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Vierte Welle: Warum eine Impfpflicht jetzt sinnvoll ist

Die Impfkampagne zuerst freiwillig zu machen, war richtig. Doch man kann nicht ignorieren, wie sehr die Delta-Variante die Lage verschärft hat, kommentiert Lars Fischer.
Im Velodrom ist ein Impfzentrum aufgebaut, in dem gegen das Coronavirus geimpft werden kann.

Seit fast einem Jahr wird gegen Covid-19 geimpft, und die Situation ist dramatischer als je zuvor. Die Zahl der Intensivpatienten und Todesfälle steigt deutlich. Der Virologe Christian Drosten sprach Mitte November im NDR-Podcast von weiteren 100 000 Menschen, die an den Folgen der Infektionskrankheit sterben könnten. Demnach wäre jetzt Pandemiehalbzeit. Fest steht: Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. Das heißt allerdings nicht, die Impfungen mit Biontech, Moderna, AstraZeneca oder Johnson&Johnson wären unwirksam. Es sind bloß noch nicht genug Menschen geschützt. Angesichts der Lage muss die Impfquote noch einmal drastisch steigen – notfalls mit Hilfe einer Impfpflicht für Erwachsene.

Man sollte sich dabei vor Augen führen, wie dramatisch sich die Situation mit der Ankunft der Delta-Variante geändert hat. Delta hat nicht nur das Pandemiegeschehen, sondern auch die Wahrnehmung dessen maßgeblich verändert.

Die Delta-Variante ist deutlich ansteckender und gefährlicher als vorherige Versionen des Virus. Sie breitet sich unter Ungeimpften entsprechend schneller aus. Dabei täuscht das Schlagwort von der »Pandemie der Ungeimpften« insofern, als dass die Delta-Variante auch für Geimpfte ansteckender ist als andere Typen des Virus. Nicht nur das: Schützte die Impfung einst zu 95 Prozent, sind es bei Delta-Infektionen drei Monate nach der Impfung nur noch 80 Prozent. Das bedeutet viermal so viele Impfdurchbrüche wie zuvor.

Weil auch Geimpfte erkranken, ist die Wirksamkeit der Coronaimpfungen für viele Menschen derzeit keineswegs offensichtlich. Seit dem Spätsommer lassen sich kaum noch weitere Menschen neu impfen, wie Daten des Robert Koch-Instituts zeigen – selbst jene nicht, welche grundsätzlich von Sicherheit und Wirksamkeit der Impfungen überzeugt sind. Die Impfbereitschaft ist auf dem Tiefpunkt. Das ist fatal. Die Fallzahlen – und wichtiger noch, die Krankenhausbelastung und Todesfälle – steigen stark an.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Nur noch vier Optionen

Dabei schützen die Impfungen tatsächlich. Wenn man alles durchrechnet – wie die Virologin Melanie Brinkmann es beispielhaft auf Twitter vorgemacht hat –, zeigt sich das eindeutig. Ungeimpfte über 60-Jährige müssen demnach bei einer Infektion zwölfmal so oft ins Krankenhaus wie Geimpfte. Impfen ist sicher. Impfen schützt, wenn auch nicht zu 100 Prozent.

In diesem Stadium gibt es nur noch vier Möglichkeiten, auf die Situation zu reagieren. Keine davon ist wirklich angenehm. Es ließe sich erstens einfach weitermachen wie geplant und der Impfschutz bereits Geimpfter mit Boostern auffrischen. Für Booster allein ist aber die jetzt erreichte Impfquote, wie die Daten zeigen, unzureichend. Die meisten Fachleute gehen in diesem Szenario davon aus, dass das Gesundheitssystem binnen weniger Wochen überlastet sein wird und das dann auch auf Monate hinaus bleibt. Außerdem werden sehr viele Menschen sterben, und zwar – siehe überlastete Krankenhäuser – nicht nur an Covid-19.

Zweitens könnte man erneut versuchen, mit dosierten Maßnahmen knapp unterhalb des Belastungslimits der Kliniken durch den Winter zu kommen. In diesem Zusammenhang steht zum Beispiel ein »Lockdown für Ungeimpfte« zur Debatte. Eine solche Strategie wäre ein sehr schwieriger Balanceakt, den man über Monate durchhalten müsste. Ob die Impfquote dadurch nennenswert steigen würde, ist zudem völlig offen, und im Gesundheitssystem würde das wohl auch nicht viel weniger Schaden anrichten als eine totale Überlastung.

Eine Niedriginzidenzstrategie – Variante Nummer drei – würde dieses Problem beheben, allerdings um den Preis sehr einschneidender Maßnahmen über Monate hinweg. Und ohne nennenswert steigende Impfquoten müsste man dasselbe im kommenden Jahr wiederholen.

Bleibt Strategie vier: eine Impfpflicht. Ursprünglich auf eine freiwillige Impfkampagne zu setzen, war sicherlich der richtige Weg. Doch unter den aktuellen Umständen ist die Entscheidung für oder gegen eine Coronaschutzimpfung nicht mehr Privatsache, weil die Weigerung potenzielle Konsequenzen hat, die weit über die eigene Gesundheit hinausgehen.

Es gilt, all jene zu schützen, welche sich selbst nicht schützen können, Kliniken, Schulen, Kindergärten zu entlasten und das öffentliche Leben mit so wenig Einschränkungen wie möglich fortzuführen, um unter anderem die Wirtschaft stabil zu halten. Eine Impfpflicht kann das. Man müsste sie vermutlich – mangels anderer Wahl – an deutliche Kontaktbeschränkungen koppeln, bis die höheren Impfquoten Wirkung zeigen. Ein Blick in andere Länder mit hohen Impfquoten spricht wie die Zahlen aus Deutschland dafür, dass sich auf diese Weise zumindest ein Teil der vierten Welle noch entschärfen lässt.

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