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Fossilfund: Denisovaner lebten wohl auch in Südostasien

In Laos haben Forschende einen Zahn entdeckt, der verdächtig denisovanisch aussieht. Der Höhlenfund legt nahe, dass die Menschenform tatsächlich weit über Asien verbreitet war.
Backenzahn - womöglich von einer Denisovanerin aus einer Höhle in Laos.

In einer Höhle im Norden von Laos haben Forschende einen 164 000 bis 131 000 Jahre alten Zahn ausgegraben, der wohl von einem Denisovaner-Mädchen stammte. Sollte sich diese Zuweisung endgültig bestätigen, wäre der Fund der erste anthropologische Beleg dafür, dass die Denisovaner tatsächlich in Südostasien lebten. Bei ihnen handelt es sich um eine ausgestorbene Menschenform, die zeitgleich mit Neandertalern und anatomisch modernen Menschen existierte.

Der ungefähr einen Zentimeter große Backenzahn, den Fachleute jüngst in »Nature Communications« vorstellten, ist erst das zweite Denisovaner-Fossil, das außerhalb Sibiriens entdeckt wurde. Der Fundort in Laos untermauert nun die These, dass die Menschenform in einem sehr viel größeren Gebiet umherstreifte, als es die bisherigen Knochen- und Zahnfunde annehmen ließen.

»Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Denisovaner in diesem Teil der Welt lebten, aber wir hatten keinen direkten Beleg dafür«, sagt Laura Shackelford, Paläoanthropologin an der University of Illinois Urbana-Champaign und Koautorin der Studie. »Dies ist nun ein kleiner Beweis dafür, dass sie wirklich dort waren.«

Fast alle Funde von Denisovaner kommen aus der namensgebenden Denisova-Höhle

Die Denisovaner wurden erstmals 2010 identifiziert, als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die DNA eines Fingerknochens aus der Denisova-Höhle in Sibirien sequenzierten und nachwiesen, dass er zu einer bis dahin unbekannten Menschenform gehörte. Nachfolgende genetische Studien ergaben, dass die heutige Bevölkerung in Asien und Ozeanien Sprengsel von Denisova-Erbgut in sich trägt.

Bislang hatten also einzig genetische Analysen gezeigt, dass die Denisova-Menschen weit über Sibirien hinaus verbreitet waren. Fossile Funde hingegen sind Mangelware. Sie beschränken sich auf einige Zähne, Knochensplitter und einen in Tibet gefundenen Kieferknochen. Bis auf das Fossil in Tibet stammen alle Exemplare aus der namensgebenden Denisova-Höhle – einschließlich eines Knochenstücks von einem Mädchen, dessen Mutter Neandertalerin und dessen Vater Denisovaner war.

Dass die Fundlage so spärlich ist, liegt zum Teil daran, dass Fossilien in kalten und trockenen Bedingungen besser konserviert werden als in warmer, feuchter Umgebung. Shackelford und ihre Kollegen suchten 2018 dennoch nach möglichen Ausgrabungsstätten im Norden von Laos, wo sie auf eine Höhle namens Ngu Hao 2 stießen, die »voll mit Zähnen« war. Diese stammten von verschiedenen Tierarten wie Riesentapiren, Hirschen, Schweinen und Vorfahren heutiger Elefanten. Wahrscheinlich hatten Stachelschweine die Stücke zusammengetragen, um ihre eigenen Zähne daran zu schärfen und Nährstoffe zu gewinnen, erklärt Shackelford. Zu den ersten Fossilfunden aus der Höhle gehörte denn auch ein kleiner, nicht voll entwickelter Zahn eines Homininen.

Warum der Zahn denisovanisch sein könnte

Eine Datierung des Höhlengesteins und der Tierzähne ergab, dass der menschliche Zahn älter ist als die Überreste der ersten anatomisch modernen Menschen in dieser Region. »Das war eine riesige Überraschung«, sagt Shackelford. Hatte die Arbeitsgruppe doch gar nicht damit gerechnet, überhaupt auf menschliche Überreste zu stoßen. Zunächst gingen die Forscher und Forscherinnen davon aus, dass der Zahn von einem Homo erectus stammte. Diese Menschenform lebte in Asien vor etwa 2 Millionen bis 100 000 Jahren. Doch der Backenzahn sei »zu komplex« für Homo erectus, finden Shackelford und ihr Team. Und obwohl einige Merkmale an die Zähne von Neandertalern erinnern, sei der Backenzahn auffällig »groß und irgendwie seltsam«, sagt Bence Viola, Paläoanthropologe an der University of Toronto.

Die größte Ähnlichkeit bestehe mit den Zähnen im Kieferknochen aus Tibet. »Denisovaner hatten absolut gigantische Zähne«, sagt Viola. »Es handelt sich also sehr wahrscheinlich um einen Denisovaner.«

Die Zahnwurzel am Fund aus Laos ist nicht voll ausgebildet, was darauf hinweist, dass der Zahn zu einem Kind gehörte. Zudem fehlten im Zahnschmelz bestimmte Peptide, die mit dem Y-Chromosom in Verbindung stehen – ein Hinweis, dass der Backenzahn von einem weiblichen Denisovaner stammen könnte.

War es wirklich ein Denisovaner?

Eine ganze Menschenform allein aus Knochenfragmenten zu rekonstruieren, die jahrtausendelang unter tropischen Bedingungen zersetzt wurden, sei ziemlich schwierig, findet Katerina Douka von der Universität Wien. Solange man nicht mehr Fossilien finde oder weitere DNA-Analysen durchführe, »können wir nicht wirklich wissen, ob dieser einzelne und schlecht erhaltene Backenzahn je zu einem Denisovaner gehörte«.

Für Bence Viola hingegen lag der Backenzahn »am richtigen Ort zur richtigen Zeit«, um zu einem Denisovaner zu gehören. Sollte es sich bestätigen, wäre klar: Die Menschenform konnte sich an unterschiedliche Umweltbedingungen anpassen. Denn vor mehr als 131 000 Jahren war die Region in Laos leicht bewaldet und das Klima gemäßigt – demnach herrschten ganz andere Bedingungen als in Sibirien und in Tibet, wo die Denisovaner eisigen Temperaturen widerstehen mussten. Dass sie in verschiedenen Klimazonen leben konnten, würde die Denisova-Menschen auch von den Neandertalern unterscheiden und näher zu Homo sapiens rücken. Denn die Neandertaler waren vor allem an kältere Orte angepasst.

Obwohl der Zahn momentan nicht sicher einer bestimmten Menschenform zugewiesen werden kann, wird der Fund andere Forschende womöglich ermutigen, in Südostasien nach Fossilien von Urmenschen zu suchen; davon ist Viola überzeugt. »Als wir in Laos zu forschen begannen, hielten uns alle für verrückt«, sagt Shackelford. »Aber wenn wir Dinge wie diesen Zahn finden können – womit wir gar nicht gerechnet haben –, dann gibt es wahrscheinlich noch mehr Fossilien von Homininen zu entdecken.«

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