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Gute Frage: Gibt es mehr als zwei Geschlechter?

Der Mediziner Olaf Hiort erklärt, wie facettenreich die biologische Geschlechtsentwicklung und die Geschlechtsidentität sind.
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Die Frage, wie viele Geschlechter es gibt, erscheint Ihnen vielleicht zunächst unsinnig. Die meisten von uns lernen von klein auf, dass es natürlich zwei sind: männlich und weiblich. Männer und Frauen bekommen Kinder, die dann die nächste Generation bilden. Bei der sexuellen Fortpflanzung ist das der Weg, eine Spezies zu erhalten.

Aber ist es wirklich so einfach mit dem Geschlecht? In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass neben der Biologie auch unsere kulturelle Wahrnehmung von Bedeutung ist. Demnach entscheidet nicht zuletzt die Erziehung darüber, was wir als typisch männlich oder typisch weiblich empfinden. Wir nehmen also eine Geschlechterrolle ein, die kulturell geprägt ist.

Nun kann die Selbstwahrnehmung eines Menschen von seinem biologischen Geschlecht abweichen – wir sprechen dann von Transidentität. Manchmal ist das ­biologische Geschlecht aber nicht eindeutig bestimmbar, dieses Phänomen wird meist Intersexualität oder auch Variante der Geschlechtsentwicklung genannt. Die Betreffenden lassen sich dem üblichen Mann-Frau-Schema nicht klar zuordnen. Um dem Rechnung zu tragen, regelt seit Ende 2018 das Personenstandsgesetz in Deutschland, dass sich eine Person mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung als männlich, weiblich oder als divers bezeichnen kann.

Anfang der 2000er Jahre kam der Begriff der »Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung« auf. Wir wissen heutzutage, dass das chromosomale Geschlecht, die ­typische Konstellation XX oder XY, weder das äußere Geschlecht noch die geschlechtliche Selbstwahrnehmung eines Menschen eindeutig festlegt. Die Gene geben lediglich wieder, welches Potenzial üblicherweise im Bauplan des Menschen ausgeschöpft wird.

Die Gene steuern die Entwicklung der Keimdrüsen. Das sind die Organe, die sich zu Hoden oder Eierstöcken entwickeln können. Schon auf dieser Ebene sind Abweichungen vom üblichen Ablauf möglich. Kinder weisen dann sowohl Eierstock- als auch Hodenanteile auf. Für die Ausprägung der Geschlechtsmerkmale, also Penis, Vagina, Gebärmutter und so weiter, sind letztlich Hormone zuständig.

Nach heutigem Erkenntnisstand ist hierbei die Hormon­produktion des Hodens von entscheidender Bedeutung. Hier werden zwei Arten von Hormonen gebildet: Testosteron sowie das so genannte Anti-Müller-Hormon. Der Clou daran: Jeder Fötus besitzt zunächst die Anlage, eine Gebärmutter zu entwickeln. Durch Ausschüttung des Anti-Müller-Hormons aus dem Hoden­gewebe wird die Bildung der Gebärmutter unterdrückt. Ist dieser Botenstoff gar nicht oder nicht in ausreichender Menge vorhanden oder wirkt er nicht richtig, kann am Ende trotz sonst männlicher Merkmale eine Gebärmutter entstehen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Testosteron. Steht es nicht in genügender Dosis zur Verfügung oder verfehlt es seine Wirkung, wird das bei beiden Geschlechtern am Beginn des Embryonalstadiums gleich aussehende Genital nicht zu einem Penis. Dann entstehen Zwischen­formen der Geschlechter, die keinem klar männlichen oder weiblichen Erscheinungsbild entsprechen.

Die geschlechtliche Entwicklung kann sehr vielfältig verlaufen, da hier viele verschiedene Gene und Hormone zusammenwirken. So können die äußeren Geschlechtsmerkmale mitunter eindeutig männlich oder weiblich aussehen, obwohl sich die Keimdrüsen anders entwickelt haben oder die Bildung und Wirkung der Hormone vom Normalfall abweichen. Die biologische Geschlechtsentwicklung ist höchst facettenreich und bislang nur in groben Zügen verstanden. Unklar ist etwa, welche Auswirkungen die hormonelle Variabilität auf die Geschlechtsidentität hat. Manche Menschen mit den beschriebenen Besonderhei­ten bezeichnen sich selbst als intersexuell, während sich andere klar als männlich oder weiblich empfinden.

Die Kategorien Mann und Frau bilden eine Art Rahmen, innerhalb dessen vielfältige Ausprägungen von Geschlechtlichkeit möglich sind – sowohl genetisch, anatomisch und hormonell als auch psychologisch und sozial. Diese Varianten sind jedoch nicht krankhaft, sondern sollten als natürliches Spektrum der Geschlechtsentwicklung verstanden werden.

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  • Quellen
Hiort, O.: The differential role of androgens in early human sex development. BMC Medicine 11, 2013

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