einem Sieg der Engländer. Im Frieden von Westminster wurde die VOC verpflichtet, die Insel Run an die EIC zu übergeben. Die Niederländer weigerten sich aber, und es dauerte nicht lange, bis der zweite Seekrieg begann. Diesmal behielten in mehreren Seeschlachten die Niederländer die Oberhand. So kam es 1667 zum Frieden von Breda – und einem bemerkenswerten Tausch. Die Engländer verzichteten auf die Insel Run und überließen das Muskatmonopol den Niederländern. Dafür behielten sie aber eine Insel, die sie 1664 erobert hatten: Manhattan.

Die Siedlung Nieuw Amsterdam auf der Insel Manhattan war ab 1624 und formal bis zum Frieden von Breda 1667 der Verwaltungssitz der Kolonie Nieuw Nederland, ein Gebiet an der heutigen Ostküste der USA, von dem sich die Niederländer nun zurückzogen. Und so kam es zum Tausch zweier kleiner Inseln: Die eine sicherte den Niederländern das Muskatmonopol, und die andere wurde zur Keimzelle der bevölkerungsreichsten Stadt der USA. Allerdings bestätigten beide Seiten letztlich nur den Status quo: Run war schon länger unter der Kontrolle der VOC, und die Siedlung in Manhattan war bereits in New York umgetauft.

Das Ende des Muskatmonopols kam rund 130 Jahre später, Anfang des 19. Jahrhunderts: 1796 eroberten die Engländer die Molukken und pflanzten Muskatbäume schließlich auch anderswo. Bald waren diese nicht mehr nur auf den Bandainseln zu finden, sondern schließlich weltweit im gesamten Tropengürtel. So hat sich der Tausch für die Republik der Vereinigten Niederlande nur kurzfristig gelohnt.

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