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Hyänen im Ngorongoro-Krater: Vom Gruppenzwang am Kraterboden

Seit Jahrzehnten verfolgt ein Team die hochsozialen Hyänen des Ngorongoro-Kraters. Nur so zeigt sich das komplexe Geflecht, mit dem die Tiere ihre Hierarchie ausloten.
An der Spitze der Tüpfelhyänen-Hierarchie im Ngorongoro-Krater Tansanias stehen Weibchen.

Lang ausgestreckt liegt das Hyänenmännchen an einem kühlenden Wasserloch in der mittäglichen Gluthitze des Ngorongoro-Kraters im Norden Tansanias. Es nagt genüsslich abseits der Gruppe an einem Knochen. Man möchte fast tauschen mit dem entspannt dreinblickenden Tier. Doch was wie ein Idyll wirkt, zeigt in Wahrheit, wie ein Underdog seine Chance auf Nachkommenschaft verspielt. In der Welt der Hyänenmännchen, in der Dabeisein alles ist, zahlt der Erholungsbedürftige einen hohen Preis.

Es ist eine Kombination aus klassischer Langzeitfeldforschung und moderner Biochemie, mit der Eve Davidian und Oliver Höner vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin solche Geheimnisse des Tüpfelhyänenlebens aufdecken. Seit April 1996 pendeln die beiden mit weiteren Angehörigen des »Hyänen-Projekts im Ngorongoro-Krater« zwischen Tansania und Berlin, jedes Jahr ein- bis zweimal. Selbst die Corona-Pandemie vermochte diesen Rhythmus nicht dauerhaft zu unterbrechen. Ihre Nächte verbringen die Wissenschaftler dann hoch oben am luftigen und nachts recht kühlen Kraterrand auf beinahe 2500 Meter Höhe.

Wenn am nächsten Morgen die aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen über den Kraterrand schickt, kehren die Weibchen der Tüpfelhyänen von einer nächtlichen Jagd zurück und säugen im Bau ihre Jungen. Einige Meter entfernt steht bereits ein Landrover. Oliver Höner und Eve Davidian sind, wie jeden Morgen, noch in der Dunkelheit vom Forschungscamp aufgebrochen und hinunter auf den 600 Meter tiefer liegenden Kraterboden gefahren, um nur nichts zu verpassen. Oft sitzt auch Philemon Naman in dem Geländewagen. Der tansanische Assistent der beiden führt die Besuche bei den Hyänen fort, wenn Höner und Davidian in Deutschland sind.

Gegenseitige Beobachtung | Wenn die Weibchen zurückkehren, sind die Forscher oft schon zur Stelle. Jedes einzelne Neugeborene wird anhand seines Tüpfelmusters identifiziert und durch sein Leben begleitet.

Um das Leben der Tüpfelhyänen Crocuta crocuta zu untersuchen, gibt es kaum einen besseren Ort als den Ngorongoro-Krater: Mit einer Fläche von 264 Quadratkilometern ist sein Boden ungefähr so groß wie Frankfurt oder Bielefeld. Das macht ihn für die Forscher noch gut überschaubar. Dort unten leben acht Hyänengruppen mit heute insgesamt fast 500 Tieren, die reichlich Beobachtungsmöglichkeiten bieten. Und doch kennen Oliver Höner und Eve Davidian jede einzelne dieser Hyänen, die sie anhand ihrer sehr unterschiedlichen Tüpfelmuster auseinanderhalten. Die IZW-Computer speichern jede Menge Beobachtungsdaten aus einem Vierteljahrhundert Hyänenforschung.

Schnüffler am Kraterboden

Rund eine halbe Million Touristen besuchen in normalen Jahren den Krater. Einige von ihnen kommen dann in den Genuss eines seltsamen Anblicks: promovierte Wissenschaftler, die mit der Nase eifrig schnüffelnd über den Boden krabbeln. »Auf diese Weise finden wir schon einmal den Kot wieder, den eine Hyäne unter unseren Augen gerade eben deponiert hat«, erklärt Oliver Höner. In den Exkrementen der Tiere können moderne Laboranalysen nämlich Biomoleküle nachweisen, die beim Abbau des Stresshormons Kortisol entstehen. Und das erlaubt Rückschlüsse auf die Erlebnisse der jeweiligen Hyäne und zeigt den Biologen zum Beispiel, ob die entspannt am Wasserloch ruhende Hyäne in den Vortagen stressige Interaktionen mit anderen Tieren der Gruppe hatte.

»Bereits 5 bis 15 Minuten nach einer solchen Situation taucht Kortisol im Blut auf«, erklärt Eve Davidian. 30 bis 50 Stunden später finden sich die Abbauprodukte im Kot der Tiere. Allerdings baut die Kombination aus ultraviolettem Sonnenlicht und Tropenhitze diese Biomoleküle rasch ab, und die Wissenschaftler müssen sich sputen. Immerhin kennen die beiden Forscher die einzelnen Tiere oft schon seit der Geburt, wissen, wo sie sich schlafen legen und wo sie sich entleeren. »Am Verhalten sehen wir, ob eine Hyäne gleich kotet«, sagt Höner. Aus 20 bis 30 Meter Entfernung schießen sie von diesem Ereignis ein Bild, um mit dessen Hilfe die Ausscheidungen möglichst rasch zu finden. Das aber ist im hohen Gras gar nicht so einfach. Zumal die Hyänen gerne auf ihre Stammtoilette gehen und die Forscher dann rätseln, welches Häufchen denn das jüngste ist. Wer sich zum Schnüffeln nicht zu fein ist, hat in der Verhaltensforschung die Nase vorn.

Um die kostbaren Exkremente der Tüpfelhyänen frisch zu halten, frieren sie sie bei minus 196 Grad Celsius ein, im Camp haben sie dazu 35 Liter flüssigen Stickstoff gebunkert. Das reicht für vier Monate. Bis ins Berliner IZW muss die Kühlkette gewahrt bleiben, sonst verflüchtigen sich die Hormone unterwegs.

Aufschlussreiche Proben | Abbauprodukte von Hormonen im Kot verraten Forschern, wie stressig das Hyänenleben zwei Tage vorher war.

Die Kortisolwerte verraten ihnen dann zum Beispiel, dass ein höherrangiges Hyänenmännchen seine Geschlechtsgenossen in den niedrigeren Rängen ganz schön stressen kann: Solche Männchen suchen gezielt nach einem unterlegenen Tier, an dem sie sich abreagieren können. Für die Beobachter im IZW-Landrover sieht das unspektakulär aus: Eine Hyäne mit hoch aufgerichtetem Schwanz nähert sich nicht allzu schnell einer anderen, die ihren Schwanz unterwürfig zwischen die Beine klemmt und langsam davontrabt. Doch die Laboranalysen zeigen, dass bei dieser harmlos aussehenden Begegnung der Kortisolwert bereits kräftig in die Höhe schnellt.

Bei den Hyänen bestimmen allein die Weibchen über die Paarung

Eine Ruhepause senkt das Stressniveau zuverlässig, zumindest wenn sie ein paar hundert Meter von der eigenen Gruppe entfernt abgehalten wird. Nur schmälert dieses Relaxen im Abseits die Chancen auf Nachwuchs enorm, weil in der Hyänenwelt das Prinzip der Damenwahl gilt. Diese wiederum stützt sich auf außergewöhnliche Details im Körperbau: So hat die Vagina der Weibchen keine Öffnung nach außen. Diese Funktion übernimmt eine verlängerte Klitoris, die beinahe die Dimension eines Hyänenpenis erreicht. Obendrein ist dieses weibliche Geschlechtsorgan auch noch nach vorne gerichtet. Die Männchen müssen daher ein ziemlich akrobatisches Kunststück vollbringen, wenn sie von hinten aufsteigen und in zusammengekrümmter Haltung versuchen, ihren Penis einzuführen. Bewegt sich das Weibchen in dieser Situation ein wenig, schüttelt es das Männchen ab wie eine lästige Fliege. Mit wem sich ein Weibchen fortpflanzt, kann es daher sehr leicht selbst entscheiden.

Machos haben eher geringe Chancen. »Die Weibchen wollen viel Zeit mit einem sanften Partner verbringen, um dessen Zuverlässigkeit zu testen«, erklärt Eve Davidian. Also fangen die Männchen an, ihre Auserwählte zu beschatten, nähern sich ihr, wenn sie gerade schläft, und beweisen so ihr großes Interesse. Natürlich können auch die rangniederen Männchen ein Weibchen beschatten, nur haben sie dafür schlicht weniger Zeit und damit auch seltener Erfolg, was sich wiederum in einer deutlich geringeren Zahl von Nachkommen niederschlägt, wie die IZW-Forscher in der Zeitschrift »Functional Ecology« berichten. Diese Männchen zahlen dann den Preis für das extrem erfolgreiche Gesellschaftsmodell der Raubtiere: Bis zu 130 Tiere leben in einem Klan zusammen, in dem zwar praktisch immer einige Tiere abseits der Gruppe im Fluss relaxen oder auf der Suche nach Beute umherstreifen, die aber trotz solcher locker erscheinenden Bande eisern zusammenhalten.

Entscheidend ist das Beziehungsgeflecht

Der Kitt, der die Klans zusammenhält, sind die Beziehungen der Tiere untereinander. Sie stechen den IZW-Forschern manchmal markant ins Auge: So hat bei einer zufälligen Begegnung eine der Hyänen den Schwanz eingeklemmt, die Ohren liegen nach hinten, der Kopf ist leicht gesenkt, und die Zähne schimmern zwischen den zurückgezogenen Lefzen. Damit signalisiert die Hyäne ihre Unterwürfigkeit. Das Gegenüber zeigt die exakt gegenteilige Haltung: der Schwanz steil nach oben gestreckt, die Ohren aufgerichtet, der Gesichtsausdruck überlegen. Als Eve Davidian und Oliver Höner in der Zeitschrift »Nature Ecology and Evolution« 4133 Konflikte zwischen Hyänen im Ngorongoro-Krater analysierten, erkannten sie die dahinterstehende Grundstruktur: Je besser und dichter sein Beziehungsgeflecht ist, umso höher kommt ein Tier in der Hierarchie.

Allianzen erhöhen den Rang | Wer wie die beiden Männchen rechts mehr Unterstützer in der Nähe aufbieten kann, dominiert sein Gegenüber.

Ganz oben auf der sozialen Leiter stehen dabei die Tiere, die auf die meisten Unterstützer zählen können. Dabei müssen die Verbündeten gar nicht tatsächlich an ihrer Seite stehen. Es genügt schon, wenn klar ist, dass sie im Notfall schnell zu Hilfe kämen. Die Zahl ihrer Verbündeten sichert also einer Hyäne den Rang in der Hierarchie und begründet ihr Selbstbewusstsein. Das führt manchmal zu absurden Situationen: Treffen zwei Hyänen aus verschiedenen Gruppen aufeinander, die beide gerade außerhalb des eigenen Klans unterwegs sind, gewinnt fast immer das Tier, das näher am Zuhause ist. Eigentlich hochrangige Weibchen ziehen dann den Schwanz ein und legen die Ohren an, wenn sie normalerweise viel tiefer stehende Männchen aus einer anderen Gruppe treffen. Schließlich würden die Männchen im Ernstfall schneller Unterstützung bekommen.

Junge Hyänenmännchen gehen auf Wanderschaft

Üblicherweise sind es aus einleuchtenden Gründen aber die Männchen, die den Schwanz einziehen und die Ohren anlegen: Als Eve Davidian und Oliver Höner den Lebenslauf von 254 Männchen analysierten, blieben gerade einmal 41 von ihnen auf Dauer in dem Klan, in dem sie geboren wurden. Nun ist es bei vielen Säugetierarten eine bewährte Strategie, dass die Männchen in die Ferne ziehen. Denn so wird Inzucht vermieden, weil die weibliche Verwandtschaft ja zu Hause bleibt.

Rein körperlich sind Hyänen auch bestens für solche Trips gerüstet: Anders als ihr Ruf es nahelegt, sind die bis zu 80 Kilogramm schweren Tiere eher Jäger als Aasfresser. Mindestens drei Viertel ihrer Beute erlegen sie selbst. »Dabei laufen die Tiere locker einen Marathon am Tag«, sagt Oliver Höner. Auf Wanderschaft zu gehen, macht ihnen nicht viel aus.

Fürsorgliche Männchen haben bessere Chancen | Weibchen stehen an der Spitze der Hyänenhierarchie. Zärtlichkeiten verbessern die Paarungschancen eines Männchens enorm.

Doch in der Sozialstruktur der Hyänen, in der Beziehungen eine so wichtige Rolle spielen, bringt das Verlassen der Heimat gravierende Nachteile, die die Daheimgebliebenen nicht spüren: Sie behalten das gesamte Geflecht an Beziehungen, in das sie seit ihrer Geburt hineingewachsen sind. Da Weibchen wiederum meist in der Gruppe bleiben, in der sie groß geworden sind, während die meisten Männchen auswandern, erklärt sich auch die typische Sozialstruktur eines Hyänenklans: Die Weibchen können ein Leben lang ihr Beziehungsgeflecht pflegen und ausbauen, vermeiden dadurch Brüche in ihrer Biografie und haben so beste Chancen, an der Spitze des Klans zu landen.

Die auswandernden Männchen verlieren alle ihre Unterstützer. Wenn sie endlich eine passende Gruppe mit vielen jungen Weibchen gefunden haben, fangen sie praktisch neu an, ganz unten und ganz auf sich allein gestellt. Erst mit wachsendem Beziehungsgeflecht erklimmen sie die Hierarchieleiter. Immer seltener werden dann die Gelegenheiten, in denen sie zu gestressten Opfern höherrangiger Männchen werden. Und schließlich können sie sich lange genug in der Gruppe aufhalten, um ein Weibchen zu bezirzen. Dann sind sie endlich vorbei, die Tage des scheinbar idyllischen Relaxens am Wasserloch.

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