Direkt zum Inhalt

Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen: Papaver somniferum

Papaver somniferum L.
(syn. Papaver amplexicaule, P. nigrum, P. officinale, P. opiiferum); Schlafmohn (syn. Gartenmohn, Mohn), vgl. Abbildung 1 und Abbildung 2.
Fam.: Papaveraceae.
Vork.: Zentralasien, Kleinasien, Mittelmeergebiete, Kulturen in zahlreichen Varietäten, u.a. in Mitteleuropa.
Drogen: 1. Fructus Papaveris immaturi (syn. Capita Papaveris immaturi, Capsulae Papaveris, Codia); Unreife Mohnfrüchte (syn. Mohnkannen, Mohnkapseln, Unreife Mohnkapseln, Mohnköpfe, Mohnkolben, Schlaftee), die nach dem Abfallen der Blütenblätter gesammelten, vor dem Trocknen der Länge nach halbierten und von den Samen befreiten unreifen Früchte. Inh.: Alkaloide, die dem Alkaloidspektrum des Opiums entsprechen, allerdings mengenmäßig wesentlich geringer sind, z.B Morphin (ca. 0,1 %), ferner Pektine und Hydroxyzimtsäurederivate. Anw.: volkstümlich bei Spasmen des Magen-Darm-Traktes, der Gallenwege und des Urogenitalapparates. Eine früher übliche Anwendung von Abkochungen in der Kinderpraxis, u.a. als Kinderberuhigungstee, ist wegen der Dosierungsungenauigkeiten, die mit lebensgefährlichen Auswirkungen verbunden sein können, strikt abzulehnen. 2. Stramentum Papaveris; Mohnstroh, die reifen, entsamten Kapseln. Inh.: Alkaloide (0,015-0,018 %). Anw.: industriell zur Gewinnung der Alkaloide, besonders von Morphin. 3. Opium (syn. Laudanum, Meconium, Opium crudum, Opium nativum, Thebaicum, Opium thebaicum, Succus Thebaicus); Opium (Rohopium), der aus eingeschnittenen, unreifen Früchten gewonnene, an der Luft eingetrocknete Milchsaft. Inh.: Alkaloide (20-25 % des Opiumgewichtes), von denen etwa 40 verschiedene Verbindungen bekannt sind, die sich jedoch sämtlich auf die Isochinolinstruktur zurückführen lassen und als Salze, meist an Mekonsäure gebunden, vorliegen. Hauptalkaloid ist das Morphin (14-17 %). Weitere Alkaloide sind u.a. Codein (ca. 1 %) und Thebain (ca. 0,5 %), die der Morphinanreihe zuzuordnen sind, sowie Noscapin (syn. Narcotin, ca. 5 %), Papaverin (ca. 1 %) und Narcein (ca. 0,5 %), die dem Tetrahydroisochinolintyp zugeordnet werden. Der mengenmäßige Anteil der einzelnen Alkaloide ist erheblich vom Herkunftsgebiet abhängig. Weitere Bestandteile der Droge sind organische Säuren, u.a. Äpfel-, Bernstein-, Citronen- und Milchsäure, Kautschuk (ca. 5-10 %) und Schleimstoffe. Anw.: in Zubereitungen, z.B. als Opiumtinktur, zur Ruhigstellung des Darmes bei starkem Durchfall sowie als Schmerzmittel. Opium besitzt ein hohes physisches und psychisches Abhängigkeitspotential und stellt eine gefährliche Rauschdroge dar (Rauchopium), daher unterliegt es zusammen mit seinen Zubereitungen dem Betäubungsmittelgesetz. Sucht und Suchtdrogen biogenen Ursprungs 4. Papaveris semen (syn. Semen Papaveris); Mohnsamen (syn. Schlafmohnsamen), die reifen, weißen Samen. Die Farbe der Samen kann variieren von schwarz, grau, graublau, braun bis weiß mit vielen Übergängen. Inh.: fettes Öl (50-55 % in weißen Samen bzw. 40-45 % in blaugrausamigen Sorten) mit einem Fettsäureanteil von Linolsäure (62,2 %), Ölsäure (30,1 %), Palmitinsäure (4,8 %) und Stearinsäure (2,9 %). Außerdem sind neben Aminosäuren, Proteinen und Enzymen Alkaloide (0,009 %) sowie Lecithin (0,25-1 %) enthalten. Anw.: zum Bestreuen von Backwaren und zur Gewinnung des Öles. 5. Papaveris seminis oleum (syn. Oleum Papaveris); Mohnöl, das aus den Mohnsamen gepreßte fette Öl. Inh.: s. Papaveris semen. Anw.: als Speiseöl, aber auch industriell, u.a. zur Herstellung von Seifen und Farben genutzt. Der Preßrückstand bei der Ölgewinnung dient in der Landwirtschaft als Viehfutter.
Hom.: Opium HAB 34, der in Kleinasien durch Einschnitte in die unreifen Fruchtkapseln erhaltene und an der Luft getrocknete Milchsaft. Anw.-Geb.: Krampfzustände an den Atemorganen, des Magen-Darm-Traktes, an den Harn- und Geschlechtsorganen sowie der Skelettmuskulatur, Schlafstörungen und Verstimmungszustände.
Histor.: Opium oder die "Mohnträne", wie man im Altertum sagte, ist seit etwa dem 3. oder 4. Jh. v.Chr. im Mittelmeergebiet in Gebrauch. Schon vorher kannte man einen Extrakt aus den Blättern der Mohnpflanze, der meist als Mekonium bezeichnet und später durch das stärker wirksame Opium verdrängt wurde. Dioskurides und Plinius beschreiben beide Zubereitungen und deren Wirkungen genau. Im Mittelalter wurde Opium zur Herstellung des Theriak genutzt, die Verwendung der Droge nahm aber stark ab, da sie als gefährlich galt. Die Schulmedizin nahm Opium erst wieder um 1664 verstärkt in Gebrauch, nachdem Sydenham seine Verwendung wissenschaftlich untersuchte und das bis heute als Tinctura Opii crocata bekannte Präparat beschrieb. Als Genußmittel wurde Opium seit dem 17. Jh. verstärkt im Orient genutzt und insbes. als Rauchopium (Chandu, Tschandu) mißbraucht. Besonders in China nahm der Opiummißbrauch und Schmuggel derart überhand, daß es 1840-1842 zum Opiumkrieg kam und die Chinesen 1858 auf Druck der Engländer den Opiumhandel zulassen mußten. Der Apotheker Sertürner isolierte 1806 mit dem Morphin das erste Alkaloid aus dem Opium und wurde dafür 1831 mit dem Preis der Pariser Akademie ausgezeichnet.



Papaver somniferum, Schlafmohn



Papaver somniferum, Mohnkapsel mit Milchsaft

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

  • Die Autoren

Partnerinhalte