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Waldweide: Wiederbelebung einer alten Tradition

Lange hielten wir das Vieh draußen und trieben es zum Fressen in den Wald. Dort ersetzte es Großtiere wie Wisent und Auerochsen. Jetzt kehrt diese Landnutzung langsam zurück.
Galloway-Rind auf einer Waldweide bei Herrenberg
Galloway-Rinder, wie hier auf einer Waldweide bei Herrenberg, können für ein Mosaik verschiedener Lebensräume sorgen. Das erhöht die biologische Vielfalt im Wald.

Galloway-Rinder fressen Buchenlaub, Exmoor-Ponys knabbern an den Blättern des Weißdorns und Wisente freuen sich über frisches Eichengrün. Dass große Weidetiere sich von Natur aus nicht nur von Gräsern und Kräutern, sondern auch von Laub und Rinde ernähren, ist schon fast in Vergessenheit geraten. Aber noch bis ins 19. Jahrhundert war die Waldweide weit verbreitet. Rinder, Schweine und Pferde, aber auch Ziegen, Schafe und Gänse wurden in den Wald getrieben, wo sie das fraßen, was der Wald hergab.

Zur Zeit der Allmende, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, wurden die Wälder und Weiden um die Dörfer gemeinschaftlich genutzt. Die Bauern schnitten Futterlaub im Wald und trieben ihre Schweine zur Eichelmast hinein. Über Jahrhunderte war die Waldweide Grundlage für die Selbstversorgung der Bevölkerung. Mit dem steigenden Holzbedarf für Erzschmelzen, Salzsieden und Glashütten gerieten Waldweide und Holzschlag zunehmend in Konkurrenz, und viele Wälder wurden durch die Doppelbelastung stark übernutzt. Gleichzeitig begann die herrschende Klasse aus Kirche, Adel und reichem Bürgertum den Gemeinschaftswald der Bauern in ihr Eigentum zu überführen. In immer mehr Wäldern wurde eine strenge Trennung von Forst- und Landwirtschaft durchgesetzt und die Waldweide verboten. Viele Bauernfamilien mussten die Landwirtschaft aufgeben und in die Stadt ziehen. Traditionelle Formen der bäuerlichen Waldbewirtschaftung wie Waldweide, Mittel- oder Niederwald wurden vielerorts durch dunkle Nadelwälder ersetzt oder blieben der herrschaftlichen Jagd vorbehalten.

Mit Folgen, die der niederländische Biologe Frans Vera schon seit den 1980er Jahren am Einfluss von Tieren auf Vegetation und Landschaft erforscht. Zu viele Hirsche, Rehe oder Nutztiere im Wald verhindern die Naturverjüngung, also das Nachwachsen junger Bäumchen. Trotzdem ist für Vera der Wald nur komplett, wenn darin auch große Pflanzenfresser wie Hirsche, Rinder und Pferde leben. Denn in der richtigen Dosierung sorgen sie für lichte Wälder und lassen in der Übergangszone von Wald und Offenland einen reich strukturierten Lebensraum entstehen. Das mag den Holzertrag reduzieren, ist aber wichtig für andere Waldfunktionen wie Erholung, Klimaschutz und Schutz der Artenvielfalt.

Konik-Pferde in Oostvaardersplassen | Auf wilden Weiden sind die Tiere meist das ganze Jahr draußen und werden nur im Notfall zugefüttert.

Denn vor ihrer Ausrottung trugen Wisent, Auerochse und Wildpferd zur Strukturvielfalt in den Wäldern bei – eine Funktion, die in der modernen Waldweide von robusten Rinderrassen wie Galloway-, Hochland- oder Heckrindern und Pferderassen wie Konik- oder Exmoor-Ponys übernommen wird. Inzwischen ist die Waldweide oder »Hutung«, wie sie früher genannt wurde, als wichtige Naturschutzmaßnahme anerkannt, die auch der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik der Bundesregierung empfiehlt: »In Nutzungsformen wie Hutungen, Mittelwäldern und Niederwäldern wurden […] im Mittelalter dauerhaft Strukturelemente geschaffen, die auch in natürlichen Wäldern vorkommen und heute selten geworden sind. […] Aktive Maßnahmen […] zur Wiederbelebung von Stockausschlagwäldern oder Waldweiden, die wertvolle Strukturen von dynamischen Naturwäldern imitieren […] stellen eine wichtige Erweiterung naturschutzfachlicher Instrumente dar […].«

Licht ins Dunkel

In unseren heutigen Wirtschaftswäldern mangelt es nicht nur an Waldgebieten mit viel Totholz und uralten Bäumen, sondern ebenso an lichten Bereichen. Typische Vogelarten der Weidewälder wie Gartenrotschwanz, Wendehals oder Trauerschnäpper findet man heute meist nur noch in Streuobstwiesen. In den Mittelgebirgen verschwinden Raufußhühner wie das Auerhuhn und das Haselhuhn, die ebenfalls lichte Waldbestände mitsamt einer gut entwickelten Krautschicht etwa aus Heidelbeeren brauchen.

Waldschmetterlinge wie der Große und der Kleine Schillerfalter, der Große und der Kleine Eisvogel oder der Trauermantel sind auf Laubgehölze wie Salweide, Pappel, Birke oder die Rote Heckenkirsche angewiesen. Alles Arten, die sich in einem dunklen, geschlossenen Wald nicht gegen Buchen und Fichten durchsetzen können – dafür brauchen sie offene Flächen, wie sie durch große Weidetiere oder Sturmwurf entstehen. Solche Licht liebenden Gehölze, zu denen auch Eiche, Spitzahorn, Speierling und Elsbeere gehören, kommen zudem meist besser mit Hitze und Trockenheit klar, so dass sie dem Wald auch bei der Anpassung an den Klimawandel helfen könnten.

Weidetiere im Wald bringen nicht nur Licht ins Dunkel, sondern viele weitere ökologische Vorteile mit sich: In Fell, Hufen und über den Dung verbreiten sie die Samen zahlreicher Pflanzen. Ihr Dung verteilt die Nährstoffe mosaikartig und dient vielen spezialisierten Insekten als Nahrung, darunter vielen Großinsekten wie Mistkäfern, die wiederum die Lebensgrundlage von selten gewordenen Vögeln wie Neuntöter, Wiedehopf oder Ziegenmelker sind. Durch Wälzen und Scharren sorgen sie für offene Bodenstellen, von denen wilde Bienen und Wespen profitieren. Durch das Schälen von Rinde, das Scheuern an Stämmen und den Verbiss an Sträuchern und Bäumen entstehen Risse, Spalten, Baumhöhlen und Totholz und damit vielfältige Habitate für Fledermäuse, Pilze, Käfer und viele andere Organismen.

Weideprojekte auf dem Vormarsch

Der Naturschutz hat das Potenzial erkannt: Unter anderem im Südwesten Deutschlands sind in den letzten Jahren etliche neue Waldweideprojekte entstanden. Viele sind auf kleine Flächen beschränkt, die nur saisonal beweidet werden, aber es gibt auch einige größer angelegte Projekte mit ganzjähriger Beweidung, wie die Wilden Weiden Taubergießen in der Ortenau. Dort, in den Rheinauen bei der Gemeinde Kappel-Grafenhausen, leben auf 110 Hektar neben einigen Konik-Pferden auch rund 40 Salers-Rinder. Die robuste französische Rasse mit dem rotbraunen Fell hilft dabei, den dichten Unterwuchs im Auwald aufzulichten, und sorgt für ein abwechslungsreiches Mosaik aus unterschiedlichen Lebensräumen.

»Lichte Wälder und Standorte, die schon früher eine Waldweidetradition hatten, eignen sich gut für neue Projekte«, sagt Mattias Rupp, Experte für Waldweiden bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg. Das gelte besonders dann, wenn extensives Offenland angeschlossen werden kann. Der wichtigste Parameter beim Weidemanagement ist die Besatzdichte, also wie viele Tiere auf wie viel Fläche leben. Sie sollte so gewählt werden, dass Erosion und Verbiss nicht überhandnehmen, und liegt im Wald bei maximal ein bis zwei Tieren pro zehn Hektar. Schließen sich offene Weideflächen an, dürfen es auch bis zu drei Tiere pro zehn Hektar sein. Für erfolgreiche Projekte sei zudem ein langfristiges Management samt intensiver Kommunikation mit allen Waldnutzern entscheidend, sagt Rupp. Die gesammelten Erfahrungen fassen er und sein Team der FVA im Leitfaden »Moderne Waldweide« zusammen.

Der Übergang von Wald zu Offenland ist von Natur aus fließend. In den offenen Bereichen können, geschützt durch Dornbüsche wie Weißdorn und Schlehe, einzelne Bäume aufwachsen, während der Wald durch die Tiere aufgelichtet wird. Mit der Zeit entwickelt sich so eine dynamische Weidelandschaft mit einem mehr oder weniger dichten Bestand an Bäumen und Gehölzen – etwas, was in England »wood pasture« genannt wird und stark an die Baumsavannen Afrikas erinnert. Frans Vera ist einer der Vordenker dieses »Rewilding« mit großen Pflanzenfressern und war in den 1980er Jahren maßgeblich daran beteiligt, dass das 5600 Hektar große Feuchtgebiet Oostvaardersplassen östlich von Amsterdam das erste größere Naturschutzgebiet in Europa wurde, in dem eine naturnahe Ganzjahresbeweidung mit Heckrindern, Konik-Pferden und Rothirschen eingeführt wurde.

Wisente in der Slowakei | Wisente gehören zu den großen europäischen Pflanzenfressern, wurden aber fast komplett ausgerottet. Inzwischen siedelt man sie wieder an, um ihre dynamische Rolle im Ökosystem wiederherzustellen.

Vera spricht von »dynamischen Weidewäldern« und plädiert dafür, große Weidetiere nicht als Mittel zum Zweck für die Erhaltung bestimmter Pflanzen- oder Vogelarten zu sehen, sondern als wichtigen Bestandteil des Ökosystems. Ein weiteres bekanntes Beispiel für die praktische Umsetzung von Veras Thesen ist das Knepp-Wildland-Projekt in Südengland, bei dem sich ein konventioneller Landwirtschaftsbetrieb im Lauf von 20 Jahren in eine artenreiche Naturlandschaft verwandelt hat.

Inzwischen haben sich in Deutschland viele Projekte inspirieren lassen und fördern die Artenvielfalt durch Weidetiere. Darunter sind großflächige Naturlandschaften wie der ehemalige Truppenübungsplatz Döberitzer Heide westlich von Berlin, wo auf über 1800 Hektar rund 100 Wisente, 90 Hirsche und 24 Przewalski-Pferde dafür sorgen, dass die lichten Eichen-Birken-Wälder erhalten bleiben, die früher in Norddeutschland weit verbreitet waren. In Schleswig-Holstein kümmern sich im Biobetrieb »Bunde Wischen« über 1000 Rinder (hauptsächlich Galloways) und einige Konik-Pferde als tierischer Landschaftspflegetrupp um 1500 Hektar Naturschutzflächen. Solche großen Gebiete lassen sich nicht durch Mahd offen halten – Aufwand und Kosten wären viel zu hoch. Stattdessen übernehmen die großen Pflanzenfresser den Job zum Nulltarif.

Im Vogelsang-Gebiet im Landkreis Pfaffenhofen helfen Bayerische Waldschafe dabei, Fichtenforste in artenreiche Waldlandschaften zu verwandeln; im Landschaftspflegeprojekt Kayna-Süd in Sachsen-Anhalt nutzt man Rinder und Pferde zur Umwandlung des ehemaligen Braunkohletagebaus in Naturschutzflächen, und auch die Schweinemast im Wald ist möglich, wie Rupert Stäbler aus Rosenheim oder das Hofgut Silva im badischen Oberkirch mit ihren Waldschweinen zeigen. Je nach Managementkonzept lassen sich nicht nur die wilde Natur und die schöne Landschaft, sondern ebenso das Fleisch der Nutztiere vermarkten.

Retinta-Rind in der Estremadura | Die lichten Eichenwälder der spanischen Dehesas sind vor allem für die extensive Schweinehaltung bekannt. Aber auch Rinder leben in manchen der traditionellen Hutewälder.

Ökonomie und Ökologie

In den meisten Weideprojekten wird jedes Jahr eine bestimmte Anzahl von Tieren geschlachtet, um eine Überlastung der Flächen zu vermeiden. Der Verkauf des hochwertigen Fleisches trägt dadurch zwar zur Finanzierung der Projekte bei, die produzierten Mengen sind aber mit etwa 20 Kilogramm Fleisch pro Hektar sehr gering. Für die Versorgung der Bevölkerung mit ökologisch produziertem Fleisch wäre die benötigte Fläche viel zu groß: Wollte man den gesamten deutschen Bedarf von 750 Millionen Kilogramm Rindfleisch auf »Wilden Weiden« produzieren, bräuchte man dafür über 37 Millionen Hektar Fläche, was mehr als der gesamten Landfläche Deutschlands entspricht.

»Die wilden Weiden produzieren vor allem biologische Vielfalt und gestalten Landschaften, der Fleischertrag ist da zweitrangig«, betont auch Rainer Luick, Professor für Naturschutz und Landschaftsmanagement an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg. Spaziergänger und Wanderer wünschten sich ein abwechslungsreiches Waldbild mit knorrigen Bäumen, Lichtungen und hoher Artenvielfalt. Genau solche Wälder entstünden durch die Beweidung. Für die Finanzierung von Waldweide-Projekten käme meist eine Kombination von Vertragsnaturschutz und Agrarförderung in Frage. »Das bietet sich insbesondere dort an, wo der Holzertrag nicht im Vordergrund steht«, sagt Luick.

Die Tücke steckt dabei oft im Detail, denn die bei der Waldweide entstehende Übergangszone zwischen Wald und Offenland ist von Amts wegen nicht vorgesehen. Einerseits darf Wald laut Waldgesetz nicht ohne Weiteres in eine andere Nutzungsform (wie Weide) überführt werden, andererseits gibt es die Agrarsubventionen (die für die meisten Landwirtschaftsbetriebe überlebenswichtig sind) nur für Flächen, die nicht zu dicht mit Bäumen oder Wildpflanzen bewachsen sind. Regina Ostermann betreut als Projektmanagerin beim Landschaftserhaltungsverband Ortenaukreis die Wilden Weiden Taubergießen. Sie berichtet zum Beispiel von einer feuchten, mit Binsen bewachsenen Weide, die für den Naturschutz äußerst wertvoll ist, unter anderem weil dort die seltene Sumpfschrecke lebt, für die der Tierhalter aber keine Agrarförderung mehr erhält, weil Binsen nicht als Weidegras gelten. Dabei begnügen sich die robusten Salers-Rinder im Winter auch mit karger Kost wie Binsen.

Wie viele Wisente, Hirsche, Rinder oder Pferde ein bestimmter Wald verträgt, muss für jedes Projekt lokal beantwortet werden. Sicher ist, dass die Waldweide eine besonders vielfältige Übergangszone schafft und dass diese wiedergewonnene Vielfalt maßgeblich zur Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen beiträgt. In Zeiten des Klimawandels ist auch das sicher nicht zu verachten.

Wer gestaltet die Landschaft?

Für Mitteleuropa nahm man lange Zeit an, dass sich ohne den Einfluss des Menschen überall geschlossener, dichter Wald ausbilden müsste. Inzwischen sehen das viele Ökologen anders und betonen die Bedeutung von großen Pflanzenfressern und Feuer bei der Ausbildung offener Ökosysteme. Sie halten große Teile unserer dicht bewaldeten Landschaften für »unterweidet«, gehen also davon aus, dass dort von Natur aus viel mehr Tiere wie Wisent, Auerochse, Wildpferd, Elch, Rotwild und Biber anzutreffen wären, die für ein abwechslungsreicheres und offeneres Landschaftsbild sorgen würden.

Die Indizien dafür sind vielfältig. So belegen Pollenanalysen aus alten Sedimentschichten, dass die Wälder in Mitteleuropa zu Beginn der Sesshaftwerdung vor rund 10 000 Jahren vor allem aus Eiche, Ulme, Hasel, Linde und Esche bestanden. Das können keine dichten, dunklen Wälder gewesen sein, weil diese Arten viel Licht benötigen, um zu keimen oder Blüten zu bilden. Ob die Wälder später immer dichter wurden und dadurch die wilden Weidetiere verdrängten (die auf die Gräser in lichten Wäldern angewiesen waren) oder ob der Mensch die wilden Pflanzenfresser verdrängte und sich erst dadurch dichte Wälder ausbreiten konnten, ist eine wissenschaftlich heiß diskutierte Frage. Fakt ist, dass man gerade auf offenen Standorten wie nährstoffarmen Mähwiesen heute eine besonders hohe Artenvielfalt vorfindet. Hunderte Blumen- und Insektenarten von Orchideen bis Wildbienen sind auf diese offenen Lebensräume angewiesen, die vielerorts nur durch aufwändige Mäharbeiten erhalten werden. Dabei stellt sich die Frage, wo all die Glockenblumen, Enziane, Orchideen, Zikaden und Wildbienen gelebt haben, bevor der Mensch mit seinen Sensen und Äxten anrückte. Auch die Evolution der Laubgehölze deutet auf eine bedeutende Rolle der Beweidung hin. Etliche Arten wie Weißdorn, Sanddorn und Schlehe sind mit Dornen zum Schutz vor gefräßigen Mäulern bewehrt, andere wie Hainbuche, Hasel oder Linde setzen auf die Fähigkeit zum Stockaustrieb, können also nach Fraßschäden schnell wieder nachwachsen.

Wie dicht die Wälder Mitteleuropas ohne den Einfluss des Menschen wirklich wären, wird wohl nie ganz zu klären sein. Wahrscheinlich aber hat das Zusammenwirken von großen Pflanzenfressern, Insekten, Stürmen, Überschwemmungen, Klimaveränderungen und Feuern die Wälder früher dynamischer und offener gestaltet, als lange Zeit angenommen wurde.

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