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Anthropologie: Wie menschlich war Homo naledi?

Eine Kritikerin bezweifelt, dass einer unser Vorfahren trotz seines kleinen Hirns wirklich seine Nächsten ritualisiert beerdigte. Wie weit entwickelt war Homo naledi?
Hand-, Schädel- und Fußknochen von Homo naledi sind Teil einer umfangreichen Sammlung von Fossilien, die aus der Rising Star Höhle in Südafrika geborgen wurden.Laden...

Als Anthropologen im September 2015 die fossilen Überreste einer in Südafrika neu entdeckten Menschenart namens Homo naledi enthüllten, begeisterte der Fund die Öffentlichkeit weltweit. Der erstaunliche Fund wurde nach nur wenigen Wochen intensiver Ausgrabungsarbeiten aus dem Rising-Star-Höhlensystem bei Johannesburg ans Tageslicht befördert: rund 1550 Knochenfragmente, die von mindestens 15 Individuen stammten. Doch nicht die Fossilien allein waren es, welche die Fantasie der Öffentlichkeit beflügelten und die Gemeinschaft der Paläoanthropologen elektrisierten, sondern die von den Forschern favorisierte Theorie, wie die Überreste in die Höhle gelangten. H. naledi, dessen geologisches Alter zwar noch unbekannt, der aber wegen seines nur orangengroßen Hirns eindeutig eine sehr ursprüngliche Homo-Art ist, soll seine Toten dort bewusst abgelegt haben, so die These der Wissenschaftler. Ein solches Verhalten wird nach Ansicht vieler Experten ausschließlich unserer eigenen, weitaus intelligenteren Spezies H. sapiens zugeschrieben.

Die Hand des Homo naledi – eine der vollständigsten Handknochenfunde, die von einer ausgestorbenen menschlichen Spezies erhalten sind.Laden...
Hand von Homo naledi | Die Hand des Homo naledi – eine der vollständigsten Handknochenfunde, die von einer ausgestorbenen menschlichen Spezies erhalten sind.

Eine ursprünglich nicht beteiligte Wissenschaftlerin veröffentlichte jedoch mittlerweile einen Artikel in einer Fachzeitschrift, in dem diese provozierende Interpretation des Fundorts erstmals formell kritisiert wird. Obwohl Mitglieder des Forschungsteams, das die Überreste gefunden hatte, den Behauptungen der Forscherin widersprechen, halten andere ihre Kritik teilweise für berechtigt. Sie fordern die Entdecker der neuen Menschenart auf, überzeugende Beweise dafür zu liefern, dass die Körper absichtlich von H. naledi in die Höhle gebracht worden waren.

Höhlenkletterer hatten die frühmenschlichen Fossilien in einer Kammer des Rising-Star-Höhlensystems rund zehn Meter unter der Erde gefunden. Um an diesen später als Dinaledi-Kammer bezeichneten Ort vorzudringen, mussten sie sich in absoluter Dunkelheit und nur vom Schein ihrer Stirnlampen erhellt durch weniger als 25 Zentimeter breite Durchlässe zwängen und über steile, schroffe Felsen klettern. Wie konnten die fossilen Überreste nur an einen derartig abgelegenen Platz des Höhlensystems gelangen, fragten sich die Forscher.

Deshalb untersuchten der Geologe Paul Dirks von der James Cook University in Queensland in Australien und seine Kollegen die Geologie der Höhle sowie die Eigenschaften der Knochen auf mögliche Hinweise. In Höhlen kann es auf vielerlei Arten zu Knochenansammlungen kommen – beispielsweise durch Wassereinbrüche, die Knochen von ihrem ursprünglichen Lageplatz ins Innere einer Höhle spülen oder durch Raubtiere, die Beute in ihren Bau bringen. In solchen Fällen wäre jedoch eine Mischung aus Fossilien unterschiedlicher Tierarten zu erwarten. Ein besonders typisches Merkmal der Rising-Star-Fundstätte ist allerdings, dass man neben H. naledi keine Überreste weiterer mittelgroßer bis großer Tierarten gefunden hat.

Keine Spuren von Wasser oder Raubtieren

Da sich also keine eindeutigen Anzeichen für Überflutungsereignisse oder tierische Aktivität feststellen ließen, schlossen die Wissenschaftler, dass H. naledi seine Toten in die Kammer geschleift habe. Zumindest teilweise nutzte er dazu denselben mühsamen Weg wie die Forscher. Das würde allerdings bedeuten, dass diese ausgestorbene Spezies mit nur einem Drittel unserer Gehirngröße bereits verstand, was Sterblichkeit bedeutete – und auch eine kulturelle Tradition besaß, die auf diesem Konzept aufbaute.

Dieser Argumentation begegnete man von Anfang an mit Skepsis. Als im vergangenen September Dirks, Projektleiter Lee Berger von der University of the Witwatersrand in Johannesburg und Mitarbeiter mit ihren Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit gingen und diese in zwei Artikeln in der Online-Zeitschrift "eLife" publizierten, äußerten viele Experten ihre Zweifel. Doch niemand hatte seine Gegenargumente in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht.

Aurore Val von der University of the Witwatersrand kritisiert die These nun offiziell: Ihr Manuskript wurde vom "Journal of Human Evolution" zur Veröffentlichung angenommen und ist bereits online verfügbar. Die Wissenschaftlerin argumentiert, es sei unmöglich nachzuweisen, dass vollständige Körper in der Kammer oder zumindest an deren Eingang in der vorgeschlagenen Art und Weise abgelegt worden seien – zumindest wenn man sich auf die Geologie des Fundorts und die Knochenmerkmale stütze, die Dirks und Berger als Nachweise in ihrer Publikation anführten.

Kritik und Gegenkritik

Val, die als Doktorandin bei Berger arbeitete und in der Vergangenheit bereits Artikel zusammen mit Berger, Dirks und anderen Mitgliedern des H.-naledi-Forscherteams veröffentlicht hat, untermauert ihre Kritik, indem sie verschiedene Beweisführungen der ursprünglichen Publikation genauer unter die Lupe nimmt. Da die Altersbestimmung der Fossilien immer noch ausstehe, könnten Berger und Kollegen gar nicht wissen, wie die Höhle zu dem Zeitpunkt ausgesehen habe, als die frühmenschlichen Überreste in die Dinaledi-Kammer gelangten. Höhlen können sich im Lauf der Zeit stark verändern, und die Kammer sei früher möglicherweise viel leichter zugänglich gewesen. Val bezweifelt ebenfalls, dass das Forscherteam ausreichend fossiles Material analysiert habe, um einen Transport durch einströmendes Wasser oder den Einfluss von Raubtieren eindeutig auszuschließen.

In einer beim "Journal of Human Evolution" eingereichten Stellungnahme erheben Dirks, Berger und Kollegen jetzt den Vorwurf, ein Großteil von Vals Kritik sei nicht gerechtfertigt und auf eine Fehlinterpretation der von ihnen veröffentlichten Daten zurückzuführen. Die Kartierung der Höhle und der umgebenden Gesteine zeige, dass es nie eine direkte Verbindung von der Dinaledi-Kammer zur Außenwelt gegeben habe, so ihr Gegenargument. Und obwohl die Geologie Hinweise auf Veränderungen im Lauf der Zeit liefere, hätten diese den Zugang zur Kammer jedoch nicht wesentlich beeinflusst.

Sedimentuntersuchungen innerhalb der Dinaledi-Kammer hätten außerdem ergeben, dass die Fossilien nicht durch Wasser verlagert worden seien, schreiben Dirks und seine Mitautoren weiter. Sie weisen außerdem darauf hin, dass sowohl die makroskopische Analyse aller Knochenfragmente als auch die mikroskopische Untersuchung von mehr als einem Drittel davon keine typischen Bissspuren Fleisch fressender Tiere erbracht hätten. Gleiches gelte auch für die Bruchstellen der fossilen Knochen, von denen nicht eine einzige so aussah, als sei sie durch den Angriff eines Raubtiers verursacht worden.

Dass ihre Stellungnahme bislang noch nicht vom "Journal of Human Evolution" veröffentlicht wurde, erbost die Autoren. Sie waren davon ausgegangen, dass ihr Beitrag in derselben Ausgabe wie Vals kritischer Kommentar erscheinen würde. Laut Chefredakteurin Sarah Elton von der Durham University in England liegt hier ein Missverständnis auf Seiten der Autoren vor. Die Replik einer Kritik sei nicht selbstverständlich, erläutert Elton, denn jedes eingereichte Manuskript durchlaufe den Peer-Reviewing-Prozess. Wenn eine Stellungnahme zur Veröffentlichung angenommen werde, erscheine sie normalerweise in derselben gedruckten Ausgabe der Zeitschrift wie der kritische Kommentar; auf Grund von Produktionsabläufen könne es jedoch passieren, dass die Kritik bereits vorher online publiziert werde. Über die Veröffentlichung der von Dirks und seinen Mitautoren verfassten Reaktion auf Vals Artikel werde gerade entschieden, erklärt Elton.

Beutezug eines Leoparden

Wissenschaftler anderer Forschungseinrichtungen, die Vals Kommentar und die Reaktion des Forscherteams darauf gelesen haben, geben der Autorin in einigen Behauptungen durchaus Recht. "Höhlen sind unglaublich dynamische Systeme, und es ist schwierig zu rekonstruieren, wie diese in früheren Zeiten ausgesehen haben könnten", meint Jeffrey McKee von der Ohio State University, der bereits Ausgrabungen an anderen Fundstätten menschlicher Überreste in Südafrika durchgeführt hat. Wie Val ist auch er der Ansicht, die Forscher hätten Hypothesen wie Wassertransport, Einfluss von Raubtieren oder andere Möglichkeiten viel zu früh verworfen. Die Untersuchung der Taphonomie, also der Prozesse, die zwischen dem Tod eines Organismus und dessen Auffinden als Fossil stattfinden, "muss sehr viel gründlicher erfolgen", so sein Einwand. Dass H. naledi als einzige mittelgroße bis große Art in den fossilen Überresten vertreten war, sei zwar ungewöhnlich, jedoch durchaus mit anderen Szenarien als einer bewussten Bestattung vereinbar. In Taung, einer weiteren südafrikanischen Ausgrabungsstätte an der McKee forschte, fand man fossile Überreste, die hauptsächlich Knochen von Pavianen enthielten und wahrscheinlich Überbleibsel eines Beutezugs von Leoparden darstellten. Diese Raubkatzen konzentrierten sich bei ihrer Jagd häufig auf nur eine einzige Tierart, erläutert McKee, und sie täten dies bisweilen, ohne verräterische Kratzer oder Löcher auf den Knochen zu hinterlassen. "Die meisten Raubtiere fressen zuerst die Eingeweide – daher findet man oft überhaupt keine Bissspuren", weiß der Forscher zu berichten und fügt hinzu, dass die fossilen Reste der Paviane von Taung nur sehr wenige Verletzungsspuren durch Raubtiere aufwiesen. "Das Fehlen von Beweisen ist jedoch kein Beweis dafür, dass etwas nicht stattgefunden hat."

Martha Tappen, eine Expertin für Taphonomie an der University of Minnesota, teilt in einigen Punkten ebenfalls Vals Skepsis. Obwohl sie den Ansatz des Forscherteams zur Klärung der Frage, wie die Knochen in die Kammer gelangt sein könnten, grundsätzlich befürwortet, kann sie das von den Autoren favorisierte Szenario nicht wirklich akzeptieren. "Die Erklärung, Homo naledi habe über Jahre hinweg seine Toten wiederholt in die Höhle getragen und [in die Kammer] gebracht, ist schwer nachvollziehbar und unglaubwürdig", versichert Tappen. Sie fragt sich, ob die ausgestorbenen Frühmenschen in die Kammer hinabgeklettert sein könnten – vielleicht auf der Suche nach Wasser oder um der Bedrohung durch Raubtiere oder andere Menschen zu entfliehen – und dann dort in der Falle saßen. "Wir werden dies niemals mit Sicherheit wissen", sinniert Tappen. Aber eins ist ihrer Ansicht nach ganz klar: "Man muss weitergraben."

Genau dies tue das Team gerade, meint Dirks. "Wir sind dabei, die Höhle gründlicher zu erforschen und haben bereits andere Kammern mit [fossilen menschlichen] Überresten gefunden, was uns weiter Aufschluss über den Grund des Vorkommens von H.-naledi-Fossilien in der Rising-Star-Höhle geben könnte. Wenn jede Altersklasse am Fundort zu gleichen Teilen vertreten ist, ist die Erklärung dafür sehr wahrscheinlich eine andere als für den Fall, dass eine Altersklasse bevorzugt auftritt, also wenn beispielsweise nur ältere und/oder jüngere Individuen gefunden werden. Dies muss nicht zwangsläufig die Hypothese des bewussten Ablegens untermauern oder widerlegen, aber es schränkt die Interpretation weiter ein."

Auf die brennende Frage nach dem Alter der sterblichen Überreste von H. naledi, antwortet Dirks, eine Datierung des Fundorts sei in vollem Gange. "Wir setzen gerade fünf unterschiedliche Techniken in sieben verschiedenen Laboratorien auf mehreren Kontinenten ein. Bei drei Verfahren führen wir Doppelblindversuche durch, um die größtmögliche Vertrauenswürdigkeit unserer Ergebnisse zu erreichen." Die Wissenschaftler stünden zwar wegen der Altersbestimmung der Fossilien unter großem Druck, jedoch zeichne sich die Fundstelle durch eine komplexe Geologie aus und man wolle nichts unberücksichtigt lassen, erklärt Dirks. "Noch ein wenig Geduld", fügt er hinzu, "es wird nicht mehr allzu lange dauern."

16/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2016

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