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Wildtierseuchen: Fünf Zoonosen aus der Wildnis, die Mediziner auf Trab halten

Der Kontakt mit Menschen endet für Wildtiere meist nicht besonders erfreulich. Aber manchmal gehen die Unannehmlichkeiten auch in die andere Richtung.
Kaninchen in freier WildbahnLaden...

Die meisten Krankheiten bekommen wir von uns – und unseren Haustieren. Tuberkulose, Schweinegrippe und Toxoplasmose sind dabei nicht die einzigen unangenehmen Dinge, die wir uns bei Tieren einfangen können. Auch wilde Tiere halten eine ganze Reihe mikrobieller Gefahren für uns bereit; manche von ihnen kennen wir aus den Schlagzeilen, andere mögen wir für besiegt halten. Lesen Sie hier, warum man im Urlaub besser keine streunenden Tiere streichelt und welche hässliche Überraschung Kaninchen für Jäger in petto haben.

Ebola – die Seuche von Krieg und Armut

Spätestens seit der großen Ebolaepidemie in Westafrika dürfte Ebola die gefürchtetste Erkrankung sein, die Wildtiere auf Menschen übertragen können. Ein beträchtlicher Teil der Infizierten stirbt – ohne medizinische Hilfe sind es bis zu 90 Prozent. Bei den jüngsten Ausbrüchen ist die Sterblichkeit geringer, aber immer noch erschreckend. In Westafrika starben 11 000 von 29 000 Infizierten, bei der aktuellen Seuche in der Demokratischen Republik Kongo wohl fast zwei Drittel aller Erkrankten. Wie das Ebolavirus auf Menschen überspringt, ist bisher nicht vollständig geklärt. Gejagte und verzehrte Wildtiere scheinen eine Rolle zu spielen, besonders Primaten, die für die Krankheit ebenso anfällig sind wie Menschen.

In welchen Tieren Ebola natürlicherweise vorkommt – also das Reservoir des Erregers –, ist bisher weitgehend unklar. Hauptverdächtige sind Flughunde; man vermutet, dass Affen sich infizieren, wenn sie angefressene und fallen gelassene Früchte verzehren. Trotz der Furcht erregenden und schwer zu bekämpfenden Ausbrüche in West- und Zentralafrika ist eine globale Pandemie durch Ebola extrem unwahrscheinlich: Der Erreger ist schlicht nicht ansteckend genug, und es gibt inzwischen einen Impfstoff, der die Seuche zusätzlich ausbremst. Um sich ausbreiten zu können, braucht Ebola ein soziales und politisches Umfeld, in dem die Seuche nicht effektiv bekämpft werden kann – in Westafrika begünstigten extreme Armut und fehlende Infrastruktur seine Ausbreitung, im Kongobecken Misstrauen und bewaffnete Konflikte.

Sars – Warnschuss aus China

Im März 2002 schien die Welt an der Schwelle zur Katastrophe zu stehen. Binnen weniger Tage hatte sich eine tödliche Atemwegserkrankung von Hongkong aus in mehrere Länder verbreitet, die Weltgesundheitsorganisation löste weltweiten Alarm aus. Die große Seuche blieb aus, nach einigen Monaten war der Ausbruch unter Kontrolle. Doch als die Pandemie im Jahr 2003 endete, waren von 8000 Infizierten fast 800 tot. Das Schwere Akute Atemwegssyndrom, nach der englischen Bezeichnung mit Sars abgekürzt, wird vermutlich durch direkten Kontakt oder größere Tröpfchen übertragen, nicht aber durch länger in der Luft schwebende Aerosole. Sonst wäre die Pandemie wohl deutlich dramatischer verlaufen.

Ungewiss ist, woher der Erreger kommt. Das Virus ist nach 2002 in einer ganzen Reihe von Tieren entdeckt worden, beispielsweise in Marderhunden und einer als Larvenroller bezeichneten Schleichkatzenart, die beide in China als Nahrung auf Märkten verkauft werden. Es gilt als nahezu gesichert, dass der Erreger von diesen Tieren auf Menschen übersprang. Und laut immunologischen Studien kommen Wildtierhändler und -halter weit häufiger mit dem Erreger in Berührung als andere Menschen – allerdings ohne zu erkranken. Das natürliche Reservoir sind wohl Hufeisennasen: In einer Population dieser Fledermäuse fanden Fachleute 2017 einen ganzen Zoo an Sars-Stämmen, der wohl unter anderem den an Menschen angepassten Erreger hervorbrachte. Sars und andere Coronaviren gelten auch heute noch als Kandidaten für gefährliche Pandemien.

Tollwut – gruselige Todesart

Tollwut hat unter den Zoonosen zwei wirklich eklige Alleinstellungsmerkmale. Zum einen stirbt man an der Viruserkrankung auf recht unangenehme Art, zum anderen endet die Infektion auch bei intensivmedizinischer Behandlung fast immer mit dem Tod. Die gute Nachricht: In weiten Teilen Europas ist der Erreger ausgestorben, seit Füchse, die wichtigsten Wirte des Virus, systematisch immunisiert wurden. In Fledermäusen kursieren verwandte Viren, die prinzipiell auch Tollwut verursachen können – zwar ist nur ein kleiner Teil der Population betroffen, dennoch sollte man es vermeiden, diese Tiere anzufassen. Der letzte solche Fall in Europa liegt jedoch schon fast zwei Jahrzehnte zurück.

Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von »Spektrum Kompakt« mehr über Krankheiten von Wild- und Haustieren, die auch Menschen gefährlich werden können.

Der Tollwuterreger gehört zu einer Familie von Erregern, die nur in Säugetieren vorkommen, neben Füchsen zum Beispiel in Hunden oder Katzen. Das Virus gelangt durch einen Biss in die Wunde und befällt das Zentralnervensystem; es löst Schluckbeschwerden und hohen Speichelfluss aus. Das führt zum bekanntesten Symptom, dem »Schaum vor dem Mund«. Gleichzeitig entwickeln die Opfer eine starke Furcht vor Wasser sowie heftige Stimmungsschwankungen. Diese Symptome helfen dem Erreger in seinen Hauptwirten vermutlich bei der Verbreitung, denn der virusreiche Speichel dient als Übertragungsmedium. Daneben verursacht der Erreger schwere Krämpfe. Am Ende stirbt das Opfer an Lähmungen von Herz oder Atemmuskulatur.

In Europa ist die Tollwut weitgehend verschwunden, doch weltweit sterben etwa 60 000 Menschen pro Jahr an der Krankheit, meist nach Hundebissen. Es gibt zwar eine Impfung, die nach dem Biss noch verabreicht werden kann und dann nahezu alle Betroffenen vor dem Erreger schützt – in vielen Tollwutgebieten ist die aber nicht zugänglich. Derzeit versucht die Organisation »United Against Rabies« mit einer Reihe von Maßnahmen, bis zum Jahr 2030 die Zahl der Tollwuttoten auf null zu senken.

Milzbrand – die perfekte Biowaffe

Anders als die meisten Zoonosen stellt bei Milzbrand weniger das natürliche Reservoir in Wildtieren die größte Bedrohung dar, sondern der Mensch selbst. Der Erreger eignet sich ungewöhnlich gut als biologische Waffe. Ausgelöst wird die Krankheit durch das Bakterium Bacillus anthracis, das sehr widerstandsfähige Sporen bildet: kleine Proteinkapseln, in denen das Bakterium viele Jahrzehnte überdauert, bis es auf günstige Bedingungen stößt. Zum Beispiel den menschlichen Körper.

Die Krankheit kommt in drei Varianten vor. Die harmloseste davon ist der Hautmilzbrand, bei dem die Bakterien durch eine offene Wunde in die Haut gelangen und Geschwüre erzeugen. Daran sterben ohne Behandlung lediglich bis zu 20 Prozent der Infizierten. Nimmt man den Erreger mit infizierten Fleisch- oder Milchprodukten auf, bekommt man eine heftige Darmentzündung mit Durchfall oder Brechreiz, die zu Nierenversagen führt und unbehandelt mehr als die Hälfte der Opfer tötet. Die gefährlichste Variante ist der Lungenmilzbrand. Für den muss man einige Tausend der Sporen einatmen, dann geht alles relativ schnell. Nach wenigen Tagen mit Husten, Fieber oder Schüttelfrost sterben die Patienten am septischen Schock – häufig trotz Behandlung. Das liegt am Milzbrandtoxin, einem Protein, das aus drei Untereinheiten besteht, die in Zellen eindringen und auf verschiedenen Wegen das Gewebe zerstören.

Die ursprünglichen Wirte von Milzbrand sind diverse Pflanzenfresser, an denen sich Menschen gelegentlich anstecken. Die Infektion ist zwar bösartig, aber unter normalen Umständen recht selten. Inzwischen werden viele Nutztiere geimpft, so dass in Europa die Gefahr für Menschen gering ist. Allerdings breiten sich die Erreger in den Tropen derzeit stark unter Wildtieren aus, und in der Arktis geben die tauenden Böden infizierte Tierkadaver samt Milzbrandsporen frei, weshalb dort die Gefahr eher wächst. Erst 2016 wurden ganze Regionen in Sibirien unter Quarantäne gestellt, weil Rentiere sich auf diesem Weg dort infiziert und mehrere Menschen angesteckt hatten.

Tularämie – kehrt sie zurück?

Eigentlich ist die Tularämie in Deutschland eine ausgesprochen seltene Infektion – doch Fachleute beobachten sie mit Sorge. Einerseits deswegen, weil die Krankheit sehr gefährlich ist: Unbehandelt sterben 30 bis 60 Prozent der Infizierten. Andererseits steigen die Fallzahlen seit 2005 deutlich an, und niemand weiß, warum. Zu Beginn des Jahrtausends steckten sich für gewöhnlich weniger als fünf Menschen mit dem Bakterium Francisella tularensis, dem Erreger der Tularämie, an. Im letzten Jahrzehnt gingen die Zahlen signifikant nach oben – 2017 wurden insgesamt 52 Fälle gemeldet; im Herbst 2018 machte die Krankheit Schlagzeilen, weil sich gleich mehrere Jäger angesteckt hatten.

Die Diagnose der Infektion ist nicht ganz einfach: Die Krankheit ist selten, außerdem verursacht das Bakterium verschiedene Krankheitsbilder, je nachdem, wie es in den Körper gelangte. Bei der häufigsten Variante tritt der Erreger durch eine Hautwunde ein. Ein Geschwür bildet sich, die Lymphknoten schwellen an. Ein weiterer wichtiger Übertragungsweg sind Insekten. Wird der Erreger eingeatmet, entsteht eine schwere Lungenentzündung, an der unbehandelt viele der Betroffenen sterben. Das kommt allerdings selten vor. Das Bakterium ist außerdem extrem infektiös; etwa zehn Zellen reichen aus, um sich anzustecken. Das passiert überwiegend durch Kontakt mit Tierkadavern, besonders von Hasen und Kaninchen – daher die volkstümliche Bezeichnung Hasenpest.

Man kann sich auch durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel infizieren; das Risiko dafür ist in Deutschland jedoch sehr gering. Ebenso wird die Krankheit durch Insektenstiche und -bisse übertragen. Unklar ist, welche Bedeutung dieser Weg hat. Möglicherweise steigen die Infektionszahlen deshalb so stark an. Doch vielleicht ist es einfach ein Effekt stärkerer Überwachung: Die Fallzahlen bleiben gleich, Ansteckungen werden nur häufiger entdeckt. Trotz des Anstiegs gibt es bisher viel zu wenig Daten, um solche Fragen zu beantworten – und um sagen zu können, in welchem Ausmaß die Erreger gegen Antibiotika resistent sind.

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