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Essstörungen: Auch Normalgewichtige können magersüchtig sein

Menschen mit atypischer Anorexie müssen nicht untergewichtig sein. Sie sind aber medizinisch und psychologisch gesehen so krank wie andere Magersüchtige.
Frau misst den Umfang ihres BauchsLaden...

Die Diagnose Magersucht bekommen in der Regel nur Menschen, die stark untergewichtig sind. Doch es gibt auch »atypische« Formen der Anorexie: zum Beispiel, wenn jemand massiv abnimmt, aber (noch) nicht untergewichtig ist. Warum das ebenso gefährlich ist, zeigt eine Studie in der Fachzeitschrift »Pediatrics«: Nicht bloß Untergewicht und Unterernährung schaden dem Körper, sondern auch der Gewichtsverlust.

Ein Team um Kinderärztin Andrea Garber von der University of California in San Francisco untersuchte mehr als 100 Patientinnen und Patienten zwischen 12 und 24 Jahren, teils Untergewichtige mit traditioneller Diagnose, teils Normalgewichtige mit atypischer Anorexie. Letztere hatten vor Beginn der Essstörung im Mittel ein höheres Ausgangsgewicht, verloren aber ebenso viele Pfunde wie die Untergewichtigen: im Schnitt 15 Kilogramm über 16 Monate. Beide Gruppen litten unter vergleichbaren gesundheitlichen Folgen, darunter das Ausbleiben der Menstruation, ein niedriger Ruhepuls und Störungen im Elektrolythaushalt. Je größer und schneller der Gewichtsverlust, desto gravierender die Folgen. Die atypischen Magersüchtigen berichteten sogar von stärkeren psychischen Beschwerden, etwa der Furcht vor einer Gewichtszunahme.

Charakteristisch sind in beiden Fällen die Angst vor Gewichtszunahme, ein verzerrtes Körperbild, die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Essen, übermäßiger Sport sowie andere Arten der Gewichtskontrolle wie selbst induziertes Erbrechen. Traditionell wird die Diagnose Anorexia nervosa erst vergeben, wenn die Betroffenen 15 Prozent Untergewicht haben, was einem Body-Mass-Index von 17,5 oder kleiner entspricht. In den Diagnosemanualen gibt es zwar auch die atypische Variante mit weniger strengen Kriterien. Sie werde aber selten erkannt und behandelt, wie der Pädiater Neville Golden von der Stanford University der Presse mitteilte.

»Die Betroffenen sind medizinisch und psychologisch gesehen ebenso krank wie die untergewichtigen Anorexiepatienten«, sagt Golden. Das Therapieziel laute nicht, das einstige Übergewicht wiederaufzubauen. Was gesund ist, hänge von Kennwerten des Stoffwechsels, des Hormonhaushalts und des psychischen Befindens ab. Ein besonderes Problem der atypischen Anorexie liege darin, dass übergewichtige Teenager zunächst viel Anerkennung bekommen, wenn sie abnehmen. Niemand sorge sich um sie, solange sie nicht untergewichtig sind.

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