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Positive Psychologie: Wie Beziehungen uns stark machen

Liebe, Glück, Gesundheit: Diese drei Variablen scheinen unwiderruflich miteinander verknüpft zu sein. Warum wir andere Menschen brauchen, um glücklich zu sein – und andere Menschen uns.
Freundinnen Arm in Arm

Wenn es einen Glückskuchen gäbe, den sich jeder selbst backen könnte – was wäre die Hauptzutat? Forscher haben darauf in den vergangenen Jahrzehnten eine relativ klare Antwort gefunden: Zum Glücksrezept der meisten Menschen gehören andere Menschen – soziale Beziehungen, die uns guttun und in denen wir anderen guttun.

Die Psychologen Martin Seligman von der University of Pennsylvania und Ed Diener von der University of Virginia stellten sich 2002 zum ersten Mal die Frage nach dem Schlüssel zum Glück. Um herauszufinden, was uns zufrieden macht, beschlossen sie, sich genau diejenigen anzuschauen, bei denen alles glattzulaufen scheint: die besonders glücklichen Menschen. Gibt es etwas, das sie gemeinsam haben?

Für ihre Studie begleiteten Seligman und Diener mehr als 200 Studenten über ein Semester hinweg und untersuchten deren Glücksgefühle mit verschiedensten Methoden: anhand von Fragebogen zur Lebenszufriedenheit, die die Teilnehmer zu drei verschiedenen Zeitpunkten selbst ausfüllen mussten, mit ausführlichen Tagebucheinträgen über 51 Tage hinweg und indem sie »Informanten« wie Freunde oder Kommilitonen baten, die Gemütslage der Probanden einzuschätzen. Auf diese Weise errechneten die Wissenschaftler für jede Versuchsperson einen eigenen »Glückslevel« und unterteilten die Teilnehmer so in drei Gruppen: die oberen zehn Prozent der sehr Glücklichen, die durchschnittlich Glücklichen und die unteren zehn Prozent der wenig Glücklichen.

Die zufriedensten Teilnehmer in ihrer Untersuchung, so entdeckten die Forscher, verbrachten die wenigste Zeit allein. Ausnahmslos alle von ihnen pflegten gute Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden, Arbeitskollegen – das sahen sowohl die Probanden selbst als auch die Informanten so. Die Unglücklichen hatten indes ein wesentlich schlechteres soziales Netzwerk. »Aus den Ergebnissen könnte man schließen, dass gute soziale Beziehungen universell wichtig für die menschliche Stimmung sind – ebenso wie beispielsweise Nahrung«, schreiben Diener und Seligman. Allerdings untersuchten die beiden Psychologen nur Studenten; und die könnten möglicherweise nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sein.

Um ihren Befund zu bekräftigen, nahmen sie deshalb 2018 eine wesentlich größere und diversere Stichprobe unter die Lupe. Dafür nutzten sie die Daten von insgesamt 1,5 Millionen Menschen aus 166 Ländern, die ein Markt- und Meinungsforschungsinstitut aus den USA zwischen 2005 und 2015 gesammelt hatte. Im Rahmen der Umfrage war das Wohlbefinden der Teilnehmer anhand dreier Komponenten abgeklopft worden: die Bewertung des eigenen Lebens sowie das Auftreten von positiven und negativen Gefühlen. Auf Grund der Angaben teilten Diener und Seligman die Teilnehmer erneut in drei Gruppen ein – und stießen dabei auf ein ähnliches Muster wie in ihrer Studie aus dem Jahr 2002.

Glücklich in Gesellschaft

Alle Mitglieder im Klub der Glücklichen hatten enge Bindungen zu den Menschen in ihrem Umfeld. So sagten etwa 94 Prozent der besonders zufriedenen Probanden, es gäbe eine Person in ihrem Leben, auf deren Hilfe sie zählen könnten. Das war nur bei 43 Prozent der unzufriedenen Teilnehmer der Fall. Fast alle glücklichen Personen erklärten zum Zeitpunkt der Befragung, man habe sie am Vortag mit Respekt behandelt; bei den Unglücklichen hatten lediglich 52 Prozent der Befragten diesen Eindruck. Zudem verbrachten die besonders zufriedenen Personen wesentlich mehr Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden als die moderat Glücklichen und die Unglücklichen.

Wegen des Studiendesigns lassen die Untersuchungen von Seligman und Diener allerdings keine Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zu: Sind wir wirklich zufriedener, weil wir einen guten Draht zu Familie und Freunden haben? Oder führt mehr Wohlbefinden vielleicht auch ganz automatisch zu besseren Beziehungen zu den Menschen in unserem Umfeld? Seligman und Diener vermuten, dass beides der Fall ist.

Gelegenheit macht Freunde

Manchen Menschen fällt es leicht, auch außerhalb der Familie Bande zu knüpfen, andere tun sich eher schwer damit. Was beeinflusst, ob wir es schaffen, zu einer fremden Person eine gute Beziehung aufzubauen, oder eher auf Distanz bleiben? Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass Freundschaft nicht zuletzt auch eine Frage der Gelegenheit ist. Wenn sich Menschen dauerhaft in unserer unmittelbaren Nähe aufhalten, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass wir uns mit ihnen anfreunden. Das zeigt etwa ein Experiment des Psychologen Mitja Back von der Universität Münster und seiner Kollegen. Die Wissenschaftler teilten Studierenden bei einer Einführungsveranstaltung einen Sitzplatz im Hörsaal für das kommende Semester per Losverfahren zu. Ein Jahr später untersuchten sie, wie gut sich die Teilnehmer miteinander verstanden. Dabei entdeckten sie, dass Personen, die nebeneinander oder auch nur in der gleichen Reihe gesessen hatten, eher Freunde geworden waren als Studierende auf weiter entfernten Plätzen. Ähnliche Resultate zeigten sich bei einer Studie, in der Wissenschaftler Studenten per Zufall Wohnungen in einem Wohnkomplex zugewiesen hatten. Je näher die Teilnehmer beieinander wohnten, desto besser verstanden sie sich später. Direkte Nachbarn wurden sogar in der Hälfte aller Fälle Freunde.

Hat man sich erst einmal gefunden, scheinen vor allem Ähnlichkeiten eine wichtige Rolle zu spielen. Menschen des gleichen Geschlechts, die ein ähnliches Alter, einen ähnlichen Bildungsgrad und eine ähnliche ökonomische Situation haben, freunden sich tendenziell schneller an. Gemeinsamkeiten erhöhen zudem die Chance, dass die Freundschaft über einen längeren Zeitraum hinweg hält. Darauf deutet etwa eine Untersuchung mit mehr als 500 Freundespaaren im Teenageralter hin. Wenn die Jugendlichen ähnlich beliebt, umgänglich und in der Schule erfolgreich waren, war die Chance höher, dass ihre Verbindung das nächste Jahr überstand.

Auch eine dritte Variable, die sowohl unser Glück als auch unsere Beziehungen zu anderen beeinflusst, könnte die Ursache für die Verbindung sein. So deuten andere Untersuchungen etwa darauf hin, dass ein erfülltes Sozialleben nicht nur mit einem höheren Wohlbefinden, sondern auch mit einer besseren Gesundheit zusammenhängt. Das zeigen zum Beispiel die »Grant Study« und die »Glueck Study«, die seit mittlerweile 80 Jahren an der Harvard University laufen. Menschen, die gute Beziehungen zu Freunden und Familienmitgliedern haben und in eine Gemeinschaft eingebunden sind, sind im Schnitt glücklicher, körperlich gesünder und leben länger, so Robert Waldinger, Studienleiter und Professor an der Harvard Medical School. »Wenn Menschen jedoch mehr Einsamkeit erfahren, als ihnen lieb ist, haben sie in der Lebensmitte eine schlechtere Gesundheit und sterben im Schnitt auch früher.«

Den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und verkürzter Lebenszeit belegte 2015 auch eine große Metaanalyse unter der Leitung von Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University. Die Psychologin nahm 70 Langzeituntersuchungen mit insgesamt rund 3,4 Millionen Teilnehmern unter die Lupe, die im Schnitt über sieben Jahre hinweg von Wissenschaftlern begleitet worden waren. Dabei entdeckte sie, dass Probanden, die sich einsam fühlten, ein um 26 Prozent höheres Risiko hatten, vorzeitig zu sterben. Bei Alleinlebenden war die Sterbewahrscheinlichkeit im Versuchszeitraum um 32 Prozent erhöht. Für die Ergebnisse machte es keinen Unterschied, ob die Studien das tatsächlich vorhandene soziale Netz oder lediglich die gefühlte Einsamkeit der Versuchspersonen untersucht hatten. Isolierte und einsame Menschen mussten gleichermaßen Einbußen bei der Lebenserwartung hinnehmen. Da Holt-Lunstad in ihrer Analyse auch den anfänglichen Gesundheitszustand der Teilnehmer und andere Variablen wie den sozioökonomischen Status und das Alter berücksichtigte, ist sie zuversichtlich, auch eine Richtung für den Effekt gefunden zu haben. Wahrscheinlich erhöht Einsamkeit das Risiko, früh zu sterben – und nicht umgekehrt, glaubt die Psychologin.

Doch woran könnte das liegen? Was passiert in unserem Körper, wenn wir einsam sind? Studien zeigen, dass Einsamkeit typischerweise mit einer stärkeren Aktivierung der so genannten Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (kurz: HPA-Achse) einhergeht, wie Forscher um John und Stephanie Cacioppo von der University von Chicago in einem Übersichtsartikel schreiben. Die HPA-Achse ist ein Regelkreislauf, an dem drei verschiedene Hormondrüsen beteiligt sind. Da sie unter anderem bei Anspannung aktiv wird, trägt sie auch den Beinamen Stressachse. Sehr einsame Menschen haben laut den Cacioppos größere Mengen des Stresshormons Kortisol im Urin und im Speichel als Personen, die über ein gutes soziales Netzwerk verfügen. Gleichzeitig ist die Konzentration an Immunzellen bei ihnen niedriger.

Hände
Einer für alle – alle für einen | Wer gute Beziehungen zu anderen hat, ist glücklicher – und trägt wahrscheinlich auch zum Glück seiner Mitmenschen bei.

Einsame Menschen schütten mehr Stresshormone aus

Langzeituntersuchungen zufolge hängt Einsamkeit vor allem mit einem erhöhten Kortisolspiegel am Morgen zusammen: Anhand der Werte auf einer Einsamkeitsskala konnten Forscher sogar vorhersagen, wie viel von dem Hormon ihre Probanden wohl am nächsten Morgen im Blut haben würden – unabhängig von anderen Faktoren wie demografischen Variablen, Nervosität oder empfundenem Stress. Auf diesem Weg könnte die Last, zu der Alleinsein für manche Menschen wird, vielleicht das Risiko für bestimmte Folgeleiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.

Die Annahme, dass Einsamkeit hier ursächlich wirkt, stützen experimentelle Tierstudien. Wie Untersuchungen an monogamen Präriewühlmäusen zeigen, ist es offenbar tatsächlich die soziale Isolierung, die einen Anstieg der Stresshormonkonzentration bewirkt. Zudem weisen sie darauf hin, dass es eine zentrale Rolle spielt, von wem die Tiere getrennt werden. Besonders starke Auswirkung scheint dabei die Trennung vom Partner zu haben, während die Trennung von »weniger wichtigen« Artgenossen wie Geschwistern keine gesteigerte Anspannung verursacht.

Eine gute Beziehung zu anderen hingegen geht zahlreichen Studien zufolge mit einer besseren Gesundheit einher – nicht zuletzt, weil uns nahestehende Menschen auch unser gesundheitsbezogenes Verhalten beeinflussen, glauben Forscher. Eine besondere Rolle kommt auch hierbei unserem Partner oder unserer Partnerin zu, die uns etwa dazu motovieren und dabei unterstützen können, uns mehr zu bewegen, ungesunde Laster aufzugeben oder einfach häufiger zum Arzt zu gehen und Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Dabei sind der Beziehungsstatus wie die Qualität einer Liebesbeziehung starke Prädiktoren dafür, ob jemand ein hohes Alter erreicht.

Schon in der Kindheit könnten die Beziehungen zu unseren Mitmenschen zentral sein, erklärt Holt-Lunstad. Wer als Kind einen guten Draht zu seinen Eltern habe, sei beispielsweise auch als Erwachsener besser dazu in der Lage, seine Gefühle zu regulieren. Zudem gehen die betreffenden Personen sicherer durchs Leben, fühlen sich weniger durch Stress bedroht und leben im Schnitt gesünder. 2016 untersuchten Wissenschaftlern um Anne Gadermann von der University of British Columbia in Kanada mehr als 5000 Viertklässler. Dabei entdeckten sie, dass das Gefühl, bei Gleichaltrigen dazuzugehören, aber auch gute Beziehungen zu den Erwachsenen aus ihrem Umfeld deutlich mit einer hohen Lebenszufriedenheit der Schüler zusammenhingen. Gleichzeitig fühlten sich sozial gut eingebundene Kinder gesünder.

Die Autoren vermuten, dass gerade Freundschaften mit Gleichaltrigen einen positiven Effekt auf das Gesundheitsverhalten von Kindern haben könnten. Von anderen Heranwachsenden anerkannt zu werden, stärkt das Selbstvertrauen und verleiht ihnen das Gefühl von Kontrolle. Das könne sie etwa dazu motivieren, mit einem Teamsport zu beginnen, was wiederum der Gesundheit zugutekommt.

Wer das Gefühl hat, dazuzugehören, sieht zudem mehr Sinn in seinem Leben. Das zeigt eine Studie aus dem Jahr 2013, in deren Rahmen die Forscher ihre Versuchspersonen baten, an zwei oder mehr Personen zu denken, zu denen sie sich wirklich zugehörig fühlten. Psychologen nennen das auch »Priming«. Im Anschluss mussten die Probanden Auskunft darüber geben, wie viel Bedeutung sie ihrem Leben beimaßen. Teilnehmer, die zuvor das Priming-Prozedere durchlaufen hatten, betrachteten ihr Dasein eher als sinnvoll als eine Kontrollgruppe, die nicht an ihre positiven Beziehungen zu anderen hatte denken sollen.

Der Psychologe Meliksah Demir von der Northern Arizona University befasst sich bereits seit Jahren mit der Frage, wie enge Freundschaften unsere Psyche beeinflussen. In einer 2013 veröffentlichten Studie untersuchten er und seine Kollegen an rund 2400 Teilnehmern, wie deren Freundschaften mit Glück, der empfundenen Einzigartigkeit und der Lebenszufriedenheit zusammenhingen.

Gute Erfahrungen mit Freunden halfen den Probanden dabei, ihre eigenen Besonderheiten anzuerkennen – und das trug wiederum zu mehr Glück und Wohlbefinden bei, schreibt Demir. »Freundschaften vermitteln verschiedene Beziehungserfahrungen: Man verbringt gemeinsam Zeit bei zahlreichen Aktivitäten, teilt seine Geheimnisse, sucht nach Rat und Hilfe, erfährt von anderen Bestätigung, feiert kleine und große Erfolge miteinander. Wir glauben, dass sich Menschen durch diese Interaktionen ihrer besonderen Eigenschaften bewusst werden und so einen Sinn für ihre eigene Einzigartigkeit entwickeln. Das fördert in der Folge das individuelle Glück.«

3/2018 (August/September)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2018 (August/September)

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