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Packendes aus dem Packeis

Ein internationales Forscherteam hat sich mit dem Eisbrecher »Polarstern« für ein Jahr ins arktische Packeis einschließen lassen. Der Expeditionsleiter berichtet in einem spannenden Logbuch darüber.

Am 20. September 2019 bricht das deutsche Forschungsschiff »Polarstern« zu einer noch nie da gewesenen Expedition auf: Ein ganzes Jahr verbringt der Eisbrecher in der Arktis, lässt sich im Polarmeer zufrieren und von der Eisdrift über den Nordpol tragen – an Bord ein internationales Forscherteam, das einen ganzen Jahreszyklus des ewigen Eises erforschen möchte.

Auf den Spuren von Nansen

Vorbild für die vom Alfred-Wegener-Institut-Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung geleitete MOSAiC-(Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate)-Expedition war eine Unternehmung des Norwegers Fridtjof Nansen, der die natürliche Drift des Eises entdeckt hatte und sich mit seinem Schiff zwischen 1893 und 1896 davon hatte treiben lassen.

Zugegeben, die Forscher der »Polarstern« konnten auf andere technische Errungenschaften zurückgreifen als Nansen. Sie standen mit Hilfe anderer Eisbrecher und moderner Kommunikationsmethoden durchgängig in Kontakt mit der Außenwelt, zudem wurde die Mannschaft im Jahresverlauf mehrfach ausgetauscht und man konnte neue Vorräte ergänzen. Dennoch blieb die MOSAiC-Expedition ein Abenteuer, das die Forscher über Monate in eine der unwirtlichsten Gegenden der Welt, rund 1500 Kilometer entfernt von der nächsten menschlichen Siedlung, führte. Möglich wurde das nur durch internationale Kooperation – eine Tatsache, die nach dem Aufkommen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 beinahe zu ihrem Scheitern geführt hätte.

In Form eines Tagebuchs lässt der Expeditionsleiter Markus Rex nun die Öffentlichkeit an der Polarexpedition teilhaben. Detailliert beschreibt er die Reiseroute, die den Eisbrecher ausgehend vom norwegischen Tromso bis zur Laptewsee vor Sibirien führte, die Suche nach einer geeigneten Eisscholle als Ankerplatz im Eis und die lange Zeit der passiven Drift in westlicher Richtung über den Nordpol bis nach Spitzbergen.

Neben technischen Details zur Ausstattung des Forschungsschiffs, den durchgeführten Experimenten und zum Alltag an Bord gelingt es Rex sehr anschaulich, die Atmosphäre in der uns so fremden Welt einzufangen. Der Aufenthalt in der Arktis teilt sich in eine Zeit der immer währenden Dunkelheit und eine ohne Sonnenuntergang – zwei Jahreszeiten, die vollkommen andere Lebensbedingungen und Herausforderungen bieten. So sind in der winterlichen Polarnacht insbesondere Besuche von Eisbären eine ernst zu nehmende Bedrohung, während im Sommer tauendes Eis für Menschen und Ausstattung gefährlich wird.

»Eingefroren am Nordpol« ist in fünf Abschnitte unterteilt, von denen vier den jeweiligen Jahreszeiten gewidmet sind. Im übrigen Teil beschreibt Rex die Zeit, in der er von Land aus die Expedition steuerte. Eingestreut sind immer wieder Rückblicke sowie interessante Exkurse und Hintergrundinformationen, oft in Form von farblich abgesetzten Infokästen. Das Buch wird zu einem echten Stück Zeitgeschichte durch den Einbezug von Ereignissen, die der Corona-Pandemie geschuldet waren. So mussten im Frühsommer alle Expeditionsteilnehmer der nächsten Etappe zunächst zwei Wochen in einem Hotel in Quarantäne verbringen, damit das Coronavirus nicht an Bord geriet.

Einen besonderen Mehrwert bietet die reiche Bebilderung des Logbuchs. So zeigt es nicht nur einzelne Forscher – oft namentlich erwähnt – bei der Arbeit, sondern der Leser findet auch spektakuläre Landschaftsaufnahmen sowie Eisbären, die sich unbekümmert in ihrem natürlichen Lebensraum bewegen.

Letztere bieten Rex immer wieder die Gelegenheit, auf den bedrohten Status der Arktis zurück zu kommen. Eindrücklich geht er auf die Veränderungen ein, die in den über hundert Jahren seit der Expedition von Fridtjof Nansen zunehmend offensichtlich werden, sowie jene, die der Autor selbst im Vergleich zu früheren Expeditionen wahrnimmt. So haben sich die durchschnittlichen Temperaturen seit Nansens Reise um fünf bis zehn Grad Celsius erhöht, während die Dicke des Eises um etwa die Hälfte abgenommen hat – deshalb war anfangs unklar, ob überhaupt eine Scholle in der Lage sein würde, das Schiff und das Forschungscamp zu tragen.

Damit ist »Eingefroren am Nordpol« ein dringender Appell an alle, mitzuhelfen, um den Klimawandel aufzuhalten. Letztlich lebt das Buch davon, dass Rex ein begnadeter Erzähler ist, der den Leser in seinen Bann zieht und auf eine in der Forschungsgeschichte einmalige Expedition mitnimmt.

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