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Amarna: Haben Ägyptologen das Grab einer Amarna-Prinzessin entdeckt?

In Amarna, der Hauptstadt Echnatons, fand sich ein schlichtes Grab mit besonderen Beigaben: einem Goldring, der die Tote als Prinzessin benennt. Lag dort ärmlich begraben eine Tochter des »Ketzerkönigs«?
Auf einem Relief aus Amarna sind eine Frau und ein Mädchen abgebildet.
Das Relief aus Amarna zeigt womöglich eine Amme und eine Prinzessin. Das Kunstwerk aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. befindet sich heute im Metropolitan Museum of Art in New York.

Eine Tote in einem schlichten Grab, bei der ein Ring lag, beschriftet mit: »Prinzessin«. Was Archäologen jüngst in einer Nekropole von Amarna entdeckten, der kurzlebigen Hauptstadt von Echnaton und Nofretete aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., gibt einige Rätsel auf. Warum hatte man den Leichnam einer Prinzessin in einfachen Stoff gewickelt und lediglich auf einer Strohmatte bestattet, noch dazu auf einem Friedhof, auf dem sonst nur Privatleute begraben liegen, also Menschen, die nicht der Königsfamilie angehörten? Für das seltsame Grab gibt es jedoch eine Erklärung. Vermutlich war die Tote keine Prinzessin, sondern jemand, der ihr sehr nahestand.

Das Schachtgrab befindet sich in einem etwa 5000 Bestattungen umfassenden Gräberfeld im Norden von Amarna. Schon seit Längerem legt ein Team der University of Cambridge diese Nekropole von Achetaton frei – so hieß die am Reißbrett entstandene Kapitale Echnatons, die etwa auf halber Strecke zwischen den beiden traditionellen Hauptstädten Theben und Memphis liegt. Ein kleiner Bereich der Nekropole, den Fachleute als North Desert Cemetery bezeichnen, umfasst einige hundert Gruben- und Schachtgräber, in denen die Toten in der Regel mit nur wenigen Beigaben ihre letzte Ruhe fanden. In der Vergangenheit durchwühlten zudem Raubgräber viele dieser schlichten Bestattungen. Wie die genannte Tote waren die Leichname lediglich von Stoffbahnen umwickelt auf Matten gelegt worden. Das spricht für einen niedrigeren Gesellschaftsstatus zu Lebzeiten. In rätselhaftem Kontrast stehen dazu nun die markanten Schmuckstücke aus Gold und Steatit im Grab der Frau. Sie trug gemäß einer Pressemitteilung der ägyptischen Altertümerverwaltung drei goldene Fingerringe und eine Halskette mit tropfenförmigen Goldperlen.

Prinzessinnenring | Darauf heißt es: »Tochter der Herrin der beiden Länder«. Die Schreibung ist ungewöhnlich – eigentlich müsste der kleine Halbkreis vor der Brust der Gans weiter unten zwischen der halbkreisförmigen Schale und den beiden waagrechten Strichen platziert sein. Aber derart gruppierte Hieroglyphen finden sich häufig im alten Ägypten: Aus Gründen der Symmetrie ordnete der Künstler die Zeichen neu an.

Rätselhaft ist die Beschriftung eines dieser Ringe: Die Hieroglyphen nennen als Besitzerin des Schmuckstücks eine »Tochter der Herrin der beiden Länder«. Mit dem Titel »Herrin der beiden Länder« kann bloß die Königin gemeint sein – und in diesem Fall Nofretete. Denn in Tell el-Amarna hatte faktisch nur Echnaton mit seiner Gemahlin regiert; 15 Jahre nach Baubeginn der Stadt verließ sein Nachfolger Tutanchaton, der sich später in Tutanchamun umbenannte, die Kapitale wieder. Er kehrte zu alten Traditionen zurück, mit denen Echnaton und Nofretete radikal gebrochen hatten. Sie hatten sich von der althergebrachten Götterwelt abgewendet und die Sonnenscheibe Aton zum Hauptgott erklärt. Das Pharaonenpaar bekam sechs gemeinsame Töchter. Die Prinzessinnen sind namentlich überliefert. Und nun scheinen die Überreste einer von ihnen inmitten einfacher Gräber aufgetaucht zu sein. War sie enterbt oder verstoßen worden? Wohl kaum.

Es ist nämlich wenig glaubhaft, dass eine der sechs Töchter in einem abseitigen Friedhofsareal von Amarna beigesetzt wurde – auch wenn das Schicksal der jüngsten drei Prinzessinnen unbekannt ist. Sicher ist: Alle sechs sollten in einem Seitentrakt des königlichen Familiengrabs ihre letzte Ruhe finden, wie es Grabreliefs in Amarna zeigen. Lediglich für die dritte Tochter, Anchesenpaaton, ist bekannt, dass sie wohl nicht in einem Felsengrab in Amarna beigesetzt wurde. Sie ging mit ihrem Mann, Pharao Tutanchaton, nach Memphis, wohin die Residenz bald nach dessen Thronbesteigung zurückverlegt wurde. Als sie starb, war Echnatons Hauptstadt längst unbewohnt.

Der kleinwüchsige Bes sollte Kinder und Babys schützen

Wer dann könnte in dem Grab des North Desert Cemetery gelegen haben? Verglichen mit anderen Funden in Ägypten lässt sich der Kandidatenkreis eingrenzen. Die Frau, die den Goldschmuck einer Prinzessin besaß, könnte eine der zahlreichen Ammen im Palast des Pharaos gewesen sein. Denkbar ist: Sie bekam den beschrifteten Ring von einer Königstochter geschenkt, für deren Ernährung und Erziehung sie zuständig war. Ein weiteres Objekt unter den Grabbeigaben stützt diese Vermutung: ein offensichtlich massiver Goldring mit einer ovalen Bildplatte. Darauf ist ein tanzender Bes abgebildet, der kleinwüchsige Schutzgott der Neugeborenen und kleinen Kinder. Der Ring könnte demnach auf die einstige Tätigkeit der Besitzerin im Bereich der Kinderpflege hinweisen. Obwohl Echnaton eine neue Religion ausgerufen hatte, wurden kleinere Götter wie Bes weiterhin verehrt. Das belegen zahlreiche Amulette und Wandmalereien.

Goldring | Abgebildet ist der kleinwüchsige Bes. Der Schutzgott der Neugeborenen und kleinen Kinder ist an seinem Fratzengesicht zu erkennen. Er hält in seiner linken Hand vermutlich eine Schlange und in der rechten eine Echse.

Für die Kette mit den tropfenförmigen Goldperlen findet sich ebenfalls ein Pendant in einer Darstellung. So gibt es kaum ein Wandrelief in den Felsengräbern der hohen Beamtenschaft in Amarna, auf dem neben den Töchtern Echnatons und Nofretetes nicht auch die Ammen der Prinzessinnen wiedergegeben sind. Entsprechende Bilder zieren beispielsweise die Wände im Grab des Panehesi oder des Parennefer. Die Betreuerinnen der Königskinder tauchen auch auf Darstellungen offizieller Zeremonien auf – so war etwa auf den Wänden des Atontempels eine Amme samt Titel und Namen abgebildet: »die Amme der Königstochter Anchesenpaaton, Tia.« Womöglich gehörte die Kette aus dem Frauengrab zur Dienstkleidung der Ammen bei feierlichen Anlässen.

Amarnablock | Auf dem Relief, das heute im New Yorker Metropolitan Museum of Art aufbewahrt wird, ist eine nach rechts gewandte Frau mit Brotlaiben in Händen dargestellt. Der Hieroglyphentext bezeichnet sie als Amme Tia.

Die Nährmütter tauchen häufiger in der Kunst von Amarna auf. Ein weiterer Block zeigt zwei Mädchen in enger Umarmung (siehe das Bild am Beitragsbeginn). Das kleinere und damit jüngere Mädchen trägt die typische Kinderfrisur, eine Seitenlocke mit kahl rasiertem Hinterkopf. Weil in der Amarna-Kunst quasi nur Kinderbilder von den Prinzessinnen vorkommen, handelt es sich wohl um eine Königstochter. Bei ihrer größeren Begleiterin vermuten Fachleute – auch auf Grund der untypischen Wiedergabe des nackten Oberkörpers in Frontalansicht –, dass hier die Amme der Prinzessin zu sehen ist. Wäre es eine Schwester, sollte auch ihr Hinterkopf kahl sein. Und im Brooklyn Museum of Art liegt ebenfalls ein Relief aus Amarna – recht sicher mit dem Bild einer Nährmutter: Es zeigt eine Prinzessin an der Brust ihrer Amme.

Die Liebe der Zöglinge zu ihren Ammen

Die Ammen der Königskinder, vor allem der späteren Pharaonen, wurden hoch in Ehren gehalten. Ein Beispiel: Sitre-In, die Kinderfrau der Hatschepsut. Ihre Mumie lag gemeinsam mit der ihres Schützlings im Grab 60 im Tal der Könige. Dann Maya, die Amme Tutanchamuns – sie bekam in Sakkara, der Nekropole der damaligen Reichshauptstadt Memphis, ihr eigenes Grab. Darin ist der spätere König abgebildet, wie er auf dem Schoß seiner Amme sitzt.

In Amarna taten viele Nährmütter Dienst. Für diese Tätigkeit kamen jedoch nur Frauen in Frage, die selbst ein stillbedürftiges Kind hatten oder – was bei der hohen Kindersterblichkeit die Regel gewesen sein dürfte – es nach der Geburt verloren hatten. Nur wer ein Kind ausgetragen hat, produziert Muttermilch, mit der eine Frau fremde Kinder füttern kann – entweder weil deren Mutter zu wenig oder keine Muttermilch geben kann oder im Wochenbett verstorben ist.

Zwangsläufig hatten alle Ammen männliche Partner, die von den direkten Kontakten ihrer Gemahlinnen zum Königshaus profitiert haben dürften. Die Gemahlin von Pharao Eje, der als ranghöchster Beamter die Nachfolge von Tutanchamun antrat, rühmte sich in ihrer Grabinschrift in Amarna, die Amme der Nofretete gewesen zu sein. Zudem bildeten sich durch die Nährmutter besondere Bindungen zwischen ihren eigenen Kindern und ihren Zöglingen: Sie wurden zu Milchgeschwistern, eine Beziehung, die noch heute im Islam und Judentum sowie in einigen orthodoxen christlichen Kirchen der Blutsverwandtschaft gleichgestellt ist. Milchgeschwister dürfen daher nicht untereinander heiraten.

Goldkette | In dem Frauengrab im North Desert Cemetery fand sich auch eine Goldkette. Die einzelnen Elemente sind hohl.

Für das alte Ägypten ist der Begriff des Milchbruders belegt, jedoch keine damit verbundenen Restriktionen. So zahlte es sich unter Umständen auch für die leiblichen Kinder der Ammen aus, an derselben Brust gestillt worden zu sein wie der Pharao. Eines der prominentesten Beispiele ist Qenamun: Nach Ausweis eines Papyrus im British Museum war er der Milchbruder von Amenophis II., dem Urgroßvater von Echnaton. Er bekleidete das hohe Amt des »Gottvaters«, ebenso wie später Eje.

Im Frauengrab des North Desert Cemetery kam keine Inschrift ans Licht, die den Namen oder Beruf der Toten nennt. Sie war aber wohl eine Frau aus der Mitte der damaligen Gesellschaft, die in enger Beziehung zu einer Tochter Echnatons stand. Eine Rolle, die häufig die Nährmütter der Königskinder innehatten. Man darf dennoch gespannt sein, welchen Schluss die Ausgräber der University of Cambridge aus dem widersprüchlichen Fund ziehen. Denn eine wissenschaftliche Veröffentlichung des Frauengrabs steht noch aus.

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