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Gesundheit: Welche Folgen hat Alkohol in der Schwangerschaft?

Manche Frauen meinen, ein Gläschen Sekt oder ein paar Schlucke Glühwein würden dem Baby in ihrem Bauch schon nicht schaden. Für das Gehirn des Ungeborenen können aber bereits kleine Mengen Alkohol schwer wiegende Folgen haben. Welche, das beantworten wir in unserer FAQ.
Die Körpermitte einer Schwangeren, von der Seite fotografiert, mit einem Weinglas in der Hand mittig im Bild.Laden...

»Bist du schwanger?« Mit dieser Frage müssen Frauen rechnen, die auf einer Feier mit Apfelschorle anstoßen. Denn alle wissen: Für Schwangere sind Sekt, Bier, Wein, Cocktails und andere Getränke mit Alkohol tabu. Dennoch kommen allein in Deutschland jedes Jahr mehrere tausend Babys mit Alkoholschäden auf die Welt, weil ihre Mutter in der Schwangerschaft getrunken hat. Bei der umfassendsten Form solcher Schäden sprechen Ärzte von »fetalem Alkoholsyndrom« (kurz FASD von fetal alcohol spectrum disorder). Hier erklären wir, was FASD bedeutet und mit welchen Folgen diese Kinder ihr Leben lang zu kämpfen haben.

Was passiert im Körper, wenn eine Schwangere Alkohol trinkt?

Schon zehn Minuten nach dem Trinken gelangt der Alkohol über die Schleimhäute von Magen und Dünndarm ins Blut und verteilt sich schnell im ganzen Körper. Die Blut-Hirn-Schranke der Mutter überwindet er ebenso problemlos wie die Nabelschnur, die den Blutkreislauf der Schwangeren mit dem ihres Babys verbindet.

»Beim Ungeborenen flutet dieselbe Blutalkoholmenge an wie bei der Mutter«, erklärt Christian Albring, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Hannover und Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte. »Allerdings ist das Baby dem Zellgift bis zu achtmal länger ausgesetzt, weil seine Leber noch unreif ist.« Das Organ kann den Alkohol nicht abbauen, weil ein bestimmtes Enzym dazu noch fehlt, die Alkoholdehydrogenase. »Während bei der Mutter durch einen Alkoholrausch zahllose bereits vorhandene Gehirnzellen zu Grunde gehen, können sie sich beim Embryo unter dem längeren Alkoholeinfluss gar nicht erst bilden«, so Albring. Auf Zellen, die sich schnell teilen, oder Gewebe, die wie das Gehirn hoch spezialisiert sind, wirkt Alkohol besonders giftig. Und es gibt keinen Zeitpunkt in der Schwangerschaft, an dem er nicht gefährlich ist.

Was sind die Folgen für die Kinder?

Am schlimmsten sind die Folgen für das Gehirn des Babys. Weil der Alkoholrausch des Fötus Fehlbildungen seines zentralen Nervensystems verursacht, kann es zu verminderter Intelligenz und Merkfähigkeit, zu Sprach- und Konzentrationsstörungen kommen. »Das Arbeitsgedächtnis funktioniert nicht optimal, ebenso eingeschränkt sind geistige Prozesse, die Verhalten, Aufmerksamkeit und Gefühle steuern«, erklärt Gela Becker, Diplompsychologin und Leiterin des Berliner Kinderheims Sonnenhof, das sich auf die Betreuung von Kindern mit Alkoholschäden spezialisiert hat.

»Die Betroffenen können aus Konsequenzen nicht lernen, was die ganze Pädagogik durcheinanderwirft«
(Gela Becker)

Gravierend ist laut Becker auch die »Störung der Sequenzierung«, wie es in der Fachsprache heißt: »Die Betroffenen können aus Konsequenzen nicht lernen, was die ganze Pädagogik durcheinanderwirft.« Zu den intellektuellen, emotionalen und sozialen Beeinträchtigungen kommt bei vielen, dass der Alkoholschaden äußerlich zu sehen ist: Kinder, die im Mutterleib Alkohol konsumieren mussten, sind oft unterdurchschnittlich klein, haben einen kleinen Kopf, eine vorgewölbte Stirn und eine auffällig kurze Nase mit nach außen gewölbten Nasenflügeln.

In den inneren Augenwinkeln bilden sich Falten, die Augenlider hängen. Das so genannte Philtrum – die Rinne zwischen Nase und Oberlippe – fehlt. Die Oberlippe selbst ist schmal, das Kinn fliehend, die Ohren sitzen tief am Kopf und sind nach hinten rotiert. Bestehen Gesichtsauffälligkeiten, Wachstumsstörungen und Gehirnschäden gleichzeitig, sprechen Ärzte und Therapeuten von FASD, dem fetalen Alkoholsyndrom.

Fällt sofort auf, dass mit dem Neugeborenen etwas nicht stimmt?

Schwere Alkoholschäden eines Babys bemerken Ärzte manchmal unmittelbar nach der Geburt. »Hat eine Mutter bis zur Entbindung stark getrunken, kann es sogar passieren, dass man das Neugeborene durch einen Entzug begleiten muss«, weiß Christian Albring. Oft seien die Schäden aber nicht auf den ersten Blick erkennbar – dafür sehen Neugeborene zu unterschiedlich aus.

Erst später fällt auf, dass die Kinder selbst einfache Dinge schlechter lernen als andere, keine Geduld haben, Regeln nicht einhalten können, häufig der Mittelpunkt von Streit sind und vieles nicht richtig verstehen. »Sie sind einfach das, was man ein schwieriges Kind nennt, und bleiben es auch«, sagt der Gynäkologe. »Ihr Leben lang haben sie Schwierigkeiten zu lernen, sich den Alltag anzueignen, mit Emotionen umzugehen, zwischen wichtig und unwichtig, richtig und falsch zu entscheiden.«

Ist FASD heilbar?

FASD ist nicht heilbar – und so werden aus verhaltensauffälligen Kindern Erwachsene, die auf Grund großer seelischer Spannungszustände und psychischer Störungen zu Suchterkrankungen und kriminellem Verhalten neigen. »Etwa 80 Prozent der Betroffenen können nicht dauerhaft einer Arbeit nachgehen, 70 Prozent sind auf Betreuung angewiesen, 60 Prozent entwickeln eine Suchtstörung«, so Gela Becker.

Die Berliner Psychologin leitet das FASD-Zentrum im Verein Sonnenhof, die bundesweit erste, aber nicht einzige Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder und Jugendliche. Ihre Schützlinge, so Becker, haben bessere Chancen, wenn FASD vor dem sechsten Lebensjahr diagnostiziert wurde, sie in einem stabilen Zuhause ohne Gewalt aufwachsen und passende Unterstützungs- und Fördermaßnahmen erhalten.

»Anders als bei Heroinbabys wächst sich FASD jedoch nicht aus«, berichtet die Psychologin. Trotzdem, so Becker, dürfe man nicht resignieren: »Die Hilfesysteme in Deutschland bemühen sich zunehmend um FASD. Werden Betroffene gut gefördert und die Anforderungen an ihre Fähigkeiten angepasst, können sie inzwischen auch wirklich gute Entwicklungen nehmen.«

Wie viele Kinder sind betroffen?

In Deutschland kommen jedes Jahr schätzungsweise rund 10 000 Babys mit Alkoholschäden zur Welt, die nicht wieder rückgängig zu machen sind. Jedes zehnte Kind davon hat FASD, also die volle Ausprägung. Alkoholschäden sind damit häufiger als das Down-Syndrom. Experten schätzen, dass noch viel mehr Kinder betroffen sind – deren Lernschwäche oder Verhaltensauffälligkeiten aber nie auf den Alkoholkonsum der Mutter zurückgeführt wurden. »Keine Frau gibt gern zu, dass sie in der Schwangerschaft getrunken hat. Gerade in der Mittel- und Oberschicht heißt es dann oft, das Kind hätte ADHS«, sagt Becker.

Ein kleines Gläschen Sekt zum Anstoßen kann doch nicht schaden, oder?

»Sehr viele denken, dass ab und zu ein Glas Bier oder Wein schon nicht schlimm ist«, sagt Christian Albring. »Doch für das Gehirn des Ungeborenen ist jede Alkoholmenge giftig.« Umfragen zufolge wissen 90 Prozent aller Frauen, dass Alkohol in der Schwangerschaft dem Baby schadet. Dennoch trinkt mehr als jede vierte Schwangere gelegentlich Alkohol.

»Sehr viele denken, dass ab und zu ein Glas Bier oder Wein schon nicht schlimm ist«
(Christian Albring)

Acht Prozent der werdenden Mütter konsumieren sogar so viel, dass es ihnen selbst schadet. Das hat verschiedene Gründe: Die einen meinen, ein Gläschen sei schon nicht so schlimm, die anderen trinken Alkohol, weil sie noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind. Und wieder andere sind alkoholabhängig und kaum in der Lage, für ihr Kind aufs Trinken zu verzichten. Das sollten sie aber unbedingt: Der Berufsverband der Frauenärzte schätzt, »dass eines von 67 Babys, deren Mutter in der Schwangerschaft regelmäßig Alkohol getrunken hat, am Vollbild FASD erkrankt«.

Spielt der Alkoholkonsum des Vaters auch eine Rolle?

Zwar beeinträchtigt Alkohol die Zeugungsfähigkeit eines Mannes, beschädigte Spermien können jedoch keine Eizelle befruchten. Gynäkologe Christian Albring rät werdenden Vätern allerdings, die Mütter in der Schwangerschaft zu unterstützen, »indem sie selbst aufhören, Alkohol zu trinken«.

Wie ist das in anderen Ländern?

In vielen Ländern Europas trinken sogar noch mehr Schwangere als in Deutschland. Laut einer im Fachmagazin »The Lancet« erschienenen Studie konsumieren in Russland 37 Prozent der Frauen während der Schwangerschaft Alkohol, in Großbritannien 41 Prozent und in Dänemark 46 Prozent. »In Irland trinken sogar 60 Prozent der Frauen weiter, obwohl sie schwanger sind«, berichtet Albring. »In diesen Ländern ist die Einstellung gegenüber Alkohol und Schwangerschaft ganz anders. Im muslimischen Kulturkreis dagegen ist das Problem so gut wie unbekannt.«

Wer klärt Frauen auf?

»Viele Frauen machen sich nicht klar, dass sie mit dem Alkohol ihr Kind für sein ganzes Leben unwiederbringlich schädigen«, so Albring. Aufklärung ist deshalb wichtig – und zwar schon vor der Schwangerschaft. »Wer schwanger werden möchte und die Verhütung weglässt, sollte am besten von diesem Zeitpunkt an aufhören, Alkohol zu trinken«, rät Diplompsychologin Gela Becker. »Nicht nur wegen FASD. Alkoholkonsum kann eine Schwangerschaft erschweren und erhöht das Risiko für eine Fehlgeburt.«

Vor einiger Zeit änderte der Gemeinsame Bundesausschuss die Mutterschaftsrichtlinien, um das Risiko von FASD in Deutschland zu verringern: Seit 2011 müssen Frauenärzte schwangere Patientinnen über die Gefahren von Alkohol und anderen Drogen für das Kind aufklären und dies im Mutterpass vermerken.

Was, wenn man erst als Erwachsener feststellt, dass man wahrscheinlich FASD hat?

FASD ist nicht heilbar, aber »auch für Erwachsene können wir viel tun«, sagt Gela Becker von der bundesweit ersten Betreuungsstelle. »Wer den Verdacht hat, dass er FASD hat, kann zum Beispiel zu uns nach Berlin kommen oder sich an eine andere Stelle wenden.« Viele seien erleichtert, von der Diagnose zu erfahren – weil es damit endlich eine Erklärung dafür gibt, dass sie im Leben anders als andere Menschen ständig anecken. Die Psychologin rät betroffenen Erwachsenen, Selbsthilfegruppen zu besuchen: »Die haben sich schon für viele als ungemeine Unterstützung erwiesen.«

Ist Alkohol für das Kind in der Stillzeit genauso gefährlich?

»Der Alkohol tritt leicht in die Muttermilch über«, sagt Christian Albring, »deshalb sollten Mütter auch in der Stillzeit keinen Alkohol trinken.« Der »Pegel« in der Muttermilch steigt nach dem Trinken zusammen mit dem im Blut an und hat bereits nach 30 Minuten den Höchststand erreicht. Sinkt der Blutalkoholspiegel, dann fällt auch die Konzentration in der Milch.

In einer gemeinsamen Empfehlung kommen die Nationale Stillkommission, das Bundesinstitut für Risikobewertung und das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zu folgendem Schluss: »Für die Gesundheit von Mutter und Kind ist es am sichersten, in der Stillzeit auf alkoholische Getränke zu verzichten.« Was Mütter wissen sollten: Auch geringe Mengen Alkohol können die Milchbildung hemmen. Stillende, die Alkohol trinken, haben häufig zu wenig Milch, wunde Brustwarzen oder einen Milchstau. Trinken Säuglinge alkoholisierte Muttermilch, entwickeln sie meist Schlafstörungen.

Was sollten Außenstehende tun, die sehen, dass eine Schwangere Alkohol trinkt?

Auch wenn das unangenehm ist: »Ich finde es nicht falsch, die Frau darauf anzusprechen«, sagt Psychologin Gela Becker. »Aber nicht vorwurfsvoll, sondern am besten, indem man über FASD aufklärt.« Mit Gela Becker als Expertin hat ein Fernsehsender in Berlin einmal eine Reportage gedreht: Als Schwangere getarnt, bat die Reporterin Passanten, ihr beim Öffnen einer Bierflasche zu helfen. »Niemand hat sie auf ihren Babybauch angesprochen, fast alle wollten ihr helfen – es war erschreckend«, so Becker.

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