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Covid-19: Wann ist ein Krankheitsverlauf mild?

Die neue Omikron-Variante löst offenbar vorwiegend »milde Verläufe« aus. Trotzdem ist sie nicht harmlos: Denn auch mild erkrankt fühlt sich oft sehr krank an.
Ein Mann sitzt in eine Decke gehüllt auf der Couch und schneuzt sich die Nase.

Die Omikron-Variante des Coronavirus, die drauf und dran ist, die bislang vorherrschende Delta-Variante abzulösen, gibt einigen Menschen Hoffnung auf ein glimpfliches Ende der Pandemie. Denn anders als ihre Vorgänger scheint sie weniger stark krank zu machen. Allerdings wird oft unterschätzt, wie stark Krankheitssymptome sein können, die nach offizieller Lesart »mild« genannt werden: Mild heißt nicht, dass es bei leichten Kopfschmerzen und ein wenig Husten bleibt.

Festgelegte Kriterien dafür, was einen milden Verlauf ausmacht, gibt es nicht. Darum zählt gemäß der Einteilung des Robert Koch-Instituts (RKI) jeder Verlauf dazu, der nicht schwer oder gar kritisch ist. Als schwer gilt eine Covid-Erkrankung, wenn Betroffene eine schwere Lungenentzündung entwickeln. Dabei sinkt der Sauerstoffgehalt in ihrem Blut auf 94 bis 90 Prozent. Um den Sauerstoffmangel auszugleichen, atmen die Betroffenen vermehrt – mehr als 30-mal pro Minute, normal wären 12 bis 20 Atemzüge. Schwer Erkrankte müssen im Krankenhaus mit Sauerstoff behandelt werden, wenn möglich über einen Schlauch in der Nase oder eine Sauerstoffmaske. Kritisch werden Verläufe, die eine Behandlung auf der Intensivstation mittels maschineller Beatmung oder Herz-Lungen-Maschine (ECMO) erforderlich machen. Die Betroffenen bekommen eventuell eine Blutvergiftung, ihre Organe können versagen und ihr Körper gerät in einen Schockzustand.

Alle anderen Verläufe gelten als mild. Entsprechend vielfältig sind die Beschwerdebilder: Von Erkältungssymptomen wie Husten, Schnupfen und Unwohlsein, Geruchs- und Geschmacksstörungen und Magen-Darm-Beschwerden bis hin zu Fieberschüben, starken Kopf- und Gliederschmerzen und Atemschwierigkeiten ist alles möglich. Auch Lungenentzündungen fallen in diese Kategorie, sofern der Sauerstoffgehalt im Blut nicht unter 95 Prozent sinkt. Dass eine vermeintlich milde Infektion sehr belastend sein kann, zeigen viele Erfahrungsberichte in den sozialen Medien.

Neben den milden Verläufen stehen die asymptomatischen Infektionen. Bei ihnen verspüren die Betroffenen keine oder nahezu keine Symptome. Eine im Fachblatt »Jama Network Open« erschienene Studie kamen Forscherinnen und Forscher der Universität Peking zu dem Schluss, dass bis zu 40 Prozent aller positiv getesteten Menschen asymptomatisch sind. Sie hatten 95 Studien mit insgesamt fast 30 000 Getesteten analysiert. Als asymptomatisch werteten sie allerdings auch Personen, die zum Zeitpunkt der Testung keine Beschwerden hatten, diese aber im Verlauf entwickelten.

Die Anzahl der asymptomatischen Infizierten könnte unter Omikron zugenommen haben. Das legt eine als Preprint veröffentlichte Studie aus Südafrika nahe. Von den knapp 600 untersuchten Personen, die mit dem Impfstoff des Herstellers Johnson&Johnson vollständig immunisiert worden waren, seien 16 Prozent ohne Symptome positiv auf die neuartige Omikron-Variante getestet worden. Für die zuvor dominanten Varianten Delta und Beta hätte diese Rate bei 2,6 gelegen. In einer Gruppe von HIV-Erkrankten mit zweifacher Moderna-Impfung waren sogar 31 Prozent asymptomatisch mit der neuartigen Coronavariante infiziert. Die Ergebnisse sind bisher aber nicht durch Fachleute geprüft worden. Zudem lassen sie sich nur bedingt auf die Situation in Deutschland übertragen, da die südafrikanische Bevölkerung im Schnitt deutlich jünger ist.

Wie viele Menschen in Deutschland leicht erkrankt sind, lässt sich nicht so einfach sagen. Milde Verläufe oder asymptomatische Infektionen werden nicht automatisch erfasst. Das RKI geht davon aus, dass rund 80 Prozent der Infizierten milde bis moderate Beschwerden bekommen. Die Zahl entspricht weitgehend den Daten einer chinesischen Fallserie mit über 70 000 untersuchten Infizierten, von denen 81 Prozent mild erkrankt waren. Theoretisch könnte die Anzahl der mild Erkrankten indirekt aus der Zahl der schwer Erkrankten ermittelt werden. Denn seit Juli 2021 müssen Ärztinnen und Ärzte den Gesundheitsämtern alle Patienten melden, die mit einer Covid-19-Infektion stationär aufgenommen werden. Allerdings haben nicht alle im Krankenhaus behandelten Patienten einen schweren Verlauf – Menschen mit Risikofaktoren wie starkem Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden mitunter auch ohne schwere Lungenentzündung in der Klinik betreut. Mit welchen Beschwerden sie auf Station aufgenommen werden, wird nicht standardmäßig erfasst.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Ob Omikron tatsächlich weniger krank macht als die Delta-Variante, ist noch nicht endgültig bestätigt. Eigene Daten zu den Omikron-Fällen in Deutschland sind lückenhaft, deuten aber auf leichtere Krankheitsverläufe hin: In seinem Wochenbericht vom 6. Januar gibt das RKI an, in 45 der nachgewiesenen Omikron-Fälle auf Informationen zu den Beschwerden zugreifen zu können. Bei diesen hätten »überwiegend keine oder milde Symptome« vorgelegen, am häufigsten Erkältungsbeschwerden. Gut die Hälfte der Erkrankten hätten Husten und Schnupfen gehabt, mehr als ein Drittel Halsschmerzen. Ein Prozent der Betroffenen wurde in der Klinik behandelt. Auch in Großbritannien mache sich Omikron vor allem mit Erkältungssymptomen bemerkbar, berichtet die Fachzeitschrift »The BMJ«. Neben Schnupfen und Heiserkeit hätten viele betroffene Briten auch über Kopfschmerzen und Erschöpfung geklagt. Die bisherigen Daten sind allerdings noch nicht in einer wissenschaftlichen Studie analysiert worden.

Es bleibt also abzuwarten, ob sich der vermutete mildere Verlauf bestätigt. Auch dann sollte die neue Variante nicht verharmlost werden: Omikron ist deutlich ansteckender als die bisher dominierende Delta-Variante. Und je mehr Menschen sich anstecken, desto mehr müssen insgesamt stationär behandelt werden.

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