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Übergewicht: Dünne Studien zu dicken Kindern

"Du musst deinen Feind kennen, um ihn besiegen zu können", sagt ein altes Sprichwort. Frei nach diesem Motto versuchen Wissenschaftler weltweit die Ursachen von Übergewicht als Bedrohung der Volksgesundheit zu ergründen. Wer dachte, die seien hinlänglich bekannt, muss wohl irren.
Sie treiben kaum Sport, hängen ständig vor Fernseher und Computer, futtern Fastfood und werden von ihren Altersgenossen gehänselt: dicke Kinder. Ernährungswissenschaftler raten als Gegenmaßnahme zu mehr Bewegung, weniger fettigem Essen und gemeinsamen regelmäßigen Mahlzeiten im Familienkreis. Die Betroffenen, so ist ebenfalls häufig zu hören, stammen meist aus armen Verhältnissen.

Alles nur Klischee, behaupten nun Paul Veugelers und Angela Fitzgerald von der Universität Alberta [1]. Ihrer Meinung nach entbehren die Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler wissenschaftlicher Grundlagen. Auch wenn die Anzahl übergewichtiger Kinder ständig zunähme, so die Forscher, lägen die Ursachen dafür immer noch im Dunklen. Um das Wissen zu mehren, untersuchten sie 4298 Fünftklässler in der kanadischen Provinz Nova Scotia.

Die Ergebnisse klingen irgendwie vertraut: An Übergewicht leiden vor allem Kinder, die selten am Schulsport teilnehmen, sondern lieber zu Hause stundenlang vor dem Fernseher oder dem Computer verbringen. Unregelmäßige Mahlzeiten und Essen vor dem Fernsehen zählen ebenfalls zu den Risikofaktoren. Insgesamt trifft es eher Kinder aus ärmeren Verhältnissen, deren Eltern ein geringeres Bildungsniveau haben. Außerdem essen sie nur selten gemeinsam mit ihrer Familie, sondern kaufen sich meistens etwas in der Schule. Dies führt vor allem dann zu Übergewicht, wenn Fastfood-Ketten die Schulkantine betreiben und an der Schule zuckerhaltige Softdrinks verkauft werden. Klischee geprüft und bestätigt.

Überraschender klingen dagegen die Erkenntnisse der Soziologin Wendy Wills von der Universität Hertfordshire [2]. Sie wollte wissen, wie Jugendliche zu dem Thema Übergewicht allgemein und ihrem Körper im besonderen stehen und befragte dazu 18 normal- und 18 übergewichtige Teenager. Diese äußerten sich positiver als erwartet: Auch Dicke seien attraktiv, und die meisten äußerten sich zufrieden zu ihrer eigenen Figur. Diäten und alle vom Diätwahn Befallenen seien dagegen nur nervig. Die Gefahr einer Magersucht sei schließlich viel beängstigender als ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften. Auch Hänseleien gegenüber Dicken, so die Befragten, seien gar nicht so schlimm, denn es gebe schließlich auch Dünne, die ständig den Sticheleien anderer ausgesetzt seien.

Also alles gar nicht so schlimm wie gedacht? Die Forscherin zeigte sich jedenfalls von ihren überraschend positiven Ergebnissen beeindruckt und schließt, die psychischen Folgen von Übergewicht seien weit weniger dramatisch als angenommen. Ob übergewichtige Mobbing-Opfer das genauso sehen, weil schließlich auch Dünne mitunter gehänselt werden? Irgendwie verwundert auch die Tatsache, dass die Hälfte aller Befragten trotz aller Diätkritik, und obwohl sich doch alle so zufrieden zu ihrem eigenen Körper äußerten, gerade versuchte abzunehmen. Und wenn auch die meisten erklärten, insgesamt mit ihrer Figur zufrieden zu sein, fanden nahezu alle einzelne Körperteile zu dick.

Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit entgeht jedoch Wills. So lesen sich ihre Ergebnisse wie die alljährlich wiederkehrenden Frühsommer-Ausgaben annähernd jeder Frauenzeitschrift. Die erklären unverdrossen, dick sei schick und es komme doch eigentlich nur auf innere Werte an. Im Rest des Heftes zeigen sie Models in Kleidergröße XS und erklären, welche Diät wirklich hilft, welche Kleidung die Problemzonen versteckt und welcher Sport den Bauch am schnellsten verschwinden lässt. Da liegt der Verdacht nahe, dass auch die von Wills befragten Jugendlichen nur das gesagt haben, was sie für sozial erwünscht halten.

Mit einem anderen bekannten Phänomen der lästigen Pfunden zu viel setzt sich Andrew Plantinga von der Oregon State University auseinander [3]. Warum leben in Vorstädten überproportional viele füllige Menschen? Sind es die Dicken, die in die Vorstadt ziehen? Oder macht das Leben dort rund?

Beides, so findet Plantinga heraus. Einerseits fördern Vorstädte einen bequemen Lebensstil – alle Entfernungen zum nächsten Supermarkt sind schon so groß, dass die Bewohner lieber gleich mit dem Auto fahren. Zudem ist in solchen Gemeinden Fahrradfahren oder Laufen häufig auf Grund einer auf Autos optimierten Infrastruktur umständlich – und Bewegungsmangel, das ahnte man ja bereits vor der Studie von Veugelers und Fitzgerald, fördert Übergewicht. Andererseits ziehen Übergewichtige besonders gern in Gegenden, wo sie bequem überall mit dem Auto hinkommen. Sportliche Menschen suchen sich dagegen eher in der Innenstadt eine Wohnung, wo sie die Möglichkeit haben, zum Einkaufen zu laufen oder radeln.

Über mögliche Maßnahmen als Konsequenz seiner Studie zur Beseitigung des ungünstigen Trends von Gewichtszunahme und Umgebung äußert sich Plantinga selbst skeptisch: Kommunen könnten dafür sorgen, dass gut ausgebaute Fahrrad- und Fußwege in Vororten Bewegung ermöglichen oder die Verkehrsführung das Autofahren erschwert. Andererseits könnte dieser Versuch nach hinten losgehen: Sportlich schlanke Menschen könnten vermehrt in derart gestaltete Gebiete ziehen, da die ihren Bedürfnissen entgegenkommen, während die Dicken weiter dorthin ziehen, wo sie ihr Bedürfnis nach maximaler Bequemlichkeit befriedigen können.

Fassen wir zusammen: Fastfood, extensives Fernsehen und Computerspielen, Bequemlichkeit, unregelmäßige Mahlzeiten und Softdrinks machen dick. Dagegen schützen Sport, körperliche Aktivität im Alltag sowie gemeinsame Mahlzeiten in der Familie vor Übergewicht. Also auf voller Linie Entwarnung für die Ernährungswissenschaftler: So falsch scheinen sie mit ihren bisherigen Empfehlungen ja nicht gelegen zu haben. Da könnte man doch die offensichtlich reichlich vorhandenen Forschungsgelder in Zukunft beruhigt in Aktionsprogramme zur Bekämpfung des Übels stecken.
17.09.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17.09.2005

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