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Lexikon der Neurowissenschaft: Reflex

Reflex m [von latein. reflexus = Zurückbiegen], E reflex, Bezeichnung für einen Reiz-Reaktions-Zusammenhang, bei dem ein bestimmter Reiz bei allen Individuen einer Art dieselbe, relativ gleichförmige bis stereotype, nervös ausgelöste Reaktion hervorruft. An jedem Reflex sind ein Rezeptor und ein Effektor beteiligt, die durch Nerven (Nerv) zu einem Reflexbogen miteinander verbunden sind. Die Reflexe werden unterteilt nach der Lage von Rezeptor und Effektor im Organismus wie auch nach der Anzahl der im Reflexbogen zwischengeschalteten Synapsen. Den einfachsten Fall findet man bei den Tentakeln der Seeanemonen, wo der Reflexbogen nur aus 2 Zellen besteht, 1 Sinnes- bzw. Nervenzelle und 1 Muskelzelle (Coelenteraten-Nervensystem). In den meisten Fällen wird der Reflexbogen von mehreren Neuronen aufgebaut, nämlich von einem vom Rezeptor kommenden afferenten (sensiblen) Neuron (Afferenz) und einem zum Rezeptor ziehenden efferenten Neuron (Efferenz). Da in einem derartigen Reflexbogen nur eine synaptische Verbindung besteht, spricht man von einem monosynaptischen Reflex (z.B. Kniesehnenreflex). Sind zwischen Afferenz und Efferenz ein bis mehrere Interneurone geschaltet, handelt es sich um einen polysynaptischen Reflex. Liegen Rezeptor und Effektor im selben Organ, wird der Reflex als Eigenreflex bezeichnet, bei räumlicher Trennung, d.h. Lage von Rezeptor und Effektor in verschiedenen Organen, als Fremdreflex. Eine weitere Unterteilung der Reflexe erfolgt nach funktionellen Kriterien, z.B. Schutzreflex (Lidschlußreaktion), oder nach den durch den Reiz ausgelösten Reaktionen, z.B. Schluckreflex, Niesreflex, Hustenreflex, Fluchtreflex oder Totstellreflex. Allerdings sind diese Verhaltenseinheiten, die eine komplizierte Muskelkoordination voraussetzen, durchaus mit einer komplexen Verhaltensregulation verbunden, denn sie können z.B. in ihrer Intensität den aktuellen Situationen angepaßt werden. Daher ist die Verwendung des Reflexbegriffs in diesen Fällen eigentlich nach den heutigen Vorstellungen nicht mehr korrekt und ergibt sich nur aus dem traditonellen Gebrauch des Begriffs. – Aufgrund ihrer deutlichen genetischen Determination (angeboren), insbesondere was die Auslösesituation betrifft, sowie der geringen bis mangelnden willentlichen Einflußnahme (beim Menschen) ermöglichen Reflexe eine schnelle Einstellung auf spezifische Umweltsituationen, häufig um unmittelbar drohenden Schaden abzuwenden. Die Reaktionszeit (Zeitraum zwischen dem Einwirken eines Reizes und der Reaktion), auch Reflexzeit genannt, ist daher auch relativ kurz, jedoch für die einzelnen Reflexe unterschiedlich lang. Sie ist beim monosynaptischen Eigenreflex am kürzesten, bei manchen vegetativen Reflexen, bei denen relativ träge arbeitende glatte Muskulatur oder Drüsenzellen die Effektoren sind, am längsten. Die Reflexzentren (Gesamtheit der an den Reflexbögen beteiligten Synapsen und Nervenzellen) der bisher besprochenen Reflexe befinden sich in den entwicklungsgeschichtlich älteren Teilen des Zentralnervensystems (ZNS), bei den Wirbeltieren also im Hirnstamm und Rückenmark. – In der Lerntheorie (Lernen) werden sogenannte unbedingte Reflexe ("angeborene Reflexe") den bedingten Reflexen ("erlernbare Reflexe") gegenübergestellt (Konditionierung; siehe Zusatzinfo 1 ). Die Beobachtung, daß nicht alle angeborenen Reflexe als Grundlage für die Bildung bedingter Reflexe ausgenutzt werden können (z.B. bisher vergeblich beim Kniesehnenreflex), widerspricht der klassischen Reflextheorie, nach der das ZNS lediglich als ein Konstrukt starrer Reflexbögen betrachtet wurde. Ebenfalls gegen die Reflextheorie sprechen die Tatsachen, daß die Reflexerregbarkeit unter dauernder Kontrolle hemmender oder bahnender Einflüsse steht, und daß in vielen Fällen der Reflex darauf abzielt, den reflexauslösenden Reiz zu beseitigen oder zu verändern (z.B. Putz-, Wisch-, Pupillenreflex; Pupillenreaktion). Es liegt daher in erster Linie nicht ein Reflexbogen vor, sondern die wechselnden Einflüsse der Umwelt sind im Sinne eines Funktionskreises durch Rückkopplung regulierend mit einbezogen (Regelkreis; siehe Zusatzinfo 2 ). In der heutigen Neurophysiologie ist man bemüht, den Reflexbegriff bzw. die dem Reflexgeschehen zugrundeliegenden Prozesse genereller als einen Bestandteil der zentralnervösen Steuer- und Regelungsfunktionen einzuordnen (Regelung). Die Verhaltenswissenschaften haben von Anfang an den Reflexbegriff gemieden, da durch ihn zwar, wie beschrieben, eine Reihe einfacher und adaptiv sinnvoller zentralnervöser Mechanismen erklärt werden kann, jedoch bei Überbetonung des Reflexprinzips (wie z.B. bei der Definition von Reflexketten geschehen) die Gefahr reduktionistischer Betrachtung der komplexen Entstehung von Verhaltensweisen gegeben ist.

Ha.Wi./J.O.

Reflex

1 Ein plötzlicher Luftstrom auf die Hornhaut des geöffneten Auges löst beim Säuger den unbedingten Reflex "Lidschlag" aus, ein Summton oder schwacher Lichtblitz zeigen aber keine Wirkung. Wird jedoch einer dieser beiden Reize kurz vor dem Reiz "Luftstrom" gesetzt und dieser Vorgang genügend oft wiederholt, so kann nach einiger Zeit der Reflex "Lidschlag" auch durch den Summton oder Lichtblitz ausgelöst werden. Dieser Reflex wird dann als bedingter Reflex, der auslösende Reiz als bedingter (besser "bedingender") Reiz bezeichnet. Ohne dauernde Übung können bedingte Reflexe auch wieder vergessen werden.

Reflex

2 Der Reflexbogen des Muskeldehnungsreflexes kann als Folgeregelkreis wirken: Folgt einer Muskelanspannung nicht die Verkürzung, weil ein mechanisches Hindernis entgegensteht, so entspricht die daraufhin erzeugte Muskelspindel-Afferenz (Muskelspindeln) im Prinzip der Differenz zwischen der angestrebten und der noch bestehenden Muskellänge (= Regelabweichung), damit aber auch (wiederum im Prinzip) der erforderlichen zusätzlichen Muskelanspannung, um das mechanische Hindernis zu überwinden. In der Tat übernimmt die Muskelspindel-Afferenz nach ihrer Umschaltung im Rückenmark die entsprechende Funktion, indem sie im absteigenden Schenkel des Reflexbogens als Efferenz übertragen wird und dann als Stellgröße zusätzliche Muskelkraftentfaltung auslöst.

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