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Anekdoten aus dem Museum

Im Buch »Wissensdinge« erzählen die Autoren Geschichten rund um die wichtigsten Ausstellungsstücke des Naturkundemuseums Berlin.

Im Kalten Krieg half ein Dinosaurier, die Eiszeit zwischen den politischen Systemen von Ost und West ein wenig aufzutauen: In Tokio eröffnete am 7. Juli 1984 eine opulente Sonderausstellung, die 175 Jahre Forschung an der Humboldt-Universität zu Berlin würdigte. Stargast war der 150 Millionen Jahre alte Brachiosaurus brancai. Längst steht das berühmteste Dinosaurierskelett Deutschlands wieder im Lichthof des Naturkundemuseums Berlin. Die Geschichte seines ungewöhnlichen Ausflugs, der es um die halbe Welt führte, dürfte jedoch eher unbekannt sein.

Fundstücke aus Zoologie, Paläontologie und Mineralogie

Wie es zu der Leihgabe der damaligen DDR an den kapitalistischen Klassenfeind Japan kam, beschreibt ein Beitrag im Buch »Wissensdinge«. Darin stellen zahlreiche Autoren die wichtigsten Ausstellungsstücke des Naturkundemuseums Berlin vor. Rund 30 Millionen Objekte beherbergt das Museum, das als Forschungsinstitution für Evolution und Biodiversität der Leibniz-Gemeinschaft angeschlossen ist.

Die Herausgeberinnen des Buches, Anita Hermannstädter, Ina Heumann und Kerstin Pannhorst, haben sicher lange überlegt, welche Objekte des gewaltigen Fundus sie in dieser Sammlung präsentieren. Dabei waren sie erfolgreich: Die Auswahl ist abwechslungsreich gelungen. Sie gibt einen Einblick in die Geschichten der Fundstücke aus der Zoologie, der Paläontologie und der Mineralogie. Jedes der vorgestellten Objekte hat eine bewegte Vergangenheit.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Los geht es mit Fragmenten eines Meteoriten, der im Jahr 1492 im elsässischen Städtchen Ensisheim einschlug. Vor allem solche Geschichten, die sich um ältere Fundstücke drehen, geben einen netten und oft überraschenden Einblick in die Art und Weise, wie früher Forschung und auch das Kuratoren-Leben betrieben wurde. So erzählt ein Kapitel über das Jahr 1779 die Verlosung des Londoner Privatmuseums von Sir Ashton Lever samt seinem Inhalt. Dabei landete ein wertvolles Paar hawaiianischer Vögel, zwei so genannte Ous, die James Cook von seiner dritten Expedition mitbrachte, nach vielen Zwischenverkäufen im Berliner Naturkundemuseum. Knapp 80 Jahre später verpasste Wilhelm von Blandowski die einmalige Chance, die giftigste Schlange der Welt als Erster zu beschreiben. Und schließlich entpuppten sich »Bodenproben«, die bei einer deutschen Tiefseeexpedition im Jahr 1898 von der Mannschaft des Forschungsschiffs »Valdivia« eingesammelt und in handgeblasenen Gläsern aufbewahrt wurden, als wertvolles Tiefseesediment. In ihm finden die Wissenschaftler heute noch die Kalkschalen von mikroskopisch kleinen Lebewesen, die sie mit rezenten Kalkschalen vergleichen, um so Rückschlüsse auf den Klimawandel im Ozean zu ziehen.

Mit einem Schmunzeln liest sich die Anekdote um den Zoologen Wilhelm Krefft, der seine Forschung in den entlegensten Kolonien Australiens nicht gerade gewürdigt sah, obwohl er die bahnbrechende Entdeckung des Australischen Lungenfischs gemacht hatte. Das brachte er in einem Brief an seinen Vorgesetzten mit den Worten »Lieber Professor, wann werde ich mal was von Ihnen hören …« zum Ausdruck.

Gegen Ende der Lektüre kommen aktuelle Arbeiten aus dem Museum zur Sprache. Dieser Abschnitt ist auch für Kuratoren interessant. Hier geht es beispielsweise um die Frage, wie man wertvolle Ausstellungsstücke den Besuchern so zugänglich macht, dass diese sie auch anfassen können. So erstellen die Mitarbeiter Abgüsse von Tieren, deren Oberflächen sich haptisch genauso anfühlen wie die Originale. Ebenso können Besucher zu Forschern werden, indem sie helfen, die Gesänge von Nachtigallen aufzuzeichnen, und damit deren Varianz dokumentieren. Zudem macht die Digitalisierung vor dem ehrwürdigen Haus mit seinen vielen alten Fundstücken keinen Halt. Die Forscher des Naturkundemuseums erfassen kleinste Lebewesen mit einem hochauflösenden Scanner, der bis zu 25 000 Aufnahmen eines Objekts macht und sie zu einem dreidimensionalen Bild zusammensetzt. Seit 2020 kann man die beeindruckenden Ergebnisse in einer frei zugänglichen Datenbank des Museums bewundern.

Nicht nur für Fans des Naturkundemuseums Berlin ist »Wissensdinge« eine bereichernde Lektüre. Denn in dem ansprechend gestalteten Buch finden sich viele spannende Geschichten über Exponate, die – von der Tiefsee bis aus dem Weltall – ihren Weg ins Berliner Museum gefunden haben. Man erfährt, wie sich die Naturwissenschaft über die Jahrhunderte entwickelt hat, und erhält einen Einblick in die aktuelle Forschungsarbeit verschiedenster Bereiche, von der Evolutionsbiologie bis zur Museumspädagogik. In diesem Werk lebt die Museums- und Wissenschaftsgeschichte auf.

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