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Ernährung bei Krebs: Der Zucker darf bleiben

Zuckerlose, fettreiche Kost sowie Fasten sollen helfen, Tumoren zu bekämpfen. Doch wie wirksam ist eine solche Ernährung wirklich im Kampf gegen Krebs? Und welche Risiken birgt sie?
Arzt und Patient sprechen über Ernährung

Gute Ernährung kann nicht nur vielen Leiden wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen – der richtige Speiseplan soll auch Krebs bekämpfen können. Davon sind einige Patienten und ihre Angehörigen überzeugt und verzichten freiwillig auf bestimmte Lebensmittel wie Eiweiße (Proteine) oder Süßspeisen. Das ist verständlich, schließlich zählt Krebs hier zu Lande zur zweithäufigsten Todesursache. Rund 230 000 Menschen sterben laut dem Robert Koch-Institut (RKI) jährlich an einem bösartigen Tumor. Aber auch die Wissenschaft interessiert sich zunehmend dafür, wie eine effektive Ernährung während einer Krebsbehandlung aussehen könnte. Vor allem einen potenziell Krebs fördernden Nährstoff haben Forschende und Betroffene dabei im Visier: den Zucker Glukose.

Glukose ist nicht nur die Hauptenergiequelle für Muskel- und Nervenzellen. Auch Tumorzellen verbrauchen enorme Mengen Zucker, um sich schnell vermehren zu können. Er dient ihnen aber nicht nur als Energielieferant: Gelangt nach dem Essen viel Glukose ins Blut, schüttet die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin aus, welches den Zucker aus dem Blut in die Körperzellen einschleust. Tumorzellen besitzen ebenfalls Insulin-Rezeptoren. Dockt das Hormon an, stößt es in den bösartigen Zellen eine Signalkette auf Molekülebene an, den Phosphoinositid-3-Kinase-Weg (PI3K), der das Tumorwachstum fördert. Der PI3K-Weg könnte mitverantwortlich dafür sein, dass Menschen mit hohen Insulinspiegeln im Blut, wie bei einem Typ-2-Diabetes, ein 1,2- bis 1,7-fach erhöhtes Risiko für Brust-, Darm-, Harnblasen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs haben.

Um den Krebs am Wachstum zu hindern, ernähren sich einige Erkrankte deshalb ketogen: Sie verzichten weitgehend auf Kohlenhydrate, also Zucker, und nehmen stattdessen vermehrt fettige Speisen zu sich. Der Körper bringt die energiereichen Fette in eine transportfähige Form, die Ketonkörper. Diese sollen den Zellen statt Glukose als Hauptenergielieferant dienen.

Die ketogene Ernährung fußt auf dem Warburg-Effekt, benannt nach dem deutschen Biochemiker und Arzt Otto Heinrich Warburg: Krebszellen benötigen ungleich mehr Glukose als gesunde Körperzellen, denn ihr Zuckerstoffwechsel ist höchst ineffizient. Statt die Glukose mit hohem Energiegewinn in den Mitochondrien (den zellulären »Kraftwerken«) zu verwerten, bauen sie den Zucker zu Milchsäure ab. Das wirft deutlich weniger Energie ab – gesunde Zellen tun das nur bei Sauerstoffmangel. Eine zuckerfreie Ernährung könnte, so die Idee, die bösartigen Zellen daher viel stärker beeinträchtigen als den restlichen Körper.

Tumoren verhungern nicht so leicht

Warburg machte seine Entdeckungen allerdings nicht an Menschen, sondern unter Laborbedingungen. »Die Schlussfolgerung, die aus dem Warburg-Effekt abgeleitet wird, ist im menschlichen Körper so nicht umsetzbar«, erklärt Jutta Hübner, Professorin für integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena. »Solange der Organismus lebt, können wir die Tumorzellen nicht von der Zuckerzufuhr in unserem Körper abschneiden.« Im Reagenzglas kann man den Zellen beliebig viel Zucker entziehen. Der menschliche Körper aber ist genauso wie die Krebszellen auf ihn angewiesen und bastelt ihn sich aus Fettsäuren und Eiweißen selbst, wenn er nicht ausreichend mit der Nahrung aufgenommen wird. »Das heißt, wir können unseren Zucker gar nicht in einen kritischen Bereich absenken«, sagt Hübner. Zudem ernähre sich auch der Tumor gerne von den Ketonkörpern und verhungere daher nicht so leicht.

Hübner hat sich eingehend mit der ketogenen Ernährung beschäftigt: In ihrem 2021 erschienenen Artikel haben die Ärztin und ihr Team bisherige Studien zur Wirkung dieser Ernährungsweise analysiert. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sich anhand der Datenlage weder Antitumoreffekte noch lebensverlängernde Effekte nachweisen lassen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin rät in ihrer aktuellen Leitlinie von einseitigen Diäten wie der ketogenen Ernährung ab.

»Sie können genauso gut die Fette weglassen, da passiert das Gleiche«

In Versuchen mit Mäusen konnten Forscher zwar zeigen, dass eine ketogene Kost tatsächlich Tumoren in den Nagern schrumpfen ließ. Bei genauerer Betrachtung relativieren sich diese Ergebnisse jedoch, erläutert Hübner: Der positive Effekt bestehe nur, wenn die Mäuse insgesamt weniger zu fressen bekämen – unabhängig von der Diät. »Sie können genauso gut die Fette weglassen, da passiert das Gleiche. Wenn Sie eine Maus einfach nicht ordentlich füttern, wird der Tumor zunächst einmal kleiner«, sagt die Onkologin. Ob die Diät den Krebs langfristig kleinhält, lasse sich nicht aus den Experimenten ableiten: Die Mäuse sterben nicht am Tumor selbst, sondern werden aus ethischen Gründen an einem zuvor festgelegten Tag getötet.

Erkrankten fällt die richtige Ernährung eh schon schwer

Viele der Studien mit Menschen, die Hübner und ihre Kollegen ausgewertet haben, ließen qualitativ zu wünschen übrig. Zudem ging die ketogene Ernährung mit erheblichen Nebenwirkungen einher. »Alle Studien, die ich kenne, zeigen einen Gewichtsverlust der Erkrankten«, berichtet Hübner. Und das, obwohl die Patientinnen und Patienten während des gesamten Studienzeitraums intensiv überwacht werden. Das ist aber ein Problem: Vielen Erkrankten fällt das Essen bereits ohne den eingeschränkten Speiseplan schwer. Sie haben weniger Appetit, und ihre Verdauung funktioniert nur eingeschränkt. Die besten Überlebenschancen hätten daher jene, die einen Body-Mass-Index von 25 haben, also leicht übergewichtig sind. »Es ist während einer Tumortherapie keine Option, die Menschen abnehmen zu lassen.«

Dass ein Gewichtsverlust während der Behandlung stark Übergewichtigen weniger ausmacht, stimme nicht, sagt die Professorin. Verlieren Krebspatienten an Gewicht, sei das immer ein Warnsignal dafür, dass die Therapie nicht gut verläuft. Egal, ob dick oder dünn – alle Betroffenen verlieren auch Muskelmasse. Dadurch würden sie die Tumortherapie allerdings schlechter vertragen, fühlten sich schlapp und müde. Das wirke sich zudem auf das Behandlungsergebnis aus.

»Es ist während einer Tumortherapie keine Option, die Menschen abnehmen zu lassen«

»Wenn wir die Gewichtsabnahme vermeiden, dann ist die Prognose unserer Patienten ganz entschieden besser«, sagt die Ärztin. »Das macht bei vielen Tumorarten ehrlicherweise mehr aus als alle Tumormedikamente, die wir ihnen geben können.« Nach erfolgreicher Therapie sollten stärker übergewichtige Patienten zwar abnehmen, »aber nicht mit einseitiger Kost, sondern mit einer gesunden, ausgewogenen Ernährung – plus Bewegung. Dann verlieren sie auch keine Muskelmasse«, sagt Hübner.

Beim Intervallfasten ist die Studienlage dünn

Neben der ketogenen Ernährung wird Fasten in der Krebsbehandlung diskutiert. Gerade Intervallfasten erfreut sich bei vielen gesunden Menschen immer größerer Beliebtheit. Hierbei gibt es üblicherweise jeden Tag ein Zeitfenster – häufig acht Stunden – in dem ohne Einschränkungen geschlemmt werden darf; in der restlichen Zeit wird gehungert. Die Studienlage deutet zwar darauf hin, dass sich dieses intermittierende Fasten positiv auf Gesundheit und Körpergewicht auswirken könnte. Allerdings sei die Datenlage insgesamt dünn, betont die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Über mögliche Langzeitwirkungen ließen sich derzeit noch keine Aussagen treffen.

Wie sich Fasten auf Krebserkrankungen auswirkt, untersuchen Forscherinnen und Forscher bisher vor allem in Tierexperimenten. Anne-Marie Roussel von der Université de Grenoble zeigte bereits 2005, dass Intervallfasten bei alten Mäusen die Entstehung einer Form von Blutkrebs verhindert. In einer anderen Arbeit schlug die Chemotherapie bei Haut- und Brustkrebs sowie bei zwei Tumoren der Nervenzellen besser an, wenn die Nager für 48 bis 60 Stunden nichts zu fressen bekamen. Hinter diesen Erfolg versprechenden Ergebnissen könnte ein cleverer Mechanismus stecken: Der hungernde Körper drosselt die Produktion eines für das Zellwachstum wichtigen Hormons, des »Insulin-like Growth Factor 1« (IGF-1).

Gesunde Körperzellen sind auf IGF-1 angewiesen, damit sie wachsen und sich teilen können – Krebszellen dagegen nicht. Im Hungerzustand vermehren sich die Tumorzellen weiterhin schnell, während die meisten anderen Zellen im Energiesparmodus arbeiten. Chemotherapien schädigen vor allem Zellen, die sich rasch teilen. Daher werden gesunde Zellen im Fastenzustand weniger angegriffen als sonst. Krebszellen bekommen die Wirkung der starken Medikamente noch deutlicher zu spüren: In einer Studie waren die Krebszellen fastender Mäuse besonders anfällig für die Chemotherapie.

Nahrungsergänzungsmittel helfen krebskranken Nagern

Statt den Speiseplan ihrer Patienten einzuschränken, testen einige Wissenschaftler die Wirkung verschiedener Nahrungsergänzungsmittel an Mäusen: Der Zucker Mannose, den Forscher um Kevin Ryan von der University of Glasgow ihrem Mäusefutter 2018 zugesetzt haben, hat das Wachstum von Bauchspeicheldrüsenkrebs unter einer Chemotherapie ausgebremst. Da Mannose auf demselben Weg wie Glukose verstoffwechselt wird – ohne dabei Energie zu liefern –, blockiert das Molekül die Energieversorgung der Krebszellen und unterbindet damit ihr Wachstum. Zusätzlich verstärkt Mannose die Wirkung von Chemotherapien: Die Kombination aus dem Zucker und den starken Medikamenten führt dazu, dass weniger Schutzproteine gebildet werden, die normalerweise verhindern, dass sich die Zelle selbst tötet.

Bei Mäusen, die die Aminosäure Histidin zu fressen bekamen, schlug eine Chemotherapie mit dem Medikament Methotrexat besser an. Studien, die eine Wirksamkeit bei Menschen bescheinigen, stehen aber noch aus.

Zu den weiteren Nährstoffen, deren Verzicht während einer Krebsbehandlung diskutiert wird, zählen der Fruchtzucker Fruktose sowie verschiedene Aminosäuren. Ohne Fruktose und die für die DNA-Synthese wichtigen Aminosäuren Methionin und Serin wuchsen einige Krebsarten in Tierversuchen weniger stark, wie ein Team um Jason Locasale 2019 zeigen konnte. Eine serinarme Ernährung soll zudem die Behandlung von Mäusen mit Darmkrebs verbessert haben. Bisher wurden die Versuche in Menschen nicht bestätigt. Auch diese Ansätze bergen die Gefahr, dass Patienten Gewicht verlieren – und gerade bei eiweißarmen Diäten Muskelmasse.

Die Ergebnisse aus den Mausstudien lassen sich allerdings nicht einfach auf Menschen übertragen. Jutta Hübner sieht Fasten bei Krebspatienten kritisch: »Auch für Fasten gibt es keine Daten, die einen Überlebensvorteil oder eine bessere Verträglichkeit der Chemotherapie beweisen.« Außerdem kann die Diät zur unerwünschten Gewichtsabnahme führen.

Selbst wenn einige Zell- und Tierstudien interessante Ansätze präsentieren (siehe Infokasten »Nahrungsergänzungsmittel helfen krebskranken Nagern«), wie Ernährung eine Krebsbehandlung unterstützen kann: Bisher ist keine der Methoden empfehlenswert. Bevor an spezifische Ernährungstherapien überhaupt gedacht werden kann, muss sich in den Krankenhäusern noch einiges tun. Der Ernährungsmedizin wird derzeit wenig Beachtung geschenkt. Die Krankenkassen müssen eine Ernährungsberatung für Krebspatienten nicht bezahlen, erzählt Hübner. Auch in Tumorzentren sei sie nicht vorgeschrieben.

Das Budget, das den Kliniken für die Verpflegung ihrer Patienten zusteht, ist gering. Pro Patient und Tag geben die Häuser derzeit im Schnitt rund 14 Euro aus. Darin sind auch die Kosten für entsprechendes Personal enthalten. Fehlen den Erkrankten die nötigen Nährstoffe oder laufen sie Gefahr, zu viel Gewicht zu verlieren, werde dann zu Flüssignahrung gegriffen. »Ich sehe das Problem der Krankenhäuser. Trinknahrung ist aber kein Ersatz für gute Ernährungsmedizin«, sagt Hübner. Künftig müsse mehr Geld in die Ernährung der Patientinnen und Patienten investiert werden – nicht nur in die Entwicklung teurer Medikamente.

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