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Hochwasser: Für Niedersachsens Deiche wird es kritisch

Schon seit Weihnachten drücken die Flüsse gegen die Deiche – und nun kommt noch einmal Regen. Das Problem beim aktuellen Hochwasser in Norddeutschland ist, dass es so lange anhält. Die 6 wichtigsten Fragen zu den Überschwemmungen.
Überschwemmte Straße mit Sandsäcken vor den Häusern.
Wohnen am Wasser: In Verden hat die Aller Teile der Altstadt überschwemmt.

Eines fragen sich derzeit wahrscheinlich alle: Halten die Deiche? Überall in der Norddeutschen Tiefebene sind die Flüsse angeschwollen. Elbe, Weser, Aller und Hunte drücken gegen die Schutzbauwerke entlang ihrer Ufer. Und das schon seit Weihnachten. Die Wälle aus verfestigter Erde können den Wassermassen nicht ewig standhalten. Hinter dem bedrohlichen Hochwasser stecken anders als etwa im Ahrtal 2021 oder 2023 in Norditalien keine extremen Unwetter. Keine plötzlichen Flutwellen rollen durch Täler und schwemmen ganze Häuser weg – das Wasser sammelt sich derzeit in Senken und Flüssen und steigt langsam, aber stetig an.

Wie entstehen die Überschwemmungen in Norddeutschland?

Es ist vor allem ihre Dauer, die die Wetterlage zu einem Problem macht. Die anhaltenden Regenfälle über große Flächen sättigen den Boden mit Wasser, der Niederschlag fließt in die Flüsse, die sich durch die Norddeutsche Tiefebene zum Meer erstrecken. Wegen des oft geringen Gefälles kann das Regenwasser nicht so schnell ablaufen, wie es nachkommt. Zudem sind die Böden mittlerweile zumindest in den oberen Schichten komplett wassergesättigt. Die Niederungen laufen voll wie Badewannen, die Flusspegel steigen, das Wasser überflutete bereits tiefer gelegene Flächen an den Ufern, so zum Beispiel Teile von Verden an der Aller. Und es hört einfach nicht auf zu regnen.

Die größte Sorge der Einsatzkräfte ist nun, dass die Deiche an den Flüssen brechen könnten. Während die teils meterhohen Erdwälle das Wasser zwar in den Flüssen halten, dringt es nach und nach in die Poren des Materials ein und durchnässt es. Das birgt zwei Gefahren: Zum einen kann hindurchsickerndes Wasser Erdreich ausspülen und so langsam den Deich von innen destabilisieren. Zum anderen verringert der Wasserdruck in den Poren die Reibung im Material, weshalb es an Zusammenhalt verliert. Die Flanken des Deichs können dadurch abrutschen und das ganze Bauwerk von der Masse des Wassers im Fluss beiseitegedrückt werden. Dann strömt dieser in die tiefer liegenden Gebiete dahinter.

Warum regnet es derzeit so  viel?

Für die regenreichen letzten Wochen ist ein Wettermuster verantwortlich, das Tiefdruckgebiete in Serie nach Deutschland bringt. Der Jetstream, die wetterbestimmende Starkwindströmung in rund neun Kilometer Höhe, erstreckt sich zurzeit quer über Mitteleuropa nach Deutschland. Diese Strömung trägt wie ein Fließband ein Tief nach dem nächsten vom Atlantik Richtung Osten. Diese so genannte Westwetterlage ist typisch für milde Winter.

Eine solche regenreiche Großwetterlage sorgt immer wieder fürHochwasser im Norden und Nordwesten Deutschlands. Die vom Atlantik heranziehenden feuchten Luftmassen werden über dem Land abgebremst, die Stauwirkung zwingt Luft zum Aufsteigen, so dass Feuchtigkeit abregnet. An den nordwestlichen Rändern der Mittelgebirge ist dieser Staueffekt noch ausgeprägter. Zusätzlich zog um Weihnachten herum feuchte subtropische Luft nach Deutschland, die an der Luftmassengrenze zur hiesigen Kaltluft in die Höhe stieg und abregnete.

Um Silvester herum hatte eine Regenpause die Lage in vielen Hochwassergebieten kurzzeitig entspannt und Pegelstände an Flüssen sinken lassen, doch schon für die kommenden Tage ist weiterer Regen angekündigt. Erst am nächsten Wochenende (6./7. Januar) soll die Westwetterlage vorerst enden. Kalte Luft von Norden und Osten soll dann winterliche Temperaturen bringen.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

2023 war in vielen Regionen Deutschlands das nasseste Jahr seit geraumer Zeit, zum Teil seit Beginn der Aufzeichnungen. Ein Teil der Ursache liegt in den ungewöhnlich warmen Ozeanen und der aufgeheizten Atmosphäre. Im Sommer 2023 hatten sich die Weltmeere außergewöhnlich stark erwärmt, auch der Nordatlantik war Ende August mit 25,19 Grad Celsius fast ein Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt – und beinahe 0,4 Grad wärmer als der vorherige Rekord aus dem Jahr 2022. Das klingt nicht nach viel, doch um ein ganzes Ozeanbecken zu erwärmen, sind enorme Energiemengen nötig.

Ein Teil der zusätzlichen Energie lässt zudem mehr Wasser in die Atmosphäre verdunsten. Hinzu kommt, dass die Atmosphäre 2023 ebenfalls ungewöhnlich warm war. Schon Ende Oktober stand fest, dass dieses Jahr global mit Abstand das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen werden würde. Und auch der Dezember in Deutschland war trotz winterlicher Temperaturen am Monatsanfang um mehr als zwei Grad Celsius wärmer als im Mittel der letzten 30 Jahre. Wärmere Luft kann jedoch mehr Feuchtigkeit aufnehmen.

Die großen Regenmengen im Winter sind deshalb keine große Überraschung – sie sind ein lange vorhergesagter Effekt des Klimawandels, ebenso wie mehr Dürre im Sommer. Während sich die mittleren Niederschläge übers Jahr gerechnet kaum verändern, verteilen sie sich um: mehr Regen und Schnee im Winter, weniger im Sommer. Das ist eher nachteilig. Denn während der Winterregen zumindest die ausgedörrten tiefen Bodenschichten befeuchtet hat, fehlt er den Pflanzen im Frühling mit der beginnenden Wachstumsphase, wenn sie ihn am dringendsten brauchen. Gleichzeitig steigt mit ergiebigerem Winterregen die Gefahr von Hochwasser, besonders wenn es vorher geschneit hat und Schmelzwasser zusätzlich in die Flüsse fließt.

Welchen Einfluss hat der Mensch auf Hochwasser?

Hochwasser ist erst einmal ein natürlich auftretendes Ereignis. Der Wasserstand von Flüssen ändert sich durch wechselnde Niederschläge und erzeugt vielfältige und oft sehr artenreiche Lebensräume wie Flussauen. Zu einer Katastrophe werden sie erst, wenn Menschen betroffen sind. Folglich verstärken menschliche Eingriffe Hochwasser. Neben den durch den Klimawandel beeinflussten Niederschlägen sind es vor allem Veränderungen entlang der Flussläufe und in der Landschaft, die den Verlauf der Fluten beeinflussen. So sind viele größere und kleinere Flüsse in Deutschland begradigt worden.

Dadurch fließt das Wasser schneller ab, sammelt sich konzentrierter in den größeren Flüssen und verursacht dort höhere Wasserstände auf dem Höhepunkt der Flutwelle. Dazu tragen auch Deiche an den Flussufern bei, die verhindern, dass angrenzende Niederungen überschwemmt werden. Dass diese Überflutungsflächen großflächig verloren gegangen sind, verstärkt die Flusshochwasser und gefährdet Regionen besonders flussabwärts.

Auch weiter weg von größeren Flüssen beeinflussen menschliche Veränderungen der Landschaft Hochwasser dort. Wasser, das auf Straßen und Gebäude fällt, versickert nicht, sondern gelangt direkt in die Kanalisation und damit schnell in die Flüsse. Etwa 6,5 Prozent der Fläche Deutschland seien versiegelt, berichtet das Umweltbundesamt (UBA). Auch abgeerntete landwirtschaftliche Flächen, auf denen der Unterboden zu stark verdichtet ist, lassen Wasser schnell abfließen.

Welche Schutzmaßnahmen gibt es gegen Hochwasser?

Seit den verheerenden Hochwassern in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts hat sich der Schutz vor Überschwemmungen an Deutschlands Flüssen deutlich verbessert. Doch er reicht noch nicht aus, um die mit dem Klimawandel zunehmenden Regenfälle abzufangen. Eine wichtige Rolle spielen dabei nach wie vor fehlende Überflutungsflächen, die bei Hochwasser die Fluten aufnehmen und so die Wasserstände im Flussbett reduzieren. Bund und Länder beschlossen 2013 nach den Hochwassern an Elbe und Donau ein Nationales Hochwasserschutzprogramm, bei dem zum Beispiel Deiche zurückverlegt wurden, um den Flüssen mehr Raum zu schaffen. Außerdem nehmen Flutpolder, eingedeichte Gebiete, die über Fluttore gezielt überschwemmt werden können, bei Hochwasser große Mengen Wasser auf.

Deich in Lilienthal an der Wörpe | Sandsäcke verstärken in Lilienthal einen Flussdeich an der Wörpe, einem Nebenfluss der Wümme. Dort mussten Anwohnerinnen und Anwohner ihre Häuser verlassen, weil der Deich zu versagen drohte. Gerade an kleinen Flüssen sind manche Deichabschnitte verwundbar, besonders bei lang anhaltendem Hochwasser.

Allerdings stehen bislang nicht genug solcher Rückhalteflächen an den Flüssen zur Verfügung, und oft kollidieren die Interessen von Bauherren und Landwirten mit dem Hochwasserschutz. Immerhin gibt es seit 2021 einen bundesweit einheitlichen Raumordnungsplan, der unter anderem regelt, welche Bereiche als Überflutungsflächen bei Hochwasser frei gehalten werden, wie man sichert, dass Wasser versickern und zurückgehalten werden kann, und dass in potenziellen Überflutungsgebieten nicht mehr neu gebaut wird. Talsperren halten Wasser zurück und verringern so die Pegelstände am Fluss – allerdings nur bis sie voll sind. So hatte am zweiten Weihnachtstag die Okertalsperre im Harz ihre maximale Kapazität erreicht und gab mehr Wasser in den Fluss ab, was zu höherem Hochwasser in Braunschweig führte.

Flussdeiche verhindern Überschwemmungen an den häufig flachen und dicht besiedelten Ufergebieten. Sie bestehen aus verdichtetem Bodenmaterial und enthalten zusätzlich oft eine zusätzliche Dichtung. Wie gut sie Hochwasser standhalten, bestimmt aber weniger ihre Höhe, sondern vor allem ihr Zustand. Bäume, Sträucher und wühlende Tiere beschädigen den Deich und schwächen ihn, ebenso wie Schäden in der Grasoberfläche. Deswegen müssen Deiche ständig kontrolliert und gewartet werden – was teuer ist und Aufwand verursacht. Gerade an kleineren Flüssen sind die Bauwerke manchmal nicht auf dem neuesten Stand der Technik und unter Umständen anfällig.

Bricht ein Deich, müssen temporäre Barrieren das Wasser so weit wie möglich von Gebäuden und Infrastruktur fernhalten. Das reicht von einfachen Sandsäcken bis hin zu hunderte Meter langen mobilen Deichen – Kunststoffschläuchen, die mit Wasser aufgepumpt werden und so das dahinterliegende Gebiet vor den Fluten schützen. Selbst wenn die Deiche halten, kommen diese Hilfsmittel zum Einsatz. Bei anhaltenden Regenperioden ist das Wasser nicht nur in den Flüssen, sondern überall in der Landschaft und sammelt sich in Niederungen. Auch hier errichtet man Barrieren, um zu verhindern, dass Wasser Siedlungen in tiefer gelegenen Arealen überschwemmt.

Was bedeutet die kommende Kälte für die Hochwassergebiete?

Ab etwa dem 5. Januar wird die Westwetterlage enden und stattdessen kalte Luft von Norden nach Deutschland strömen. Damit nehmen die Niederschläge ab und die Hochwasserlage entspannt sich. Mit der kalten Luft kommt aber eine andere Gefahr: Das Wasser kann gefrieren und weitere Schäden verursachen. So können poröse Baumaterialien durch das sich beim Gefrieren ausdehnende Wasser aufgesprengt werden; außerdem kann Wasser im Boden gefrieren und dadurch Straßen und sogar Gebäude anheben und beschädigen.

Allerdings sind dafür tiefe Temperaturen von minus zehn Grad oder darunter über lange Zeiträume nötig – und während laut Vorhersagen im Süden Deutschlands anhaltend Minusgrade möglich sind, soll es in den Überschwemmungsgebieten des Nordens lediglich nachts frieren. Für die Betroffenen bedeutet der kommende Kaltlufteinbruch deswegen vor allem Erleichterung.

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