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Lexikon der Neurowissenschaft: Frühsommer-Meningoencephalitis

Frühsommer-Meningoencephalitis w, Zecken-Encephalitis, Tick-Borne-Encephalitis, zentraleuropäische Encephalitis, Waldencephalitis, Abk. FSME, E spring-summer encephalitis, central European encephalitis (Abk.CEE), eine durch das FSME-Virus (FSMEV) verursachte Erkrankung des Zentralnervensystems, die 1927 von Schneider erstmals beschrieben wurde. Die Erkrankung kommt hauptsächlich in Mitteleuropa vor. Die erste FSME-Virus-Isolierung erfolgte 1948, die Übertragung des Virus auf den Menschen erfolgt durch Zeckenstiche. Das FSMEV ist wie das Gelbfieber-Virus ein Flavivirus (Gruppe Arboviren aus der Familie der Togaviren) und hat einen Durchmesser von 20-80 nm. Es verliert seine Infektiosität durch Austrocknung, Pasteurisierung und chemische/enzymchemische Behandlung. Hauptreservoir und Hauptüberträger für das FSMEV sind in der Natur die Zecken; der wichtigste Vertreter ist dabei Ixodes ricinus (Holzbock). In Risikogebieten für eine FSME ist jede 20. bis 1000. Zecke Virusträger. Bevorzugte Stichstellen beim Menschen sind der Haarbereich des Kopfes, die Ohren, die großen Beugen sowie Hände und Füße. – Das Krankheitsbild der FSME ist geprägt von der Virulenz des Erregers und der körpereigenen Abwehrlage. Das Virus vermehrt sich in den Zellen des Infektionsorts; das neugebildete Virus gelangt auf dem Lymphweg in die Lymphknoten, wo wieder eine Virusvermehrung stattfindet. Durch den Transport über Lymphe und Blut werden weitere Organe infiziert, und es kommt zu einer massiven Vermehrung des Virus. Die hohe Virusproduktion in den Organen ist eine Voraussetzung für die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke. – Die FSME zeigt typischerweise einen zweigipfeligen Krankheitsverlauf: Nach einer Inkubationszeit von 5-28 Tagen (im Mittel 10 Tage) treten für die Dauer von wenigen Tagen zunächst grippeähnliche Symptome auf (Kopfschmerzen, Fieber, Hals- und Bauchschmerzen). Während dieser Phase sind die Laborbefunde bis auf eine Verminderung der Leukocytenzahl im Blut meist unauffällig. Nach einem beschwerdefreien Intervall von 2-8 Tagen kennzeichnen ein erneuter Fieberanstieg und starke Kopfschmerzen den Beginn der zweiten Krankheitsphase. Diese äußert sich zu ca. 50% als isolierte Hirnhautentzündung (Meningitis), zu 40% als Hirnentzündung (Meningoencephalitis) und zu 10% zusätzlich als Rückenmarksentzündung (Meningoencephalomyelitis). Neben den unspezifischen Zeichen einer Encephalitis wie Bewußtseinsstörungen, Anfällen, Hemiplegien und Hirnnervenlähmungen ist eine ausgeprägte Gleichgewichtsstörung (Ataxie) ein sehr typisches Merkmal für die FSME. Die Meningoencephalomyelitis entwickelt sich meist plötzlich einsetzend innerhalb weniger Stunden bis Tage und geht häufig mit einer Atemlähmung, einem Bewußtseinsverlust und einer Lähmung mehrerer Extremitäten einher. Etwa die Hälfte aller Patienten mit einer FSME leidet nach Abklingen der zweiten Fieberphase noch mehrere Wochen bis Monate unter einer erheblichen Leistungsminderung, bei 10% bilden sich die neurologischen Symptome auch nach Jahren nur unvollständig zurück. 1% der Patienten sterben an den Folgen der Erkrankung. Laborchemisch findet sich in der zweiten Erkrankungsphase häufig eine deutliche Vermehrung der Leukocyten im Blut, eine Beschleunigung der Blutsenkungs-Geschwindigkeiten und eine Erhöhung des C-reaktiven Proteins (CRP). Während des Anfangsstadiums der Erkrankung kann das Virus im Blut elektronenoptisch nachgewiesen oder auf Zellkulturen angezüchtet werden. In der zweiten Krankheitsphase ist das Virus nur noch in der Cerebrospinalflüssigkeit nachzuweisen. Ein infizierter Wirt bildet spezifische Antikörper gegen das FSMEV und ist dann zeitlebens immun gegen eine erneute Infektion. (Die serologischen Methoden der FSME-Diagnostik basieren auf dem Nachweis von spezifischen Antikörpern.) Eine Kausaltherapie ist bisher nicht bekannt. Der einzig wirksame Schutz besteht in der aktiven Immunisierung gegen die FSME. – Ob die in Osteuropa und Sibirien auftretende FSME als sibirische Encephalitis (russische Frühjahr-Sommer-Encephalitis, Abk. RFSE) von der FSME abgegrenzt werden kann, ist umstritten. Nach Ansicht mancher Autoren hat die RFSE einen meist schwereren Verlauf; die Literatur ist diesbezüglich jedoch sehr uneinheitlich. Borreliose.

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