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»Trink mich«, ruft der Wein

Flüssigem wie Seife, Erdnussbutter, Whiskey oder der perfekten Tasse Tee widmet sich der Materialforscher Mark Miodownik im Lauf einer Flugreise.

Halt, stopp!, möchte man dem Autor zurufen. Aber es ist zu spät: »Flüssiger Kot ist ekelerregend, vor allem wenn man hineintritt, möglichst noch barfuß, und spürt, wie er einem zwischen den Zehen quatscht.« Das Bild ist im Kopf. Mark Miodownik führt aus, dass uns Flüssigkeiten meist anwidern, wenn sie aus unserem Körper austreten. Vielleicht weil sie eine Gefahr für die Gesundheit signalisieren. Nur wenig später schildert er deren »raffinierte Struktur«, die diese Art der Viskoelastizität erschafft und so das Gefühl zwischen den Zehen erzeugt. Doch neben diesem extremen Beispiel formt der Autor an vielen Stellen auch schöne Bilder, die im Kopf haften.

Erdnussbutter als Flüssigkeit?!

In seinem Buch stellt Miodownik Flüssigkeiten vor, die ihm auf einer transatlantischen Flugreise von London nach San Francisco begegnen: kraftvolles Kerosin, berauschender Wein, flüssiges Glas und seltsame Flüssigseife –Stoffe, die sich irgendwo zwischen fest und gasförmig befinden. Er zählt Sachen wie Erdnussbutter, Honig, Pesto, Zahnpasta und Malt Whiskey auf, die ihm die Sicherheitskontrolleure am Flughafen regelmäßig aus dem Handgepäck nehmen. Am liebsten würde er in diesen Situationen verzweifelt rufen, aber »Erdnussbutter ist doch keine Flüssigkeit!«, obwohl er es besser weiß.

Die Welt der flüssigen Chemie erscheint bei ihm so einfach, wie es die hingekritzelten Strukturformeln von Alkohol suggerieren, als ihm der Flugservice eine Flasche Chardonnay serviert. »Trink mich«, ruft der Wein ihm zu, »für kurze Zeit sieht die Welt dann ganz anders aus.« Und so zeigt Miodownik anhand der polaren Effekte, warum sich Alkohol so gut mit dem ebenfalls polaren Wasser verdünnen lässt. Doch diese alkoholische Verführung hat Folgen, denn die Substanz hat auch eine ölähnliche Seite, durch die ein guter Tropfen an den Schutzvorrichtungen der Zellmembranen vorbeischlüpft und direkt vom Blut ins Gehirn dringt.

Miodownik ist Professor für Materialforschung in London und schreibt regelmäßig für den »Guardian« und die »New York Times«, die ihn 2010 zu den 100 einflussreichsten Wissenschaftlern zählte. Sein letztes Buch »Wunderstoffe« landete nicht nur in Deutschland auf der Bestenliste, sondern gewann den prestigeträchtigen Royal-Society-Preis für Wissenschaftsbücher. Der Autor schreibt extrem unterhaltsam, versteht es aber auch live fesselnd zu erzählen. Das beweist er in seinem Fernsehauftritt, in dem er sein neues Buch vorstellt.

Er erklärt die Wissenschaft, die Flüssiges flüssig macht, und vergisst dabei nicht, die Auswirkungen auf die Umwelt zu erwähnen. Die Flüssigseife entdeckt er auf der Flugzeugtoilette. Er ist begeistert, wie die zwölfgliedrige Kohlenstoffkette der Laurinsäure so wunderbaren Schaum erzeugt und so gut reinigt. Der Haken daran: Für den dazugehörigen Rohstoff Palmöl werden riesige Urwaldflächen gerodet.

An anderer Stelle erklärt er, wie Zweikomponentenkleber oder Kugelschreiber funktionieren, was ein Flüssigcomputer ist oder welche Sorten von Tränen es gibt. Die behandelten Stoffe finden sich in Kapiteln geordnet nach explosiven, berauschenden, anregenden, wolkigen oder nachhaltigen Flüssigkeiten, auf die er während seiner Flugreise stößt oder an die er denkt. Es könnte sicher auch eine Fahrt mit dem Zug sein, aber dann hätte er wohl auf Kerosin verzichten müssen.

Die Fülle an Informationen geht weit über die Stoffe hinaus, denen man auf einer Flugreise begegnet. Zum Beispiel, wenn er nebenbei erklärt, wie Flüssigkeiten in einem Baum hinauf-, aber einen Berg hinunterfließen, warum Öl klebrig ist, weshalb sich Wellen so weit fortsetzen, wieso etwas austrocknet, wie eine Flüssigkeit aus Kristallen bestehen kann und – für ihn als Engländer ganz besonders wichtig – wie man die perfekte Tasse Tee zubereitet.

Warum der deutsche Buchverlag den schönen englischen Titel »Liquid Rules: The Delightful and Dangerous Substances That Flow Through Our Lives« in dieses uninspirierte »Fabelhafte Flüssigkeiten« übersetzt hat, erschließt sich nicht. Zum Glück ist die restliche Übersetzung des Buchs besser gelungen.

Miodowniks eigene Begeisterung für die flüssigen Stoffe ist ansteckend. Er vertieft sich so sehr in diese stoffliche Welt, dass er nichts anderes mehr auf seiner Flugreise bemerkt. Auch nicht, dass seine Sitznachbarin eine Kollegin ist. Dieses Abtauchen in die Welt des Flüssigen kann beim Lesen auch passieren. Denn selten verpackt ein Autor wissenschaftliche Inhalte so gut in eine spannende Erzählung, ohne an Qualität zu verlieren. Am Ende angelangt möchte man am liebsten rufen: »Halt, nicht aufhören. Erzähl weiter!«

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