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Mensch und Natur: Warum Pflanzen glücklich machen

Wenn wir von Pflanzen umgeben sind, sinkt unser Stresslevel und unsere Stimmung steigt. Psychologen ergründen, woher unsere einzigartige Verbindung mit der Natur rührt – und wie sie sich nutzen lässt.
Frau mit ZimmerpflanzeLaden...

Kentiapalme, Fensterblatt, Glücksfeder, Korbmarante: Meine Wohnung teile ich mir derzeit mit ungefähr 50 Pflanzen. Noch nie war ich so glücklich über meine grünen Mitbewohner wie im Frühjahr 2020. Bedingt durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Kontaktbeschränkungen hielt ich mich zum ersten Mal monatelang fast ausschließlich zu Hause auf. Abgesehen von Spaziergängen gab es kaum Gelegenheiten, das Haus zu verlassen. Umso erleichterter war ich, wenigstens ein Stück Natur in meinen eigenen vier Wänden zu haben. Gießen, Umtopfen, Schneiden und Einsprühen halfen mir dabei, mich zu entspannen und gedanklich ein wenig Abstand von Themen wie Infektionszahlen oder der Belegung der Intensivbetten zu nehmen, denen ich berufsbedingt sonst kaum entfliehen konnte.

Eine Studie von einem Team um Katia Perini von der Universität Genua in Italien legt nahe, dass es nicht nur mir so ging. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragten mehr als 4000 Menschen aus 46 Ländern zu ihrer Wohnsituation und dazu, wie sie die Monate März bis Juni 2020 erlebt hatten. In den meisten Ländern galten in dieser Zeit mindestens genauso strenge Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus wie in Deutschland. Die Ergebnisse der Umfrage deuten darauf hin, dass sich Menschen, die viele Pflanzen zu Hause hatten, zu Beginn der Pandemie weniger stark belastet fühlten als Personen mit wenigen bis gar keinen Zimmerpflanzen. Zudem gaben viele Befragte an, sich während des ersten Lockdowns mehr Grün in ihren eigenen vier Wänden gewünscht zu haben.

Von Pflanzen umgeben zu sein, tut uns gut. Darauf deutet inzwischen eine große Anzahl an wissenschaftlichen Studien hin. So waren Schülerinnen einer iranischen Mädchenschule zum Beispiel im Schnitt etwas zufriedener, nachdem Forscher ihren Klassenraum mit Zimmerpflanzen ausstatteten. Und selbst Patienten, die sich einer Operation unterziehen müssen, können anschließend schneller wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden und benötigen weniger Schmerzmittel, wenn sie in einem Zimmer mit viel Grün anstatt in einer kargen Umgebung untergebracht werden.

Themenwoche Gärtnern

In Zeiten der Pandemie sind Natur und Garten für viele Menschen zu einem wichtigen Rückzugsort geworden. Warum tun Pflanzen uns gut? Wie kann jeder und jede Einzelne die Umwelt beim Gärtnern schützen? Und welche Trends gibt es derzeit beim Anbau? Antworten auf diese und weitere Fragen liefert »Spektrum.de« in einer Themenwoche. Mit dabei: praktische Tipps für Menschen, die bislang an der Pflanzenpflege verzweifelt sind.

Fürsorge zeigen, Erfolge erleben, Kontrolle behalten

»Zimmerpflanzen beeinflussen unser Wohlbefinden zum einen deshalb positiv, weil sie Orte attraktiver machen«, erklärt die Umweltpsychologin Claudia Menzel von der Universität Koblenz-Landau. So werden Räume, in denen sich Pflanzen befinden, oft als schöner und gemütlicher wahrgenommen. Zum anderen geben sie uns die Gelegenheit, uns aktiv um ein anderes Wesen zu kümmern. Und auch das hat positive Auswirkungen: Es kann uns Erfolgserlebnisse bescheren, uns ein Gefühl von Kontrolle geben und unsere Selbstwirksamkeit erhöhen. Wer Pflanzen wachsen sieht, die er vielleicht selbst gesät oder als Setzling eingepflanzt hat, kann stolz behaupten: »Das habe ich geschaffen!«

Bei Gartenarbeit kommen noch weitere positive Aspekte hinzu: Wer nicht nur in Innenräumen Pflanzen stehen hat, sondern auch draußen regelmäßig pflanzt, zupft, schneidet und jätet, kann zum Beispiel zudem von der besseren Luftqualität profitieren, sagt Claudia Menzel. Und die Bewegung, welche die Arbeit im Garten mit sich bringt, ist förderlich für Körper und Psyche. Nicht zuletzt sind Gärten oder andere Orte in der Natur oft Plätze der Begegnung, an denen Menschen zusammenkommen oder an denen man sich mit Freunden trifft.

Menschen brauchen schon von frühester Kindheit an enge emotionale Beziehungen zu anderen Menschen. Zu dieser Überzeugung gelangte der Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby bereits in den 1950er Jahren. Bowlby, der heute als einer der Pioniere der Bindungsforschung gilt, war damals davon überzeugt, dass vor allem die Bindung zwischen Mutter und Kind für den weiteren Lebensweg von großer Bedeutung ist. Im Idealfall sollten Eltern ihrem Nachwuchs einen »sicheren Hafen« bieten, in den dieser immer wieder zurückkehren kann, um Schutz und Trost zu finden. Der gleichzeitig aber auch ermutigt, loszulassen und Neues zu entdecken.

Naturschauplätze geben Menschen Halt und Sicherheit

Aus Sicht der Psychiaterin und Psychotherapeutin Sue Stuart-Smith können Menschen auf die gleiche Weise von der Bindung an ganz bestimmte Orte profitieren. Und hierfür böten sich Naturschauplätze auf Grund der zahlreichen Sinneseindrücke, die sie uns vermitteln, stärker an als künstliche geschaffene Orte. Nicht umsonst würden sich Kinder oft Baumhäuser oder Verstecke im Unterholz als »erwachsenenfreie Zonen« aussuchen, in die sie sich ebenfalls zurückziehen, wenn sie wütend oder traurig sind, schreibt Stuart-Smith in ihrem Buch »Vom Wachsen und Werden«.

Pflanzen seien zudem »weniger fordernd und einschüchternd als Menschen«. Für manche Leute könne Gartenarbeit deshalb eine gute Gelegenheit sein, ihre fürsorgliche Seite abseits der Komplexität und Unberechenbarkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen zum Ausdruck zu bringen.

Selbst Symptome von Depressionen und Angststörungen nehmen durch das Gärtnern ab

Studien zeigen, dass Menschen, die gärtnern, nicht nur zufriedener sind, sondern auch in gesundheitlicher Hinsicht von der Arbeit im Grünen profitieren. Ein Team um Masashi Soga von der Universität Tokio analysierte im Jahr 2017 alle Studien zu dem Thema, bei denen eine Versuchsgruppe mit einer Kontrollgruppe verglichen wurde. Das konnten etwa Gartenfans und Gartenmuffel sein – oder aber Probanden, bevor und nachdem sie in einer Studie zum Gärtnern angeleitet worden waren. Dabei zeigte sich, dass Gartenarbeit insgesamt mit zahlreichen positiven Effekten verknüpft war. So verbesserte sie etwa die Stimmung der Teilnehmer, minderte Stress, senkte den BMI, erhöhte das Bewegungspensum und steigerte die Lebensqualität. Selbst Symptome von Depressionen und Angststörungen nahmen durch das Gärtnern im Mittel ab. Der Effekt blieb selbst dann bestehen, als die Forscher den so genannten »publication bias« in ihre statistische Auswertung miteinbezogen – also die Tatsache, dass Studien, die keine oder aber negative Effekte feststellen, seltener veröffentlicht werden als Untersuchungen mit einem positiven Ergebnis.

Gärtnern als Therapie

Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass Gärtnern inzwischen auch therapeutisch zum Einsatz kommt. Der Gedanke, Gartenarbeit und der Aufenthalt in der Natur könnten vor allem der psychischen Gesundheit guttun, kam zum ersten Mal bereits im 18. Jahrhundert auf. Psychiatrien wurden damals zunehmend grüner und verfügten immer häufiger über große Gärten und Gewächshäuser. Ärzte beobachteten zudem, dass Patienten, die ihren Klinikaufenthalt mit Gartenarbeit finanzieren mussten, schneller wieder gesund wurden.

Seit den 1980er Jahren gewinnen gartentherapeutische Ansätze zunehmend an Bedeutung. In Ländern wie Australien, den Niederlanden und den USA werden sie bereits rege genutzt – in der Psychotherapie, der Ergotherapie sowie in der Geriatrie. Im Jahr 2018 konnte eine Forschungsgruppe um Ulrika Karlsson Stigsdotter von der Universität Kopenhagen zeigen, dass Menschen mit Belastungsstörungen auf eine naturbasierte Therapie (nature-based therapy, NBT) ähnlich gut ansprechen wie auf eine klassische kognitive Verhaltenstherapie. Die Patienten wurden dabei per Zufall der NBT- oder der Verhaltenstherapiegruppe zugeteilt. Die naturbasierte Therapie bestand in diesem Fall aus dreistündigen Gruppensitzungen, in denen die Patienten Einzelgespräche mit einem Therapeuten führten, Achtsamkeitsübungen machten und unter Anleitung eines professionellen Gärtners im Garten arbeiteten. Eine Übersichtsarbeit kam zudem zu dem Schluss, dass eine Gartentherapie auch Kriegsveteranen mit Posttraumatischer Belastungsstörung helfen kann.

In Deutschland ist die Gartentherapie bislang kein anerkanntes Therapieverfahren, das ähnlich wie eine Verhaltenstherapie gezielt verordnet werden kann und dann von den Krankenkassen bezahlt wird. Allerdings findet therapeutisches Gärtnern auch hier zu Lande beispielsweise im Rahmen von Klinikaufenthalten oder Rehaprogrammen Anwendung.

Claudia Menzel geht davon aus, dass selbst Naturmuffel von den positiven Effekten des Gärtnerns profitieren können. Zumindest, solange sie sich nicht zu starkem sozialem Druck ausgesetzt sehen, Zeit im Grünen verbringen zu müssen. Dann kann Stress statt Entspannung die Folge sein. Und auch Menschen mit starker Pollenallergie verbringen den Frühling vermutlich am besten drinnen.

Was tun, wenn alle Pflanzen sterben?

Manche Menschen sind davon überzeugt, kein Händchen für Pflanzen zu haben. Bereits nach wenigen Wochen bekommen die grünen Mitbewohner gelbe Blätter oder vertrocknen. Das kann sich unter Umständen negativ auf das Wohlbefinden auswirken, erklärt Umweltpsychologin Claudia Menzel. Studien zeigen, dass der Anblick von toter Natur Menschen eher über ihre eigene Vergänglichkeit nachdenken lässt. Zudem machen verdorrte Zimmerpflanzen einen Raum unattraktiver.

Das hilft Menschen mit einem »schwarzen Daumen«:

  • Informieren Sie sich gründlich. Machen Sie sich bereits vor dem Kauf einer Pflanze schlau, welche Bedingungen sie zum Wachsen benötigt, rät Claudia Menzel. Manche Pflanzen verkümmern, wenn sie nicht draußen in der prallen Sonne oder an einem Südfenster stehen. Andere kommen hingegen auch mit lichtarmen Plätzen gut zurecht. Seien Sie sich darüber im Klaren, dass in Innenräumen schon ein Standort, der zwei Meter von einem Fenster entfernt ist, für viele Pflanzen tiefste Dunkelheit bedeutet.
  • Gießen Sie lieber weniger als mehr. Die meisten Pflanzen sterben nicht an zu wenig, sondern an zu viel Wasser. Stehen die Wurzeln permanent in nasser Erde, faulen sie langsam ab, wodurch die Pflanze Wasser und Nährstoffe immer schlechter aufnehmen kann. Um Staunässe zu verhindern, empfiehlt es sich, erst dann zu gießen, wenn die obersten Schichten des Substrats bereits gut abgetrocknet sind. Ein Gießanzeiger kann dabei helfen, zu ermitteln, wie viel Feuchtigkeit weiter unten in der Erde noch vorhanden ist. Alternativ kann man auch einen Finger einige Zentimeter tief in die Erde stecken. Überschüssiges Wasser sollte nach dem Gießen immer direkt abgegossen werden und sich nicht im Übertopf sammeln. Auch bei Blumenkübeln oder Hochbeeten im Freien ist es wichtig, dass Regenwasser abfließen kann.
  • Fangen Sie mit pflegeleichten Pflanzen an. Manche Pflanzen benötigen viel Licht, vertragen aber keine direkte Sonneneinstrahlung, hassen Zugluft und stehen am liebsten an Orten, die eine Luftfeuchtigkeit von 80 bis 90 Prozent aufweisen. Kurz: Frust ist mit solchen Gewächsen bereits vorprogrammiert. Wenn Sie bislang kein Glück mit Pflanzen hatten, greifen Sie deshalb auf einsteigerfreundliche Arten zurück: Glücksfeder (Zamioculcas zamiifolia) und Bogenhanf (alle Arten der Gattung Sansevieria) kommen zum Beispiel auch mit eher dunklen Standorten zurecht und verzeihen es, wenn man das Gießen hin und wieder vergisst.
  • Machen Sie sich klar: Es liegt nicht immer an Ihnen. Manche Pflanzen holen wir bereits mit Schädlingen zu uns nach Hause. Oder sie sind anderweitig widrigen Bedingungen ausgesetzt gewesen. Gehen Gewächse daheim ein, ist das nicht immer unsere Schuld, sagt Claudia Menzel.
  • Holen Sie sich die Natur auf anderen Wegen ins Haus. Wer das Thema Pflanzen für sich bereits aufgegeben hat, dem rät Claudia Menzel, Naturbilder in seiner Wohnung aufzuhängen oder sich ein entsprechendes Hintergrundbild am Computer oder auf dem Smartphone einzurichten. Die Studien der Umweltpsychologin zeigen, dass schon Fotos von Pflanzen oder Orten im Grünen ausreichen, um unsere Stimmung zumindest kurzfristig zu heben.

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