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Nationalsozialismus: Hitlers Kindersoldaten

Mit Kriegsspielen indoktriniert und militarisiert – in Massenverbänden formten die Nationalsozialisten Minderjährige nach ihren Vorstellungen. Viele Jugendliche, die so im Nationalsozialismus aufwuchsen, schickte die NS-Führung bei Kriegsende an die Front und in den Tod.
Diese Gruppe Hitlerjungen, die zum »Volkssturm« gehörte, wurde von der US-Armee 1945 gefangen gesetzt.

»Die Engländer haben neben Bomben auch Lebensmittelkarten abgeworfen (...). Auch Flugblätter, ganz gemeine. Meinen Glauben können sie nicht erschüttern. Wenn A. Hitler uns zum Sieg führt, so hilft Gott uns und unsre Sache ist gut. Ich kann aber die Engländer nicht hassen. Sie sind auch Germanen.«

Serie: »Kinder im Zweiten Weltkrieg«

77 Jahre liegt das Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Am 7. Mai 1945 unterzeichnete die Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, einen Tag später trat diese in Kraft. Hitler und die Nationalsozialisten hatten die Welt zuvor in einen Krieg gestürzt, in dem Millionen Menschen starben.

Wer damals Kind war, gehört heute zur Generation der Ältesten. Historikerinnen und Historiker haben die Erfahrungen der Kinder aus Tagebüchern rekonstruiert – die Serie auf »Spektrum.de«:

Liselottes Glaube an »Führer, Volk und Vaterland« war an diesem 28. August 1943, als Bomben Berlin und andere Städte verwüsteten und längst düstere Nachrichten von der Ostfront die Heimat erreicht hatten, ungebrochen. In ihrem Tagebuch bewertete die 15-Jährige die Kriegsereignisse in den Jahren von 1942 bis 1945 aus der Sicht eines im Nationalsozialismus sozialisierten Mädchens. So schrieb sie nach der Niederlage von Stalingrad im Februar 1943: »Es ist schweres Leid über Deutschland gekommen. Stalingrad. Es ist zum Weinen. Aber ich will nicht schwach werden. (…) Wir dürfen nicht unterliegen. Das dürfen wir den Männern nicht antun, die an der Front ihre Pflicht taten, u[nd] all dem geflossenen, deutschen Blut der besten unseres Volkes.« Dann im November desselben Jahres hellte sich die Stimmung der Jugendlichen wieder auf: »Hitler hat mir wieder Glauben geschenkt an den Sieg, er hat von einer Landung in England u[nd] von einer Vergeltung für den Bombenterror gesprochen.«

Wie der NS-Staat die Jugend indoktrinierte

Liselottes Tagebucheinträge bezeugen, wie erfolgreich die Nationalsozialisten darin waren, Millionen von Kindern und Jugendlichen zu indoktrinieren und nach ihren ideologischen Vorstellungen zu formen. In den prägendsten Lebensjahren verinnerlichte eine ganze Generation nationalsozialistische Parolen und Werte wie Pflichterfüllung oder Gefolgschaftstreue. Sie wuchs im Glauben an Adolf Hitler und die eigene »rassische« Überlegenheit auf. Und zu einem übersteigerten Pflichtgefühl erzogen, trieb es etliche in den letzten Kriegsmonaten dazu, sich und andere zu opfern, wie es der Historiker Nicholas Stargardt von der University of Oxford darlegt in seinem Buch »Kinder in Hitlers Krieg«. Auch Liselotte fragte sich am 8. November 1943: »Ist es nicht heilige Verpflichtung, weiterzukämpfen, und sollte Deutschland ausgerottet werden, dann wären wir alle gleich tapfer gewesen. (...) Und wenn wir alle untergehen sollten, es kommt kein 1918 mehr. Adolf Hitler, ich glaube an dich u[nd] den deutschen Sieg.«

Mädchen | Das nationalsozialistische Propagandabild zeigt Mädchen 1937 in einem Ferienlager. Auf der Rückseite des Fotos heißt es: »Berliner Jungmädel im Pfingstlager auf dem Gut Liebenberg. Reinlichkeit vor allem: Die Jungmädel beim Zähneputzen.«

Die Nationalsozialisten wollten ihre Ideologie möglichst früh in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen verankern. Dazu nutzten sie ihre Nachwuchsorganisationen. Der wichtigste ihrer Jugendverbände war die Hitlerjugend (HJ). Sie wurde bereits 1926 gegründet. Spätestens seit 1939 war eine Mitgliedschaft für alle 14- bis 18-Jährigen Pflicht, ab dem Frühjahr 1940 wurden dann alle 10- bis 14-Jährigen ins Jungvolk eingezogen und leisteten ihren Treueschwur auf Adolf Hitler. Die Mädchen waren entsprechend im Jungmädelbund und im Bund Deutscher Mädel (BDM) organisiert. Durch die Zwangsmitgliedschaft gehörten den Verbänden fast alle deutschen Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren an. Zudem waren schon 1933 alle anderen Organisationen für Minderjährige verboten worden. Der Plan dahinter: Weder die Schule noch das Elternhaus allein sollten für die Erziehung zuständig sein, sondern der NS-Staat wollte seine Ideologie direkt vermitteln und durch körperliche Ertüchtigung für eine paramilitärische Ausbildung der Minderjährigen sorgen. Eine so indoktrinierte Jugend sollte Hitler und der NS-Führung langfristig die Macht sichern.

Auf den Lehrplänen der HJ-Einheiten standen Themen wie »Germanische Götter und Helden«, »Das Volk und sein Blutserbe« oder »Adolf Hitler und seine Mitkämpfer«. Man veranstaltete feierliche Paraden, Ausflüge und Heimabende, bei denen die Kinder dem propagandistischen, eigens auf ihr Alter abgestimmten Radioprogramm lauschten. Die Jugendlichen wurden in den Wald geschickt, um Kräuter zu pflücken, und in die Stadt, um Altpapier, Kleidung, Metall und Knochen zu sammeln. Mädchen strickten Handschuhe und Socken für die Soldaten an der Front, sie halfen in Kindergärten oder teilten an Bahnhöfen Nahrung und Kaffee an vorbeiziehende Soldaten aus – selbige Männer, denen die jungen Mädchen dann auch Briefe schreiben sollten.

Bedingungslos bereit, sich zu opfern

Der beschworene Gemeinschaftssinn, der Appell ans Pflichtgefühl, die Uniformen und die vermeintliche Freiheit fernab von Schule und Elternhaus – all das übte auf viele Jugendliche eine enorme Anziehungskraft aus. Zeitzeuge Joachim Lörzer etwa berichtet, wie erwachsen er sich als Zwölfjähriger fühlte, wenn er die HJ-Uniform trug. 1944, so sagt er, war er bedingungslos bereit dazu gewesen, sich für »Führer, Volk und Vaterland« zu opfern.

Während einige Kinder Jahrzehnte später berichteten, Politik habe für sie damals keine Bedeutung gehabt – vielmehr seien sie Freizeitaktivitäten nachgegangen und hätten Freunde getroffen –, erinnerten sich andere an unerträglichen Drill, einige hingegen verspürten auch großen Idealismus. Ehemalige Kriegskinder, die wie Liselotte an das Regime und dessen Versprechungen geglaubt hatten, sagten nach dem Krieg, sie fühlten sich »verraten« und »missbraucht«. Der Nationalsozialismus vermittelte ihnen die Überzeugung, etwas Besonderes zu sein – um sie dann unzureichend bewaffnet in den Tod zu schicken.

Im Schnellverfahren zum Soldaten ausgebildet

Nach der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs trat die Militarisierung der Jugendlichen immer stärker zu Tage: »Der Schießdienst in der HJ wurde verschärft und es entstanden Wehrertüchtigungslager, in denen sich jeder 15-Jährige innerhalb von drei Wochen zum Minisoldaten ausbilden lassen konnte«, erklärt Markus Raasch, Historiker an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Koordinator der Arbeitsgruppe »Eltern und Kinder im Krieg«. Ab 1943 wurden Jungen regelmäßig als Flakhelfer eingesetzt.

Der Krieg bestimmte das Leben der Kinder und Jugendlichen im Deutschen Reich, wie Raasch erklärt. Soldaten besuchten immer wieder Schulklassen. In den Klassenzimmern und anderen öffentlichen Räumen hingen Landkarten, die Frontverläufe zeigten. Während die Schülerinnen und Schüler im Kunstunterricht Kriegsschiffe bastelten, rezitierten sie in Deutsch Kriegsgedichte. Zu Weihnachten bekamen sie Kriegsspielzeug geschenkt, sie hörten Propagandasendungen im Radio oder schauten Kinofilme wie »Hitlerjunge Quex« – einen NS-Propagandafilm mit dem bezeichnenden Untertitel »Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend«. Die Hauptfigur ist ein überzeugter Junge der HJ, der am Ende von »kommunistischen« Gleichaltrigen ermordet wird.

Die Väter an der Front korrigierten Hausaufgaben

»Die NS-Ideologie hat Familien stark beeinflusst«, sagt Markus Raasch. Die Väter saßen an der Front, waren aber durch die Feldpost im Austausch mit ihren Kindern. »In deren Korrespondenzen finden wir immer wieder das Narrativ der Härte«, erklärt Raasch. So schrieben Väter Briefe an ihre Töchter, in denen sie mahnten »stark, ein tapferes deutsches Mädchen« zu sein. »Auf der anderen Seite sehen wir, dass Väter von der Front herzzerreißende Briefe schrieben; sie bastelten etwas für ihre Kinder oder gaben Ratschläge für das Schul- und Berufsleben.« Es gibt auch Briefe, in denen die Väter die Hausaufgaben der Kinder korrigiert hatten und nach Hause schickten.

Obwohl die Nationalsozialisten darauf abzielten, ihre Ideologie in das Familienleben zu tragen, gelang das nur bedingt. Raasch erläutert: »Bei unseren Forschungen ist uns aufgefallen, dass die Konflikte innerhalb der Familien Grenzen hatten. Wir haben mit ehemaligen überzeugten BDMlerinnen gesprochen, die sagten, dass sie nie so weit gegangen seien, die eigenen Eltern zu denunzieren.« Raasch fand nur für einzelne Fälle Gegenbelege. »Der Familienzusammenhalt war relativ stark, selbst wenn es sich um überzeugte Anhänger und Anhängerinnen des NS handelte.«

Die NS-Führung formiert ihr »letztes Aufgebot«

Wie tief die nationalsozialistische Ideologie dennoch in die Welt der Kinder einsickerte, zeigen Briefe und Tagebücher, die Kinder im harschen Ton der Wehrmachtsberichte verfassten. So schrieb die 14-jährige Marion Lubien aus Essen 1939: »Oberschlesiens Industriegebiet fast unversehrt in deutscher Hand«, und »Lodsch besetzt. Führer in Lodsch.« Während Kinder in den besetzten Gebieten im Osten zum Respekt und Gehorsam gegenüber den »Herrenmenschen« erzogen wurden, lernten deutsche Kinder, sich an ihre vermeintliche Führungsrolle zu gewöhnen. Eine BDM-Aktivistin in Polen forderte in einem Brief an ihre Familie, polnische Kinder arbeiten zu lassen: »Sie sind frech wie nichts und gaffen uns an wie Weltwunder.« Ein anderes Mädchen aus dem BDM erinnerte sich, wie ihr Vater sie als Kleinkind vor den Polen gewarnt hatte, die auf Grund des demografischen Wandels das Deutsche Reich schnell überrennen würden, sollte nichts geschehen. Sie fürchtete sich vor diesem Szenario.

Mit zunehmender Kriegsdauer und Radikalisierung zeigte sich die volle Widersprüchlichkeit und skrupellose Brutalität des Regimes. Als die Niederlage längst absehbar war, opferte die NS-Führung ausgerechnet jene Menschen, die sie jahrelang als »Zukunft des Volkes« beschwor: Im 1944 gebildeten Volkssturm wurden alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren für den »Endsieg« eingezogen. In krassem Kontrast zum feierlichen Eidschwur auf den Führer sah die Realität für die Jugendlichen ernüchternd aus. Es fehlte an Waffen, Ausbildern und Uniformen. Historiker Nicholas Stargardt fasst die damalige Situation zusammen: »Ende Januar [1945] hatte der Volkssturm gerade einmal 40 500 Gewehre und 2900 Maschinengewehre in seinem zentralen Waffendepot, ein Sammelsurium meist ausländischer und veralteter Waffen, für die oft kaum passende Munition vorhanden war.« Die Jungen erhielten »alte, schwarze SS-Uniformen aus den Vorkriegsjahren (...) und – für 15-Jährige, die zeigen wollten, was sie für das Vaterland leisten konnten, besonders ärgerlich – französische Stahlhelme.«

Kriegerromantik und brutale Realität

Einer von ihnen war der Hamburger Günter Lucks, der in der Nähe von Wien an die Front geschickt wurde. Seinem Meldebefehl zum Volkssturm war der 16-Jährige freudig gefolgt. »Ich fühlte mich erwachsen, als angehender vollwertiger Soldat. Und ich fühlte Stolz, in dieser entscheidenden Stunde endlich vom Vaterland gebraucht zu werden«, erzählt er Jahre später. Doch an Stelle von Abenteuer und Kriegerromantik stellten sich rasch Missfallen und Enttäuschung ein. »Der militärische Drill hängt mir zum Halse raus«, schrieb er am 25. Februar 1945 seiner Mutter aus dem Reichsausbildungslager im mährischen Lázně Luhačovice. »Du hast recht, ich bin zehnmal lieber bei der Post.« Nach kurzer Ausbildung marschierte Lucks mit einer Truppe aus HJ-Jugendlichen an die näher rückende Front bei Wien.

HJ-Ferienlager | Jungen der Hitlerjugend trainieren das Boxen – als Teil der paramilitärischen Ausrichtung des NS-Jugendverbands. Die Aufnahme entstand im Jahr 1938.

Hauptmann Otto Hafner studierte gerade eine Karte, als Lucks und seine Truppe anmarschierten. Hafner erinnerte sich später: »Es waren Buben, blasse Kindergesichter, die Feldblusen viel zu groß. Ihre dünnen Finger verschwanden unter den langen Ärmeln, die schmalen Gesichter unter den viel zu großen Helmen. (…) Ich war sehr betroffen. Sollte ich mit diesen Kindern die Russen angreifen?« Bei Brünn erschoss Günter Lucks das erste Mal einen Menschen, ein Ereignis, das ihm damals »surreal« vorkam. Er selbst überlebte das Ende des Kriegs in Gefangenschaft – anders als viele seiner Kameraden. Markus Raasch gibt einen Überblick über die Todesopfer: »Von den 15- bis 17-jährigen deutschen Jungen der Jahrgänge 1927 bis 1929 sind fast 60 000 gestorben – sie wurden größtenteils 1944 und 1945 eingezogen. Unter allen Jahrgängen von 1920 bis 1929 waren es mehr als 1,5 Millionen.«

Liselottes Bruder wurde ebenfalls zum Volkssturm eingezogen. »Bertel wird mit der Panzerfaust ausgebildet, auch Mädchen sollen sie lernen. Sie soll jedem Panzer gewachsen sein«, notierte Liselotte im April 1945. Wenige Tage später schrieb sie: »Gestern ist Bertel an die Front gekommen (...) Es ist furchtbar, mein Herz ist fast zersprungen, als ich die kleinen Jungs (15–18) so an die Front ziehen sah, mit Karabiner, Pistole, Panzerfaust abziehen sah, auf LKW oder Fahrrad. Ich bin so stolz auf unsere Jungs, die sich noch jetzt den Panzern entgegenwerfen, wenn der Befehl kommt. Aber sie werden in den Tod gehetzt.«

Zu diesem Zeitpunkt ziehen sich bereits Zweifel an Führer und Regime durch Liselottes Tagebuch. Auslöser dieses Meinungsumschwungs waren Nachrichten, dass die Nationalsozialisten Offiziere der Wehrmacht erhängt hatten. Im Tagebucheintrag vom 12. April 1945 steht: »Einen deutschen, einen preußischen Offizier zu erhängen! Fluch sei ihnen, Fluch der ganzen Nazibrut, diesen Kriegsverbrechern und Judenmördern.« Es ist eines der wenigen Male, dass das Mädchen die jüdische Bevölkerung erwähnt. Über das Schicksal der Juden schwiegen etliche Deutsche in ihren Tagbüchern und Briefen.

Am 17. Mai 1945 schrieb Liselotte ihren letzten Tagebucheintrag. Gerüchte um den Tod Bertels und seiner gesamten HJ-Gruppe hatten sie erreicht. Das Mädchen notierte: »So viele, viele Soldaten haben sich gedrückt und sind gekniffen, dazu war Bertel aber viel zu begeistert. Für wen denn? Für Hitler? Für Deutschland? Arme verhetzte Jugend!« Eine Einsicht, die offenbar zu spät kam.

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