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Händigkeit: Warum gibt es Linkshänder?

Warum schreiben die meisten Menschen mit rechts? Welche Vorteile bietet die dahintersteckende Aufgabenteilung des Gehirns? Und wie entsteht die Handpräferenz eigentlich? Unser Autor Florian Sturm wagte sich für einen Selbstversuch ins Labor.
Schulkind schreibt mit LinksLaden...

Kalt und glibberig fühlt sich das Gel an, das die Neurowissenschaftler Sebastian Ocklenburg und Gesa Berretz auf meine Kopfhaut träufeln. Mit stumpfen Nadeln injizieren sie in jede der 64 Elektroden der EEG-Haube, die ich trage, einen Tropfen. Nur so können sie die elektrischen Impulse messen, die die Milliarden Nervenzellen meines Gehirns abfeuern. Auf einem Bildschirm direkt vor mir sehe ich, wie sich 64 Lampen nach und nach grün färben. Schließlich kann es losgehen: Ich lehne mich nach vorn und lege mein Kinn auf einem kleinen Holzbrett ab, das über eine solide Stahlkonstruktion am Schreibtisch befestigt ist. »Jetzt bitte keine großen Bewegungen mehr, möglichst wenig blinzeln und nicht die Kiefer aufeinanderpressen«, sagt Ocklenburg und verschwindet im Nebenraum. Durch ein Fenster sehe ich, wie er vor zwei Monitoren Platz nimmt. »Bereit?«, fragt er. Ich hebe meine Daumen, und das Experiment kann beginnen.

Ich bin in einem Labor der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und werde gleich überprüfen, wie viel von einem Linkshänder in mir steckt. Doch der Besuch bei Sebastian Ocklenburg ist mehr als das. Er fühlt sich nicht nur an wie das Ziel einer intensiven journalistischen Recherche – sondern auch einer persönlichen Reise.

Ich selbst bin Linkshänder, was mich immer schon faszinierte. Und seit meiner Kindheit unzählige Fragen aufwarf: Warum gibt es mehr Rechtshänder? Weshalb bin ich – ebenso wie zwei meiner Brüder – Linkshänder, aber weder mein dritter Bruder noch meine Eltern oder Großeltern? Wie entsteht Händigkeit also? Bin ich mehr Linkshänder als mein eineiiger Zwillingsbruder? Und was ist dran an der Mär, Linkshänder seien kreativer und intelligenter? Schließlich wird Genies wie Leonardo da Vinci, Wolfgang Amadeus Mozart, Nikola Tesla und Lionel Messi Linkshändigkeit attestiert. Seit Jahren lese ich Bücher und wissenschaftliche Publikationen zu dem Thema. Und heute hat mich meine Neugier in die Laborräume der RUB gebracht.

Ocklenburg blickt ein letztes Mal durchs Fenster, dann startet er das Experiment mit einem Mausklick. Plötzlich erscheint vor mir auf dem Monitor ein kleines Kreuz, umrahmt von neun Quadraten. Acht sind grau, eines rot. Meine Aufgabe ist es, mit dem Cursor jeweils auf das farbige Symbol zu klicken. »Anhand der elektrischen Reize, die wir über das EEG messen, sind wir in der Lage, motorische Hirnwellen zu messen«, hat Ocklenburg im Vorfeld erklärt. Sie treten auf, wenn wir uns auf eine Bewegung vorbereiten, etwa die der Hand bei einem Mausklick. Also klicke ich und klicke. Erst mit rechts, dann mit links. Im Grunde ist das ziemlich monoton, aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft und die eigene Neugier.

Doch was bedeutet Händigkeit überhaupt? Im Alltag verstehen wir darunter, ob jemand bestimmte Tätigkeiten wie Schreiben oder Werfen mit der linken oder rechten Hand ausführt. »Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten meint der Begriff jedoch weit mehr«, erklärt Ocklenburg. Tatsächlich verrät die Händigkeit etwas über die Organisation und Aufgabenteilung im Gehirn, auch Lateralisation genannt (siehe Textbox »Aufgabenteilung im Gehirn«). »Sie erlaubt uns unter anderem Rückschlüsse auf den motorischen Kortex, also auf jene Hirnareale, die unsere Bewegung steuern«, so der Neurowissenschaftler.

Lateralisation spart Ressourcen

Warum bevorzugt der Mensch für gewisse Tätigkeiten überhaupt eine Hand oder einen Fuß? Schließlich sind unsere Extremitäten, was die Muskeln, Sehnen, Knochen betrifft, bei Links- wie Rechtshändern identisch aufgebaut. Der eigentliche Grund ist – wie so oft in der Natur – unser Drang, zu überleben. »Das Gehirn ist der größte Energiekonsument unseres Körpers. Es verbraucht knapp ein Fünftel unseres gesamten Kalorienhaushalts«, sagt Ocklenburg. »Je effizienter das Gehirn also bestimmte Prozesse steuert, desto mehr Energie bleibt für die Jagd und Nahrungssuche.« Deshalb hat sich im Lauf der Evolution beim Menschen und auch bei vielen Tieren jede Hemisphäre darauf spezialisiert, bestimmte Aufgaben auszuführen. Und je komplexer und schwieriger die Tätigkeit, beispielsweise das Schreiben, desto eher lernen wir diese mit nur einer Hand.

Die Händigkeit gibt Forschern seit Jahrzehnten Rätsel auf und ist bis heute das am häufigsten studierte Merkmal der Lateralisation. Untersucht werden neben der Frage, wann und durch welche Einflüsse sie entsteht, auch der Zusammenhang mit Krankheiten, Intelligenz, Persönlichkeitsmerkmalen, Mehrlingsgeburten, die Bedeutung der Händigkeit im Sport, Unterschiede zwischen biologischen und Adoptivfamilien sowie vermeintlichen Vor- und Nachteile der Lateralisation.

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Florian Sturm mit EEG-Kappe | Die 64 Elektroden der EEG-Kappe erfassen elektrische Impulse auf der Kopfhaut.

Händigkeit ist kein Phänomen der Neuzeit. Archäologische Funde weisen darauf hin, dass der Mensch sein Werkzeug bereits in der Jungsteinzeit überwiegend mit rechts gegriffen hat. Auch auf Gemälden der vergangenen 5000 Jahre sind deutlich mehr Rechts- als Linkshänder abgebildet. Bis heute hat sich an dieser Dominanz nichts geändert. Ein Team um die griechische Psychologin Marietta Papadatou-Pastou analysierte 2019 fast 200 Studien, an denen insgesamt mehr als zwei Millionen Menschen teilnahmen. Den Ergebnissen zufolge sind zwischen 8 und 15 Prozent der Weltbevölkerung linkshändig.

Warum aber gibt es diese überdeutliche Aufteilung? Logisch wäre doch eine gleichmäßige Verteilung. Und auch Evolutionsbiologen gingen lange davon aus, dass es unter unseren Vorfahren zunächst keine Dominanz der Rechtshänder gab, sondern sich diese erst nach und nach durch natürliche Selektion herausbildete. Weshalb es unter Menschen mehr Rechs- als Linkshänder gibt, kann bislang niemand erklären. Vielleicht hat es einen evolutionären Vorteil. Eine Erklärung dafür, warum Linkshändigkeit dennoch nicht im Lauf der Evolution verschwunden ist, liefert die 1966 vom französischen Humanbiologen Michel Raymond und seinen Kollegen entwickelte Fighting-Hypothese. Dieser zufolge haben Linkshänder in Kampfsituationen deswegen einen entscheidenden Vorteil, weil ihre – zumeist rechtshändigen – Gegner schlicht nicht auf das Verhalten und die Bewegungen von Linkshändern vorbereitet sind.

Die These könnte auch erklären, warum Linkshänder in manchen Sportarten wie im Tischtennis oder Boxen überrepräsentiert sind. Der Sportwissenschaftler Florian Loffing von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg hat die Händigkeit der 100 besten Spieler der letzten sechs Saisons in Ballsportarten wie Tennis, Tischtennis, Badminton, Squash und Baseball untersucht. »In der Weltspitze interaktiver Sportarten, bei denen sich die Kontrahenten unmittelbar beeinflussen können, sind deutlich mehr Linkshänder vertreten als in der Normalbevölkerung«, sagt Loffing. Daher könne man davon ausgehen, dass Linkshändigkeit hier von Vorteil ist. Insbesondere in Disziplinen mit hohem Zeitdruck, in denen blitzschnelle Reaktionen erforderlich sind, gab es unter den Besten der Weltrangliste besonders viele Linkshänder, etwa im Tischtennis.

Wie entsteht Händigkeit?

Eine weitere Theorie besagt, Linkshänder seien im Vergleich zu Rechtshändern neurophysiologisch besser »ausgestattet«, könnten etwa mit der linken Hand schneller auf Reize reagieren und verfügten auf Grund einer geringeren Lateralisierung des Gehirns über eine bessere beidhändige Koordination. Laut Loffing spricht bisher jedoch vieles für die Fighting-Hypothese, die annimmt, dass Linkshändigkeit an sich nicht vorteilhaft ist, sondern Rechtshänder schlicht nicht gewohnt sind, gegen Linkshänder anzutreten.

Wie aber entsteht Händigkeit überhaupt? Dieser Frage gehen Genforscher und andere Wissenschaftler heute mit modernster Technik nach. Doch schon vor Jahrhunderten beschäftigten sich die Leute mit den Ursprüngen der Händigkeit. Der schottische Arzt Andrew Buchanan (1798–1882) glaubte beispielsweise, die Dominanz der Rechtshändigkeit habe mit der Organisation unseres Körperinneren zu tun. Seine Theorie: Die Leber und der rechte Lungenflügel sind besonders schwere Organe, weswegen unser Schwerpunkt automatisch nach rechts verlagert wird. Um das auszugleichen, lehnen wir uns beim Gehen weiter nach links – womit Arm und Fuß auf der rechten Körperseite mehr Bewegungsfreiheit genießen und deswegen fast alle Menschen Rechtshänder sind. Anfang des 20. Jahrhunderts beobachteten Forscher erstmals, dass Verwandte häufig dieselbe Hand präferieren. Händigkeit schien also genetisch bedingt. Doch gegenteilige Behauptungen ließen nicht lange auf sich warten, als entdeckt wurde, dass eineiige Zwillinge nicht automatisch die gleiche Seite bevorzugen. Tatsächlich weisen nur rund drei Viertel von ihnen – wie mein Zwillingsbruder und ich – dieselbe Handpräferenz auf.

Aufgabenteilung im Gehirn

Das Gehirn jedes Menschen besteht aus zwei spiegelsymmetrischen Hälften, die anatomisch nahezu identisch sind. Doch sie übernehmen ganz unterschiedliche Funktionen. Diese Aufgabenteilung wird Lateralisation genannt. Für die Sprachproduktion (Grammatik, Vokabular, Wortbedeutungen) ist beispielsweise die linke Hemisphäre verantwortlich – zumindest bei über 90 Prozent der Rechtshänder. Bei vier Prozent von ihnen sowie bei 27 Prozent der Linkshänder liegen Sprachproduktion und -verarbeitung allerdings in der rechten Hälfte. Diese ist – bei Links- und Rechtshändern – gemeinhin für die räumliche Wahrnehmung sowie die Gesichtserkennung zuständig. Die Steuerung von Bewegungen erfolgt überkreuzt: Das heißt, die linke Hemisphäre steuert die rechte Körperhälfte (und umgekehrt).

In den 1960er Jahren etablierten die britischen Psychologen Chris McManus und Marian Annett die These eines Händigkeitsgens, das zwei Ausprägungen besitzt: eine für Links- und eine für Rechtshändigkeit. Die Annahme hielt sich hartnäckig. Als Wissenschaftler im April 2001 die erste vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms verkündeten, fand sich jedoch kein entsprechendes Gen.

Inzwischen gehen viele Wissenschaftler wie Sebastian Ocklenburg davon aus, dass Händigkeit von zahlreichen Faktoren abhängt. Der genetische Anteil wird auf 25 Prozent geschätzt. Allerdings ist nicht länger von einem, sondern von rund 100 Kandidatengenen die Rede. Aber wenn die Gene nur eine untergeordnete Rolle spielen, was bestimmt die Händigkeit dann noch?

Schon im Mutterleib zeigen menschliche Föten eine Handpräferenz, die häufig bestehen bleibt. Ab der 13. Woche nuckeln sie etwa am liebsten am linken oder rechten Daumen. Bereits acht Wochen nach der Zeugung bewegen menschliche Embryonen bevorzugt einen Arm. Solche frühen reflexhaften Bewegungen steuert in der Regel das Rückenmark. Ocklenburg vermutet, dass einerseits der Hormonmix im Mutterleib entscheidend ist, andererseits epigenetische Prozesse im Rückenmark. Darunter versteht man molekulare Mechanismen, die unter dem Einfluss äußerer Faktoren zu einem stärkeren oder schwächeren Ablesen von Genen führen, ohne dass die dort gespeicherte Information verändert wird.

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Der Autor im Gespräch mit Sebastian Ocklenburg | Florian Sturm besuchte den Biopsychologen und Händigkeitsforscher Sebastian Ocklenburg an der Ruhr-Universität Bochum und absolvierte dort diverse Tests.

Auch Stress während der Schwangerschaft, Geburtskomplikationen und soziale Einflüsse wie Schule, Familie und Kultur spielen eine Rolle. Zum Beispiel sieht ein Kind, dass viele Menschen in seinem Umfeld eine Tätigkeit mit einer bestimmten Hand ausführen, und kopiert die Handlung, oder sein Kopf ist verletzungsbedingt stärker zu einer bestimmten Seite geneigt, weshalb es eher die entsprechende Körperhälfte betrachtet. Die britischen Psychologen Gregory Jones und Maryanne Martin entdeckten 2008, dass sogar die Jahreszeit einen Einfluss hat: Kinder, die auf der Nordhalbkugel in den Monaten März bis Juli ihren Geburtstag feiern, sind besonders häufig Linkshänder. Die Ursache ist unklar, möglicherweise spielen das Immunsystem und jahreszeitlich bedingte unterschiedliche Infektionsrisiken eine Rolle.

Geburtsgewicht als entscheidender Faktor

2019 veröffentlichte ein Forschertrio um die Psycholinguistin Carolien de Kovel die bisher umfangreichste Untersuchung dazu, welche frühen Umweltfaktoren Händigkeit beeinflussen. Dafür analysierte es die Daten von fast einer halben Million Menschen.

Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, linkshändig zu werden, hängt unter anderem vom Geburtsjahr und -ort ab. Denn nicht in allen Kulturen ist die Verwendung der linken Hand gleichermaßen angesehen, was dazu führt, dass die Präferenz dafür ignoriert, unterdrückt oder verboten werden kann. Außerdem spielen Stress während der Geburt, das Geschlecht (es gibt etwa zwei Prozent mehr männliche als weibliche Linkshänder, der Grund ist bislang unklar) sowie die Tatsache eine Rolle, ob man als Zwilling, Drilling oder allgemein vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kam. Dabei scheint das Geburtsgewicht der entscheidende Faktor zu sein. Bereits 1987 erkannten Forscher um Michael O’Callaghan, dass Neugeborene, die weniger als 1000 Gramm wiegen, mit über 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit die linke Hand vorziehen. Und bei einer 2018 veröffentlichten Studie mit über 2000 Drillingen aus Japan und den Niederlanden wiesen Linkshänder ebenfalls ein deutlich niedrigeres Geburtsgewicht auf als Rechtshänder.

Bei Mensch und Tier

Lange gingen Wissenschaftler davon aus, Händigkeit sei ein rein menschliches Phänomen. Schließlich gibt es außer uns derzeit keine weitere bekannte Spezies, die schreiben kann. 2013 wiesen Sebastian Ocklenburg und seine Kollegen jedoch nach, dass Händigkeit auch im Tierreich existiert. Dafür untersuchten sie bei 119 Wirbeltierarten, welche Extremitäten wie Pfoten, Flossen oder Beine diese in ihrem Alltag bevorzugen. »Ein Großteil der untersuchten Spezies zeigte Gliedmaßenpräferenzen«, erklärt Ocklenburg. Allerdings zogen die Tiere seltener ihre rechten Gliedmaßen vor und hatten häufiger keine ersichtliche Präferenz als Menschen.

Dafür gibt es aktuell zwei mögliche Erklärungen: Die Brain-Damage-Theorie geht davon aus, dass viele Frühchen mit Hirnschädigungen zur Welt kommen, ihr Gehirn jedoch in der Lage ist, diese Defizite durch eine Umstrukturierung von Funktionen zu kompensieren. Ist beispielsweise der motorische Kortex betroffen, kann das einen Wechsel der Händigkeit bewirken – und da es allgemein mehr Rechtshänder gibt, führt das eher zu Linkshändigkeit. Eine andere These besagt, dass sich die beiden Hemisphären unterschiedlich schnell entwickeln. Dieser Annahme zufolge ist die rechte Gehirnhälfte schneller einsatzbereit als die linke, so dass sehr früh geborene Kinder eher Linkshänder sind, erklärt Ocklenburg. »Ganz genau weiß man es aber derzeit nicht.«

Die 2019 von Carolien de Kovel veröffentlichten Befunde basieren zwar auf einer beeindruckenden Zahl an Daten, allerdings war das Vorgehen der Wissenschaftler problematisch, sagt Ocklenburg. »Die Händigkeit wurde ausschließlich über die Schreibhand bestimmt. Doch diese Methode ist nicht optimal, da ein Umlernen somit eventuell nicht berücksichtigt wird.«

Geschichten, wie Linkshänder gezwungen wurden, mit rechts zu schreiben, hat fast jeder schon gehört. Den Grund für die Diskriminierung sehen Historiker in der seit Jahrtausenden verbreiteten Überzeugung, das Rechte sei das Gute – das Linke galt als das Falsche. Während Umschulungen in Deutschland inzwischen als Körperverletzungen zählen, waren sie laut der Psychologin Barbara Sattler bis in die 1980er Jahre hinein noch verbreitet – und finden in manchen anderen Kulturen wie in Indien oder islamisch geprägten Ländern nach wie vor statt.

Sattler hält Umschulungen für einen massiven Eingriff in das menschliche Gehirn. Sie gründete Mitte der 1980er Jahre Deutschlands erste Beratungsstelle für Linkshänder und umtrainierte Linkshänder. In ihrem Buch »Der umgeschulte Linkshänder« schreibt sie: »Durch den Gebrauch der nicht dominanten Hand, besonders zum Schreiben, kommt es im Gehirn oft zu (…) Störungen und Irritationen, die den Menschen individuell meist sehr belasten und Auswirkungen für sein ganzes Leben haben können.« Dies könnten Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten und Probleme im Schriftbild sein. Indirekt hingen damit häufig auch Minderwertigkeitskomplexe, Unsicherheit, Zurückgezogenheit oder Überkompensation durch erhöhten Leistungseinsatz zusammen. Tatsächlich weisen bildgebende Studien darauf hin, dass das Gehirn umgeschulter Linkshänder in weiten Teilen das eines Linkshänders bleibt.

Hartnäckige Vorurteile

Das Phänomen der Umschulung könnte auch erklären, warum sich in meiner recht großen Familie so gut wie keine weiteren Linkshänder finden lassen: Bis auf zwei meiner Brüder und mich bestreiten alle ihren Alltag mit der rechten Hand. Nur eine Tante war mit Sicherheit ursprünglich Linkshänderin, wurde in der Schule jedoch früh darauf getrimmt, mit rechts zu schreiben. Mit den von Sattler beschriebenen Problemen hat sie jedoch glücklicherweise nicht zu kämpfen.

Die Annahme, dass Linkshändigkeit mit gesundheitlichen Problemen zusammenhängt, hielt sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Forscher untersuchten die Lateralisation im Kontext von Intelligenzminderung, Autoimmunerkrankungen, Migräne, Legasthenie, Allergien, Diabetes, Schizophrenie, Autismus, Brustkrebs und Pädophilie. In einer 2019 veröffentlichten Onlinebefragung berichteten Rechtshänder jedoch überraschenderweise von mehr gesundheitlichen Problemen und mehr Krankheitstagen als Linkshänder. Auch haben Letztere nicht automatisch häufiger mit Allergien oder Dyslexie zu kämpfen. Allerdings erfolgte die Datenerhebung per Selbstdiagnose; unter anderem deshalb sollten die Befunde mit Vorsicht interpretiert werden.

Eine besonders dramatische Erkenntnis förderte 1991 der Psychologe Stanley Coren zu Tage. Er errechnete, dass Linkshänder früher sterben als Rechtshänder – im Schnitt ganze acht Jahre. Der Kanadier machte dafür insbesondere Umwelteinflüsse (die Welt ist schließlich für Rechtshänder gemacht), versteckte Neuropathologien durch Stress vor oder während der Geburt sowie ein fehlerhaftes Immunsystem durch einen veränderten Hormonspiegel im Mutterleib verantwortlich.

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Händigkeitstest | Mit links ist unser Autor Florian Sturm deutlich schneller darin, Punkte in kleine Kreise zu zeichnen. Er schafft im Schnitt 15,5 Kreise mehr.

Corens Erkenntnisse wurden sowohl in Fachkreisen als auch in der breiten Öffentlichkeit diskutiert – und scharf kritisiert. Wie sich herausstellte, war nicht nur das Studiendesign mangelhaft, sondern ihm unterliefen auch erhebliche Fehler bei der Auswertung. Interessanterweise gehörte ausgerechnet die Psychologin Marian Annett, die mit ihrer 1-Gen-Hypothese falschlag, zu jenen, die Corens Theorie widerlegten.

Das genaue Zusammenspiel von Umwelt- und genetischen Faktoren bei der Entwicklung der Händigkeit ist von Person zu Person verschieden. Zudem kann Händigkeit auch nicht als starre Größe betrachtet werden, sondern eher als Kontinuum. Denn nur wenige Menschen üben tatsächlich alle Tätigkeiten stets mit derselben Hand aus. Beim Fußball schieße ich etwa lieber mit links, mein Zwillingsbruder jedoch mit rechts. Dennoch ist eine völlige Präferenzlosigkeit extrem selten, erklärt Ocklenburg. Der Anteil an echten Beidhändern wird auf weniger als zwei Prozent geschätzt.

Wie viel von einem Linkshänder steckt also in mir? Um das herauszufinden, sitze ich im Labor in Bochum. Zunächst fülle ich zwei Fragebogen aus: das Edinburgh Handedness Inventory und den Waterloo Footedness Questionnaire. Wissenschaftler unterscheiden nämlich zwischen Handpräferenz und Handgeschick: Erstere meint das subjektive Empfinden der Händigkeit, Letztere die tatsächliche Fähigkeit, bestimmte Dinge mit links oder rechts auszuführen. In der Regel hängt beides miteinander zusammen.

Ich schaue also auf die Fragen vor mir. Einige sind einfach. Es geht ums Schreiben, Zeichnen oder Werfen. Bei anderen komme ich ins Grübeln: Mit welchem Fuß stoße ich einen Spaten in den Boden? Halte ich die linke oder rechte Hand oben am Besenstiel? Und welchen Fuß würde ich gebrauchen, um mit meinen Zehen eine Murmel aufzuheben?

Das geht doch mit links!

Die Ergebnisse sind deutlich: Alle der zehn abgefragten Tätigkeiten führe ich mit links aus – bis auf das Zähneputzen. Anhand meiner Antworten ermittelt Ocklenburg einen Lateralisationsquotienten: −80 für meine Händigkeit. (Je positiver der Wert, desto stärker ist die Dominanz der rechten Hand.) Bei den Füßen ist es weniger deutlich. Dort beträgt er nur −60. Ich präferiere meinen rechten Fuß also verhältnismäßig häufig. Trotzdem empfinde ich mich eindeutig als Linkshänder und -füßer. Aber wie steht es um das tatsächliche Geschick?

Vor mir liegt ein Holzbrett mit Löchern, in einer Reihe stecken kleine Holzstifte. Diese soll ich nun so schnell wie möglich in eine andere Reihe stecken. Zuerst mit rechts, dann mit links, das Ganze jeweils dreimal. Der Test zählt zu den Klassikern, um die Ausprägung der Händigkeit zu bestimmen.

Ich lege beide Hände flach auf den Tisch. Auf Ocklenburgs Kommando beginne ich. Erwartungsgemäß ist es mit rechts um einiges schwieriger. Während meine starke Hand kaum Probleme hat, die Stifte in die entsprechenden Löcher zu setzen, ist das mit rechts eine wacklige Angelegenheit. Trotzdem brauche ich dafür im Schnitt nur eine Sekunde länger. »Der Steckbretttest prüft vor allem grobmotorische Fähigkeiten. Und da unsere Welt für Rechtshänder ausgelegt ist, haben Linkshänder damit selten Probleme«, sagt Ocklenburg.

Die zweite Aufgabe sieht schon deutlich kniffliger aus. Auf einem Blatt Papier befinden sich zwei Reihen mit jeweils 100 kleinen Kreisen. Innerhalb von 20 Sekunden zeichne ich so schnell wie möglich jeweils einen Punkt in jede Form hinein. Erst mit der rechten Hand, dann mit der linken. Hier ist deutlich mehr Feinmotorik vonnöten; ich schaffe mit links durchschnittlich 15,5 Kreise mehr.

Anschließend soll ich in Schreibschrift alle 26 Buchstaben des Alphabets als ein Wort notieren. Abgesehen davon, dass man mein Gekrakel mit rechts kaum lesen kann, bin ich mit links auch deutlich schneller. Die Unterschiede in Ästhetik und Tempo sind hier im Vergleich zu den vorherigen Tests am größten – weil die Aufgabe besonders viel Feinmotorik erfordert.

Bleibt abschließend noch die Frage, was dran ist am Gerücht, Linkshänder seien kreativer und intelligenter als Rechtshänder. 1981 veröffentlichte der US-Amerikaner Anthony Newland eine Studie, in der er je 96 Links- und Rechtshänder einen Kreativitätstest absolvieren ließ. Tatsächlich waren die Linkshänder ihren Kontrahenten überlegen. In einer 2019 veröffentlichten Onlinebefragung von 20 539 Teilnehmern waren Linkshänder jedoch nicht künstlerisch begabter als Rechtshänder, und bei kreativen Problemlöseaufgaben schnitten sie sogar etwas schlechter ab. Auch in puncto Intelligenz gibt es ein ernüchterndes Ergebnis: In einer 2018 veröffentlichten Übersichtsarbeit fand sich bei den meisten analysierten Studien kein Intelligenzunterschied zwischen Links- und Rechtshändern.

Trotz der vielen Forschung, die bereits betrieben wurde, konnte also das große Rätsel der Links- und Rechtshändigkeit bislang nicht vollends geklärt werden. Aber gerade die verbleibenden Fragezeichen machen es spannend.

33/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 33/2019

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  • Quellen

De Kovel, C. et al.: A large-scale population study of early life factors influencing left-handedness. Scientific reports 9, 10.1038/s41598–018–37423–8, 2019

Loffing, F.: Left-handedness and time pressure in elite interactive ball games. Biology letters 13, 20170446, 2017

McManus, C.: Half a century of handedness research: Myths, truths; fictions, facts; backwards, but mostly forwards. Brain and Neuroscience Advances 3, 2398212818820513, 2019

Papadatou-Pastou, Marietta, et al.: he prevalence of left-handedness: Five meta-analyses of 200 studies totaling 2,396,170 individuals. PsyArXiv. 23, 10.31234/osf.io/5gjac, 2019

Schmitz, J. et al.: Links-oder Rechtshänder? – Die molekularen Grundlagen der Händigkeit. BIOspektrum 24.3, 2018

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