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Coronakrise: »Die Kinder sollen nicht als Letztes berücksichtigt werden«

Kinderärzte und Hygieniker fordern dazu auf, Kitas und Schulen zu öffnen. »Wir können diesen Schritt wagen«, sagt Peter Walger von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene.
Kind malt mit FingerfarbenLaden...

Kitas, Kindergärten und Grundschulen sollen möglichst zeitnah und vollständig wieder öffnen. Das haben fünf deutsche Fachgesellschaften nun in einer Stellungnahme gefordert. Zu den Unterzeichnern gehören Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland sowie der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin. Warum die Autorinnen und Autoren trotz der Coronavirus-Pandemie für eine rasche Wiedereröffnung sind und wieso Kinder nicht einmal Masken tragen bräuchten, erzählt der Internist und DGKH-Vorstandssprecher Peter Walger im Interview.

Spektrum.de: Was hat Sie und die Kollegen zu der Stellungnahme bewogen?

Peter Walger: Die Datenlage. Und die Entwicklung der Pandemie. Die Krankenhaushygieniker haben von Anfang an darauf geachtet, gefährdete Gruppen besonders zu schützen. Eine Frage war stets, wer dazu zählt und was die Risiken sind. Mit den zunehmenden Erkenntnissen haben wir festgestellt, dass Kinder nicht dazu gehören. Einzelanalysen und Studien zeigen: Kinder sind nicht die treibende Kraft dieser Pandemie. Diese Erkenntnis teilen wir mit den pädiatrischen Fachgesellschaften. Darum haben wir uns zusammengesetzt und es zu Papier gebracht.

Unter anderem die Ergebnisse des Teams um den Virologen Christian Drosten deuten darauf hin, dass Kinder eine ähnlich hohe Viruslast im Rachen haben wie Erwachsene. Besteht nicht also das Risiko einer neuen Ansteckungswelle, wenn Kitas und Schulen nun wieder umfassend öffnen?

Das erwarten wir nicht. Zwischen der Viruslast im Rachen und der Ansteckungsfähigkeit gibt es zunächst keinen Zusammenhang. Die eigentliche Frage ist nicht: Wie viele Viren befinden sich im Rachen, sondern wie viele davon kommen bei anderen an? Die Fülle an Daten, die es mittlerweile gibt, weist darauf hin, dass es zwischen diesen beiden Fragen keinen einfachen Zusammenhang gibt. Kinder übertragen nach aktuellen epidemiologischen Daten das Virus deutlich seltener. Das wird in der Diskussion der genannten Publikation zwar auch erwähnt. Dennoch interpretieren die Autoren ihre Daten eher in die Richtung, dass sie gegen eine Öffnung der Schulen und Kitas sprechen. Es gibt eine vergleichbare Studie aus Frankreich, die zu ähnlichen Ergebnissen kommt. Die Wissenschaftler interpretieren ihr Ergebnis aber vorsichtig, indem sie eine Ansteckung durch Kinder für möglich halten.

Peter WalgerLaden...
Peter Walger | Der Bonner Internist verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH).

Einige vorveröffentlichte Daten – unter anderem aus China, Deutschland und der Schweiz – deuten darauf hin, dass sich Kinder und Erwachsene ähnlich häufig anstecken.

Die Mehrzahl der Daten, insbesondere bei Kindern unter 10 Jahren, spricht nicht dafür. Natürlich stecken Kinder andere an – keine Frage, das ist möglich. Aber deutlich seltener, als das beispielsweise Erwachsene tun. Laut dem WHO-China Joint Mission Report etwa geschehen 80 Prozent der kindlichen Infektionen im familiären Kontext durch einen infizierten Erwachsenen. Auch deutsche Surveillance-Daten sprechen gegen eine vergleichbare Übertragungsrate. Wir haben das in der Stellungnahme ausführlich dargestellt.

Wenn Kinder betroffen sind, erkranken sie in der Regel weniger schwer und zeigen – wie so viele Erwachsene – keine Symptome. Der Anteil von Kindern unter zehn Jahren liegt laut dem aktuellen Bericht des RKI unter zwei Prozent, Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren machen etwa vier Prozent aus. Könnte es nicht sein, dass der Anteil von Kindern nur deshalb so gering ist, weil sie seltener getestet werden?

Mittlerweile liegen Studien vor, deren Autoren auch Kinder ohne Symptome getestet haben. Bei einer Studie in Island hat das Team beispielsweise sechs Prozent der Bevölkerung, also eine relativ große Stichprobe untersucht. Unter den positiven Fällen war kein einziges Kind jünger als zehn Jahre. Ähnliche Daten gibt es aus den Niederlanden oder der Schweiz. Das ist nicht nur eine Frage des Testens. Die vorliegenden epidemiologischen Daten sind zwar kein Beweis, sprechen aber alle dieselbe Sprache: Kinder spielen nur eine untergeordnete Rolle in der Dynamik der Pandemie. Deshalb sehen wir die Möglichkeit für Spielräume einer Deeskalation, das heißt, Kitas und Schulen zügiger zu öffnen. Natürlich unter Schutzbedingungen. Wir glauben, dass ein Teil der Diskussionen um dieses Thema von Angst getrieben ist – von Seiten des Betreuungspersonals. Der notwendige Schutz der Betreuer und der Lehrer steht den Öffnungen aber nicht entgegen.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unserer FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verändert die Welt«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Wie wollen Sie diesen sicherstellen?

Für Lehrer und Betreuer gelten die Hygieneregeln wie Abstand, Händewaschen und Hustenetikette unverändert fort. Die Abstandsregeln einzuhalten, sollte für einen Lehrer ohne Weiteres möglich sein. Wo das nicht geht, sollen Lehrer oder Betreuer einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Man kann auch in besonders riskanten Bereichen, etwa in der Betreuung von behinderten Kindern, wo Hygieneregeln schwerer umzusetzen sind, über Testungen des Personals nachdenken.

Wie soll denn ein Kitabetreuer Abstand halten von einem weinenden Kind, das sich beim Spielen das Knie aufgeschlagen hat? Oder beim Auftischen des Essens?

Das wird von ihm ja nicht verlangt. Wenn das Risiko einer Ansteckung befürchtet wird, zum Beispiel je nach allgemeiner oder sehr konkreter Abwägung des Infektionsgeschehens im Umfeld, sollte ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Der wird absehbar zur Grundausstattung des Betreuungspersonals gehören müssen.

Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gilt für Kinder aber nicht. Erst wenn sie älter als zehn Jahre sind, sollen sie eine Maske tragen. In den meisten Bundesländern gilt das beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln schon für Kinder ab sechs Jahren. Wie begründen Sie das?

In den meisten der genannten Studien wird die Altersgruppe von null bis zehn Jahren analysiert. Das ist also der Kita- und Grundschulbereich. Wo immer man hinschaut, ist diese Gruppe am wenigsten betroffen. Es wäre unverhältnismäßig und praktisch auch nicht umsetzbar, das kindliche Verhalten durch irrationale Abstandsregeln oder Maskentragen zu beeinflussen. Man kann hier ebenfalls über einfache Hygieneregeln wie Händewaschen und die Gruppengröße genügend Einfluss auf das Infektionsgeschehen nehmen. Für Elf- oder Zwölfjährige oder für die noch Älteren, die bereits auf eine weiterführende Schule gehen, sind Hygieneregeln eher vermittelbar, das gilt genauso für das Tragen einer Maske in besonderen Situationen. Die Einschätzung teilen gleichfalls Kinderärzte. Doch nicht nur das Verhalten in der Schule ist wichtig, sondern auch außerhalb. Gruppen sollten sich nicht zu sehr vermischen.

Was macht Sie so sicher, dass sich die Kinder an die Regeln halten werden, sich etwa in den Pausen nicht mit Kindern aus anderen Klassen treffen?

Niemand kann sich darüber sicher sein. Aber man muss es beeinflussen, um Risiken zu verringern. Wir werden allerdings akzeptieren müssen: Es wird Infektionen geben. Mit der Stellungnahme bieten wir der Politik jedoch Möglichkeiten an, besonnen zu reagieren. Nicht jede Infektion eines Kindes oder eines Schülers muss mit Schließung der Einrichtung beantwortet werden. Wir können diesen Schritt wagen. In der Schweiz läuft es so bereits – beispielsweise im Großraum Basel ist das schon seit Anfang Mai gelebte Realität. Und da gibt es bislang keinen Ausbruch. Ebenso in Schweden und Island.

Die Entwicklung des Coronavirus in Deutschland | Den ersten Coronavirus-Fall gab es in Deutschland Ende Januar 2020. Seitdem sind mehr und mehr Menschen erkrankt. Klicken Sie in die Grafik, um zu sehen, wie viele das Virus nachweislich in sich tragen, wie viele an den Folgen starben und wie viele als genesen gelten. Die Werte des jeweiligen Tages sehen Sie rechts oben. Mit den Schiebereglern im unteren Abschnitt lässt sich der Zeitraum einschränken.

Was, wenn in einer Einrichtung vermehrt Fälle auftreten? Wie etwa an einer Schule im nordrhein-westfälischen Münster, wo am 19. Mai bekannt wurde, dass vier Schüler und zwei Lehrer Sars-CoV-2 in sich tragen?

Dann ist eine besonnene Analyse wichtig. Die Schulleitung muss sich mit dem Gesundheitsamt zusammensetzen und besprechen: Was ist konkret passiert? Wo haben die Ansteckungen stattgefunden? Handelt es sich überhaupt um einen Ausbruch? Möglicherweise handelt es sich ja gar nicht um Ansteckungen innerhalb der Schule, sondern im familiären oder sozialen Umfeld. Die Fälle müssen identifiziert und unter Quarantäne gestellt werden, ebenso die engen Kontakte, die vielleicht zur Infektionskette gehören. So etwas soll, darf und muss aber nicht automatisch zur Schließung des gesamten Schulkomplexes führen. Handelt es sich doch um Übertragungen innerhalb der Schule, muss man herausfinden, wo eventuelle Schwachstellen liegen und daraus Handlungen und Verbesserungen ableiten.

Wir befinden uns schließlich alle in einem Lernprozess.

Richtig. Was wir mit dieser Stellungnahme auch bezwecken, ist, Eltern und Betreuern ein Rüstzeug an die Hand zu geben, um auf solche Ereignisse besonnen zu reagieren und herauszufinden, wie man mit Infektionsrisiken oder tatsächlich Infizierten umzugehen hat. Ein von Angst getriebenes Konzept ist kein guter Ratgeber.

»Zurzeit findet die Einschleppung des Virus in einen Haushalt vor allem durch Personen statt, die in nicht oder wenig geschützten Bereichen arbeiten oder sich einfach nicht an Hygieneregeln halten«

Was ist, wenn Erwachsene, die zu einer Risikogruppe gehören, im gleichen Haushalt mit den Kindern leben?

Das ist Teil des Infektionsmanagements. Es ist auch Aufgabe des Lehrers und des Betreuungspersonals, zu fragen: Leben die Kinder mit besonders gefährdeten Personen zusammen? Es gibt Empfehlungen dafür, wie mit solchen Situationen in Familien umzugehen ist. Da gelten natürlich die allgemeinen Hygieneregeln wie Mund-Nasen-Schutz, Händewaschen, Abstand halten, Wohnung lüften. Es muss geklärt werden: Wie bewege ich mich im öffentlichen Leben, wer geht einkaufen? Das Verhalten im privaten und sozialen Umfeld ist ein durchgängiges Problem, das man letztlich bei jedem Infektionsfall klären muss. Das hat primär nichts mit der Schule zu tun. Zurzeit findet die Einschleppung des Virus in einen Haushalt vor allem durch Personen statt, die in nicht oder wenig geschützten Bereichen arbeiten oder sich einfach nicht an Hygieneregeln halten. Es sind auch immer noch Schwestern, Pfleger, Ärzte sowie Personal aus Obdachlosen-, Alten- oder Pflegeheimen, die durch den Umgang mit Infizierten riskiert sind und sich anstecken. Infektionen werden weniger aus den Schulen oder Kitas heraus kommen.

Selbst für Kinder, deren Vater beispielsweise herzkrank ist, sollte die Schulpflicht also weiterhin bestehen?

Natürlich unter maximal möglichem Schutz des Vaters. Es gilt, im privaten Bereich Schutzmaßnahmen zu treffen. Das ist auch ein Appell an die Eigenverantwortlichkeit des Vaters oder der gesamten Familie. Ein effektiver Schutz ist möglich; ich möchte einmal daran erinnern: Viele Daten zur innerfamiliären Übertragung zeigen, dass das Risiko, sich beim Zusammenleben mit einem Infizierten anzustecken, bei durchschnittlich 10 bis 15 Prozent liegt. Selbst wenn sich ein Kind in der Schule anstecken sollte – was unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen ist – lässt sich die Situation beherrschen, wenn zu Hause Hygieneregeln eingehalten werden.

Sie sind also klar dagegen, schrittweise vorzugehen, so wie die Bundesregierung es derzeit plant?

Schrittweise oder nicht schrittweise ist nicht die Diskussion. Es ist vielmehr eine Frage des Tempos. Schrittweise muss es sein, weil sich ja jede Schule vorbereiten muss. Haben die Lehrer ausreichend Mundschutz? Sind genügend Toiletten und Waschbecken mit Seifenspender und Papierhandtüchern ausgestattet? Wie können wir die Abstandsregeln einhalten? Die Schulen müssen sich organisieren, und wenn man sich umschaut, tun sie das auch zunehmend.

Es geht ihnen aber trotzdem zu langsam?

Es wäre schneller möglich. Die Kinder sollen nicht als Letztes berücksichtigt werden. Dass das geht, machen uns andere Länder – und sogar auch einzelne unserer Bundesländer – vor. Sachsen zum Beispiel. Dort sind Kitas und Grundschulen seit dem 18. Mai wieder geöffnet. Oder das Beispiel Schweiz. Es gelten weder Mindestabstand noch Maskenpflicht bei den unter Zehnjährigen. Da stecken viele gute Überlegungen und kluge Entscheidungen dahinter. Sie beruhen auf denselben Daten, die wir in unserer Stellungnahme zusammengefasst haben.

»Selbst wenn sich ein Kind in der Schule anstecken sollte – was unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen ist – lässt sich die Situation beherrschen«

Sie und ihre Kollegen haben die Stellungnahme eigentlich bereits am 18. Mai veröffentlicht. Sie haben das Papier aber gestern nochmals überarbeitet. Was hat sich geändert?

Am Text selbst hat sich nichts geändert, wir haben nur eine Passage in der Zusammenfassung nach vorne gehoben, die ohnehin im Dokument ausgeführt war. Dahinter steckt der notwendige Konsens zwischen den Fachgesellschaften. Wir haben noch eine andere Hygieneorganisation, die Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin, hinzugewonnen und wünschen uns natürlich, weitere Unterstützer zu gewinnen.

Wie finden Sie die ersten Reaktionen auf die Stellungnahme?

Wir sind darüber erschrocken, was manche Medien aus dieser Stellungnahme gemacht haben, ohne sie – meinem Eindruck nach – überhaupt gelesen zu haben. Nicht einmal die Zusammenfassung scheint gelesen worden zu sein, sondern nur die Überschrift. Die ist zwar lang und lautet »Schulen und Kitas sollen wieder geöffnet werden. Der Schutz von Lehrern, Erziehern, Betreuern und Eltern und die allgemeinen Hygieneregeln stehen dem nicht entgegen«. Aber daraus zu folgern, es würde die Öffnung der Einrichtungen ohne Rücksicht auf die Hygiene zu fordern, überrascht doch sehr.

»Nicht einmal die Zusammenfassung scheint gelesen worden zu sein«

Weit vorn in der neuen Version heißt es nun auch: »Die Öffnung der Schulen und Kindereinrichtungen sollte durch strukturierte wissenschaftlichen Surveillance-Untersuchungen exemplarisch begleitet werden«.

Ja, das stimmt und ist ein wichtiges Anliegen aller beteiligten Fachgesellschaften. Wir wollen uns nicht anmaßen, zu sagen: Unsere Stellungnahme ist das letzte Wort. Wir wollen die Kinder nicht in irgendeine Strategie pressen. Wir brauchen Analysen von Infektionshäufungen, die zeigen: Was ist beispielsweise in Münster passiert? Was passiert im nächsten Herbst, wenn die Hälfte der Kinder eine Rotznase hat? Wie entwickelt sich die Pandemie in den verschiedenen Altersgruppen? Man kann natürlich nicht flächendeckend alle Kinder testen. Aber man muss überall Konzepte für exemplarische Studien entwickeln. In Bonn – unter der Leitung von Martin Exner, einem der Unterzeichner der Stellungnahme – beginnt derzeit beispielsweise eine große Studie an der Kita des Universitätsklinikums. Das Betreuungspersonal wird trainiert, und die Kinder werden auf das Coronavirus untersucht. Solche Daten sollen uns Aufschluss darüber geben, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

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