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Besiedlung der Welt: Wie das Klima die Evolution des Menschen prägte

Erst Homo erectus, dann weitere Menschenformen: Vor zwei Millionen Jahren begannen Frühmenschen die Erde zu besiedeln. Klimaveränderungen spielten dabei wohl eine große Rolle.
Der frühe Homo sapiens

Als das Klima vor einigen Millionen Jahren im Osten Afrikas trockener wurde, verließen die Vorfahren der Menschheit das Kronendach des Regenwalds. Sie richteten sich auf ihre Hinterbeine auf und wanderten durch die riesigen Savannen, die noch heute diesen Teil des Kontinents prägen. Vor rund drei Millionen Jahren wurde es dann noch trockener. Dieses Mal meisterten einige Zweibeiner das Problem der knapper werdenden Nahrung, denn ihre Kognition und ihre Fingerfertigkeiten hatten sich fortentwickelt – sie verwendeten erstmals Geröllsteine als Werkzeuge. Und als aus diesen ersten Handwerkern schließlich die anatomisch modernen Menschen hervorgingen, spielten Klimaveränderungen wohl ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wie stark dieser Einfluss war, ließ sich aber bisher kaum abschätzen. Aus den für die Menschheitsgeschichte relevanten Regionen liegen schlicht nicht ausreichend Daten vor, um das einstige Klima zu rekonstruieren, stellen Axel Timmermann von der südkoreanischen Universität Busan und sein Team in der Fachzeitschrift »Nature« fest.

Daher ließen die Forscherinnen und Forscher um Timmermann einen Supercomputer umfangreiche Datensätze durchrechnen, um so die Klima- und Vegetationsbedingungen der vergangenen zwei Millionen Jahre zu ermitteln. Außerdem verknüpfte die Arbeitsgruppe verschiedene aktuelle Klimamodelle mit ihren Ergebnissen: Aus wichtigen Faktoren wie der Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid und der Neigung der Erdachse, die jeweils für Klimaschwankungen bis hin zu einer Eiszeit sorgen können, errechnete sie wichtige Parameter wie Niederschlag, Temperatur und die Masse an Pflanzen auf einer bestimmten Fläche. Denn von Grünzeug ernährten sich einst die Vertreter der Gattung Homo – entweder direkt oder über den Umweg weidender Tiere, die den Steinzeitmenschen in die Hände fielen.

Zur Berechnung kamen noch 3245 Datensätze hinzu – über die Fundorte von Steinwerkzeugen, menschlichen Fossilien und deren Alter. Timmermanns Gruppe bezog zudem ein, zu welcher Menschenform die Funde gerechnet werden. Sie unterschieden zwischen Homo habilis, Homo ergaster, Homo erectus, Homo heidelbergensis sowie dem Neandertaler und dem anatomisch modernen Menschen. Anschließend ermittelten die Forschenden, in welchen Lebensräumen diese Frühmenschen zu Hause waren und wo in Afrika, Europa und Asien sie zur Existenz geeignete Regionen vorfanden. Im Ergebnis listete der Supercomputer der Universität Busan auf, wie sich die Lebensräume der verschiedenen Menschenformen im Lauf der Zeit veränderten und wo die archäologischen Fundplätze in den modellierten Karten liegen.

Karten, die zeigen, wo Menschenformen günstige Bedingungen vorfanden

»Das sind exzellente, sehr gut ausgetüftelte Klimamodelle, die noch dazu alle 1000 Jahre einen Blick in die Lebensräume verschiedener Frühmenschenlinien liefern«, erklärt Mike Petraglia, der im Frühjahr 2022 vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena zum Direktor des australischen Forschungszentrums für Humanevolution an der Griffith University in Brisbane berufen wurde. Der Paläoanthropologe war an der in »Nature« vorgestellten Studie nicht beteiligt, hat die Methoden und Ergebnisse jedoch im selben Fachblatt zusammengefasst. »Diese Lebensraumkarten zeigen auch, welche Regionen für die verschiedenen Menschenlinien geeignet gewesen sein könnten, selbst wenn dort bisher noch keine Spuren von ihnen gefunden wurden«, erklärt Petraglia.

Ottmar Kullmer stimmt Petraglias Einschätzung zu. »Die Simulationen sind sehr spannend und zeigen sehr schön, wie sich die Habitate der verschiedenen Frühmenschen entsprechend den von der Erdachse ausgelösten Klimaveränderungen verlagert haben«, sagt der Paläoanthropologe vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt am Main. »Allerdings handelt es sich um ein Modell, das durchaus von der Realität abweichen kann«, beurteilt Kullmer die neue Studie, an der auch er nicht beteiligt war.

Hintergrund seiner mahnenden Worte sind die riesigen Lücken in den Funddaten der Menschwerdung. So bleiben Fossilien und Steinwerkzeuge in manchen Gebieten gut erhalten und können relativ leicht entdeckt werden. In anderen Regionen lassen Witterung und Bodenverhältnisse die Überreste rasch verfallen. Die Chancen für die Forschenden, dann noch etwas zu entdecken, sind minimal. »Die wenigen Funde liefern uns zwar wichtige Puzzleteile für ein Mosaik der Lebensräume, aber darin klaffen riesige Lücken«, erklärt Kullmer.

Warum Computermodell und steinzeitliche Wirklichkeit vielleicht nicht übereinstimmen

So sind von Homo habilis und Homo ergaster kaum Fundstellen im afrikanischen Grabenbruch bekannt. Entsprechend wenige, eng begrenzte Regionen bilden die Karten der Computermodelle für diese Menschenformen ab. »Nun kann niemand ausschließen, dass diese Gruppen auch in anderen Gebieten gelebt haben, in denen bisher keine Spuren von ihnen auftauchten«, sagt Kullmer. Überdies können Forschende meist nur noch Steingeräte dokumentieren, seltener Knochenmaterial, das genauer verraten würde, welche Frühmenschen an einem Fundplatz lebten und welche Werkzeuge sie genutzt haben. Für den Senckenberg-Forscher ist das jedoch nicht nur für die Computer-Modellierung problematisch, sondern für die Paläoanthropologie allgemein.

»Die Studie liefert uns sehr interessante Vorschläge, die man nicht überinterpretieren, aber durchaus weiter untersuchen sollte«, sagt Kullmer. Ganz ähnlich argumentiert Mike Petraglia. So zeigen die Computermodelle, dass Homo heidelbergensis lange Zeit in Afrika, Europa und in den westlichen Regionen Asiens lebte, bis die Spezies vor wenigen hunderttausend Jahren langsam verschwand. Zugleich veränderte sich das Klima – und in Europa tauchten die Neandertaler auf und in Afrika die anatomisch modernen Menschen. Daraus schließen Axel Timmermann und sein Team: Das neue Klima hatte einen Einfluss auf die Entwicklung von Homo heidelbergensis hin zu Neandertalern und modernen Menschen. Wo genau, folgern sie ebenfalls aus ihren Berechnungen. Sie lokalisierten die Orte, an denen sich die Lebensbedingungen gewandelt haben, und stellten fest, dass Homo sapiens vermutlich eher im südlichen Afrika als im Osten des Kontinents entstand.

Dieser Ansatz könnte jedoch leicht zu einem Trugschluss führen. »Es gibt einige Hinweise und viele Überlegungen, denen zufolge verschiedene Frühmenschengruppen immer wieder aufeinandertrafen und sich vermischten«, sagt Petraglia. »Bis schließlich aus diesen Mischungen der moderne Mensch, Homo sapiens, entstand.« Dieses Szenario sei viel überzeugender mit der Theorie vereinbar, dass die Wiege der Menschheit in mehreren Gebieten Afrikas stand, nicht allein in einer relativ kleinen Region im Süden des Kontinents. Die »Nature«-Studie von Timmermann und seinem Team würde dennoch eine neue Herangehensweise zur Erkundung der Menschheitsgeschichte bieten und der Anthropologenzunft viele Anregungen für weitere Forschungen liefern. Auch darin sind sich Mike Petraglia und Ottmar Kullmer einig.

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