Direkt zum Inhalt

Paläodiät: Was die Neandertaler wirklich aßen

Die Vettern des modernen Menschen galten lange als reine Fleischesser. Ein Irrtum! Pflanzen waren ein fester Bestandteil ihres Nahrungsspektrums.
Drei als Frühmenschen verkleidete Homo sapiens braten Tierfleisch über dem Feuer.
Drei als Frühmenschen verkleidete Homo sapiens braten Tierfleisch über dem Feuer.

»So einseitig wie Wölfe« hätten sich die Neandertaler ernährt, verkündeten 2005 die Urgeschichtsforscher Michael Richards und Ralf Schmitz auf einer Pressekonferenz in Bonn. Am Verhältnis der Isotope, also der Atomsorten mit unterschiedlicher Neutronenanzahl im Kern, Stickstoff-15 zu Stickstoff-14 in fossilen Neandertalerknochen sei dies abzulesen.

Es sei überraschend, erklärt Richards von der kanadischen Simon Fraser University, wie sehr die archaischen Vettern des modernen Homo sapiens auf Großwild als Nahrungsquelle fixiert gewesen seien. Am liebsten hätten sie Mammut, Riesenhirsch und Wollnashorn gegessen. Der Fleischanteil an der Nahrung europäischer Neandertaler habe bei mehr als 90 Prozent gelegen.

Dieser Rückschluss aus den Isotopenmessungen erwies sich später als voreilig und unzutreffend. Doch verbreitet durch eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur dpa, wurde die Botschaft vor 17 Jahren im gesamten deutschen Sprachraum nachgedruckt und prägt seitdem hartnäckig die öffentliche Wahrnehmung.

Die vampirhafte These vom Fleischesser

»Die Hypothese von den ausschließlich Fleisch essenden Neandertalern ist nur sehr schwer aus der Welt zu schaffen«, sagt die Archäologin Amanda Henry, Assistenzprofessorin an der niederländischen Universität Leiden. »Sie hat fast etwas Vampirhaftes – in dem Sinn, dass sie immer wieder von den Toten aufersteht.« Aber dorthin, ins Reich der lange schon beerdigten Hypothesen, gehöre sie längst, fordert Henry.

Die erste wichtige Korrektur am herkömmlichen Bild betrifft den Punkt Großwild. Neandertaler haben zwar in der Tat Großsäuger gejagt, wenn und wo welche verfügbar waren. Doch je nach Region, Biotop und Jahreszeit griffen sie durchaus auch auf deutlich kleineres Getier zu. Im Kaukasus beispielsweise fingen sie Lachse und jagten Steinböcke. Auf der Krim stellten sie Saiga-Antilopen nach, einer Spezies, die selbst den gedrungenen Neandertalern nur bis zur Hüfte reichte. Funde in Italien und im Süden der Iberischen Halbinsel weisen sie als Fischer und als Sammler von Krebsen und Muscheln aus.

Zahnstein ist für die meisten Menschen etwas zutiefst Lästiges. Doch für Experten wie Amanda Henry ist er begehrte Zeitkapsel und Schatzkiste zugleich

Am verblüffendsten jedoch für alle, die noch das Bild der wölfischen Fleischverschlinger in den Köpfen haben, dürfte dies sein: Neandertaler haben sich zwar großenteils von Fleisch ernährt, aber zu einem erheblichen Teil auch von Pflanzen.

Die Mundflora steckt auch im Zahnstein

Dass der Anteil vegetarischer Nahrung tatsächlich bedeutsam gewesen sein muss, hat 2021 eine international besetzte Arbeitsgruppe um James Fellows Yates vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena nachgewiesen. Amanda Henry war Teil des Teams. Die Gruppe untersuchte bis zu 100 000 Jahre alte Zähne von modernen und frühen Angehörigen der Gattung Homo sowie von mehreren Affenarten. In der Fachzeitschrift »PNAS« stellten die Forscher fest:

  • Der Zahnstein auf den untersuchten Zähnen enthielt – eingeschlossen in die Kalkmatrix – genügend DNA-Fragmente vom einstigen Biofilm, um die bakterielle Besiedlung der Mundhöhle des betreffenden Individuums zu rekonstruieren.
  • Innerhalb der Gattung Homo, inklusive eines 100 000 Jahre alten Neandertalers, spielen durchgängig dieselben zehn Bakterienarten die Hauptrollen in der Mundhöhle. Die Besiedlung, das orale Mikrobiom, unterscheidet sich in der Homo-Linie grundlegend von derjenigen etwa bei Schimpansen.
  • Die Ähnlichkeit des Mikrobioms von Neandertaler und modernem Menschen geht so weit, dass auf den Zähnen beider Menschenformen die DNA derselben speziellen amylasebindenden Streptokokken zu finden ist. Das sind Bakterien, die besonders gut pflanzliche Stärke verdauen können.
  • Das zeigt: Nicht nur anatomisch moderne Menschen, sondern bereits Neandertaler und vermutlich schon deren Vorläufer haben offensichtlich viel pflanzliche Stärke zu sich genommen. So viel, dass in ihren Mundhöhlen seit mehr als 100 000 Jahren eine an stärkehaltige Nahrung angepasste Mundflora entstand.

Phytolithe verraten die verzehrte Pflanzengattung

Zahnstein ist für die meisten Menschen etwas zutiefst Lästiges. Doch für Experten wie Amanda Henry ist er begehrte Zeitkapsel und Schatzkiste zugleich. Die Forscherin ist darauf spezialisiert, in den Kalkbelägen prähistorischer Zähne sowie an den Schneiden von Steinwerkzeugen nach Mikrorückständen zu fahnden, die sich über viele Jahrtausende erhalten haben.

Henry hat Methoden entwickelt, um die Indizien für pflanzliche Nahrungsrückstände aufzuspüren. Sie sucht nach Stärkekörnern und nach Phytolithen. Das sind durchsichtige bis opake mineralische Kieselsäuregerüste, die hauptsächlich aus Siliziumdioxid bestehen.

Phytolithen stabilisieren die Wände von Pflanzenzellen. Auch wenn nach dem Tod der Zellen alle organische Substanz zerfällt, die Phytolithen überdauern den Verwesungsprozess unverändert. Und ihr Aussehen verrät den Experten in vielen Fällen, von welcher Pflanzengattung oder -art sie stammen.

Wie unterschiedlich ernährten sich die Neandertaler?

Neandertaler-Zahnstein von diversen europäischen Fundstellen war denn auch die Basis der 2014 im »Journal of Human Evolution« veröffentlichten Studie eines Teams um Robert Power und Amanda Henry. Damals arbeiteten beide am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Die Forschenden hatten wissen wollen: War der Verzehr von Pflanzen bei Neandertalern nur eine gelegentliche lokale Marotte? Und: Ernährten sich die Neandertaler in Spanien anders als die in Kroatien, Italien oder Griechenland, je nach regionalem Artenspektrum? Gab es sie doch irgendwo, die ausschließlichen Fleischesser?

Amanda Henry bilanziert: »Wir haben keinerlei geografisch oder klimatisch bedingte Unterschiede bei der Anzahl der konsumierten Pflanzenarten entdeckt.« Wie die untersuchten Zahnsteinproben zeigten, war es egal, wo die betreffenden Neandertaler gelebt hatten; überall stand ein ähnlicher Anteil an kohlenhydratreichen Pflanzen auf ihrem Speisezettel.

Nach aktuellem Kenntnisstand reichte die Bandbreite ihrer Pflanzenkost von Datteln in Westasien, nachgewiesen an der Fundstelle Shanidar im Nordirak, bis zu vier häufig genutzten Pflanzenfamilien mit sehr stärkehaltigen Samen, Rhizomen (Sprossachsen) oder Zwiebeln in Europa. Dazu gehörten Süßgräser (Triticeae), also Wildgetreide, zu denen auch die Vorläufer von Weizen und Roggen gerechnet werden. Ferner aßen die Frühmenschen Hülsenfrüchtler (Fabaceae), etwa die Wildformen von Bohne, Erbse und Linse. Ebenso gab es Liliengewächse (Liliaceae), zu denen beispielsweise Taglilie und Türkenbund zählen, und Seerosengewächse (Nympheaceae), bei denen es sich in erster Linie um die Samen von Teich- und Seerose handelte.

Wie die Frühmenschen eigentlich giftige Seerosen verzehrten

Wer öfter in Pflanzenführern blättert, mag bei dem letzten Punkt zusammengezuckt sein. Seerosen werden als in allen Pflanzenteilen giftig beschrieben. Henry erläutert: »Einige europäische Seerosengewächse enthalten ein Toxin, aber dessen Gehalt schwankt je nach Jahreszeit. Und es lässt sich durch Kochen oder andere Arten der Verarbeitung unschädlich machen.«

»Man braucht fürs Kochen weder Gruben noch Steine. Das Sieden in einer wassergefüllten Tierhaut, die über dem Feuer hängt, ist ebenso effektiv«(Amanda Henry, Archäologin, Universität Leiden)

Dass die Neandertaler tatsächlich zumindest einen Teil ihrer Nahrungspflanzen gekocht haben, steht für die Forscherin außer Frage: »Wir haben in Neandertaler-Zahnstein Stärkekörner mit morphologischen Veränderungen nachgewiesen, die durch Erhitzen in Wasser entstanden sind. Mit anderen Worten: durch Kochen.«

Kochgeschirr aus Ton wurde vor rund 13 000 Jahren erstmals in der japanischen Jomon-Kultur hergestellt. Die Neandertaler, die vor 39 000 Jahren verschwanden, kannten dergleichen noch nicht. Auch Kochgruben und Erdöfen, in denen das Gargut in feuchtes Blattwerk eingewickelt auf im Feuer erhitzten Steinen köchelt, sind erst beim anatomisch modernen Menschen belegt. Das spricht jedoch keineswegs gegen Kochpraktiken bei den Neandertalern, ist Henry überzeugt: »Man braucht fürs Kochen weder Gruben noch Steine. Das Sieden in einer wassergefüllten Tierhaut, die über dem Feuer hängt, ist ebenso effektiv. Dabei verhindert das Wasser, dass die Haut verbrennt«, erklärt die Forscherin. Auch in heißer Asche lassen sich in Blätter verpackte Knollen, Zwiebeln und Samen garen. Archäologisch nachweisbar ist allerdings keine dieser Techniken. Sicher ist jedoch: Die Neandertaler haben Pflanzen gekocht und verzehrt.

Gemüse und Getreide gegen den Kaninchenhunger

Warum überhaupt haben die Frühmenschen neben Fleisch auch pflanzliche Nahrung zu sich genommen? Die Antwort liegt höchstwahrscheinlich in der Physiologie der Gattung Homo. Stichwort: Proteinvergiftung. Den Effekt nennen Physiologen und Ernährungswissenschaftler auch Kaninchenhunger. Vor allem Forschungsreisende und Soldaten auf langen Feldzügen haben die Folgen dieser Mangelernährung erlebt. Wenn es wochenlang nichts anderes zu essen gibt als die stets und überall verfügbaren Kaninchen, bleibt man trotz gefülltem Magen ständig hungrig. Es stellen sich Übelkeit und Erschöpfung ein, gefolgt von Durchfällen – und mancher stirbt daran.

Aminosäuren, die Bausteine von Eiweiß, enthalten Stickstoff, den der menschliche Körper nicht in größeren Mengen verwerten kann. Nur bis zu 20 Prozent der Nahrungskalorien sollten aus Proteinen stammen. Exzessiver Fleischkonsum – ab etwa 35 Prozent Proteinzufuhr – führt dazu, dass sich gefährlich hohe Konzentrationen an Ammoniak und anderen toxischen stickstoffhaltigen Substanzen im Organismus ansammeln.

Der menschliche Körper hat zwei biochemische Wege, um ein Zuviel an Stickstoff loszuwerden. Einer ist die Zufuhr von Kohlenhydraten wie typischerweise Stärke; das hilft, den Stickstoff auszuscheiden. Ein zweiter Entgiftungsweg ist die Aufnahme großer Mengen von Fett. Ihn beschreiten die Inuit in der Arktis, wo so gut wie keine stärkehaltigen Pflanzen verfügbar sind, aber Robben und Wale große Mengen Fett liefern.

Entgiftung via Kohlenhydrate

Die Entgiftung durch Fett war den Neandertalern kaum möglich. Das Wildfleisch, von dem sie großenteils lebten, war fettarm. Und die Markknochen und das Hirn allein wogen die Masse an magerem Muskelfleisch nicht auf. Also blieb nur der Entgiftungsweg via Kohlenhydrate.

Neandertaler und anatomisch moderne Menschen – »die haben dasselbe gejagt und gegessen«(Till Knechtges, Prähistoriker, Neanderthal Museum in Mettmann)

So erscheint es nicht mehr verwunderlich, warum die Neandertaler ausgerechnet Seerosensamen sammelten, erhitzten oder fermentierten und anschließend knackten. Der Samen der in Europa weit verbreiteten Weißen Seerose besteht bis zu 47 Prozent aus Stärke. Die Mühe lohnte offenbar.

Und lohnen muss es sich. Wer einen Hirsch erlegt, hat Fleisch für Wochen. Was die Gruppe nicht sofort verzehrt, lässt sich durch Räuchern oder Dörren haltbar machen. Wer hingegen verstreut wachsende stärkehaltige Pflanzen sammeln will, muss auf die Ökonomie achten und den eigenen Input an Zeit und Energie dagegen aufrechnen.

Kräutersammeln verlangt Spezialisten-Knowhow

Till Knechtges kann hier auf reiche Erfahrungen zurückblicken. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Neanderthal Museum in Mettmann bei Düsseldorf im Bereich Bildung und Vermittlung. »Das Thema Steinzeiternährung spielt eine große Rolle bei uns«, erklärt der Ur- und Frühgeschichtler. »Derzeit mache ich das zwar nicht mehr, aber bis vor einiger Zeit bin ich noch mit Interessierten Wildkräuter sammeln gegangen, die wir anschließend gekocht haben.« Wer auf solch einen Sammelzug geht, muss zuvor wissen, wann im Jahr welche Pflanzen wo genau in hinreichender Menge zu finden sind. Das ist Spezialisten-Knowhow.

Knechtges hält es für vorstellbar, dass es unter Neandertalern eine Arbeitsteilung oder gar Spezialisierung zwischen Jagenden und Pflanzen Sammelnden gab. »Man wusste bisher schon, dass sie Sommer- und Winterlager hatten«, sagt er. »Das hatten die Forscher allerdings immer am Thema Jagd festgemacht. Es könnte aber durchaus saisonale Pflanzensammelaktionen gegeben haben.« Bei rezenten Jäger- und Sammlergruppen sind solche Sammelzüge vielfach beobachtet worden.

Ohne stärkehaltige Beikost kamen die Wildbeuter der Gattung Homo offenbar in keiner Phase ihrer Entwicklungsgeschichte aus. Als vor etwas mehr als 40 000 Jahren anatomisch moderne Menschen in Europa einwanderten, gab es in der Landschaftsnutzung ohnehin so gut wie keine Unterschiede zwischen ihnen und den alteingesessenen Neandertalern, betont Till Knechtges: »Die haben dasselbe gejagt und gegessen.«

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte