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Evolution: Ziemlich lahm

Was unterscheidet den Menschen vom Schimpansen? Ziemlich wenig. Auch die bei beiden Arten auffallend langsamen Evolutionsraten zeigen ihre enge Verwandtschaft.
Schimpanse und Mensch
Die Zeiten, als man Evolutionsbiologen noch als Affen karikierte, dürften mittlerweile vorbei sein. Charles Darwin musste sich das noch gefallen lassen, doch inzwischen hat sich herumgesprochen, dass die beiden Arten Homo sapiens (auch unter der Bezeichnung "Mensch" bekannt) und Pan troglodytes (also der Schimpanse) doch recht eng miteinander verwandt sind. Ihr gemeinsamer Vorfahre weilte vor schätzungsweise fünf bis sieben Millionen Jahren auf Erden.

Was Darwin nur ahnen konnte, hat sich inzwischen molekularbiologisch bestätigt: Nachdem im vergangenen Jahr auch das Schimpansen-Genom entziffert wurde, offenbart der Vergleich mit dem bereits bekannten menschlichen Erbgut eine genetische Identität von 98,8 Prozent.

Die jetzt zur Verfügung stehenden Genom-Daten der beiden Spezies nutzten die Forscher um Navin Elango vom Georgia Institute of Technology in Atlanta für einen weiteren Vergleich: Sie interessierten sich für die Frage, wie schnell die molekularen Uhren beim Menschen und seinen nächsten tierischen Verwandten ticken.

Bekanntermaßen zeichnen wir uns durch eine extrem lange Generationszeit aus. Wir brauchen etwa doppelt so lange bis zur Geschlechtsreife wie Schimpansen, unsere Schwangerschaftszeiten sind deutlich länger, und wir sind mit einer höheren Lebenserwartung beglückt. Die längere Generationszeit hatte entscheidende Konsequenzen – gilt sie doch als wichtige Voraussetzung unserer Vorfahren, um ein größeres Gehirn zu entwickeln. Eine längere Generationszeit bedeutet aber wiederum, dass im gleichen Zeitraum weniger Mutationen im Genpool auftreten. Die molekulare Uhr geht also nach.

Die Genetiker nahmen sich nun 63 Millionen Basenpaare des menschlichen Erbguts vor und verglichen Stück für Stück, wie viele Einzelbausteine im Vergleich zu den entsprechenden Abschnitten beim Schimpansen ausgetauscht waren. Dabei bestätigte sich ein kleiner, aber feiner Unterschied zwischen Mensch und Affe: Tatsächlich verlangsamte sich in der Entwicklung des Menschen die Mutationsrate; im Vergleich zum Schimpansen ging seine molekulare Uhr um etwa drei Prozent nach. Diese Verlangsamung, so schätzen die Forscher, muss vor etwa einer Million Jahren aufgetreten sein – für Evolutionsbiologen ein Wimpernschlag.

"Unsere Studie stützt die Hypothese, dass Menschen und Schimpansen zur selben Gattung gehören"
(Soojin Yi)
Doch auch Vetter Schimpanse nimmt sich molekularbiologisch Zeit. Denn als die Forscher die entsprechenden Sequenzdaten vom Gorilla (Gorilla gorilla) sowie vom Orang-Utan (Pongo pygmaeus) heranzogen, zeigte sich, dass im Vergleich zu den anderen Menschenaffen die Schimpansen-Uhr um immerhin acht Prozent nachgeht. Mit anderen Worten: Der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse ist deutlich kleiner als der zwischen Schimpanse und Gorilla.

Die besondere Stellung der "Krone der Schöpfung" relativiert sich damit – und zwar beträchtlich, wie Arbeitsgruppenleiterin Soojin Yi betont: "Unsere Studie stützt die Hypothese, dass Menschen und Schimpansen zur selben Gattung statt in zwei verschiedene Gattungen gehören, denn wir teilen nicht nur ein extrem ähnliches Erbgut, sondern auch eine ähnliche Generationszeit."

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