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Coronaimpfungen: Was machen Impfweltmeister anders?

Impfprogramme laufen dort gut, wo die Bevölkerung noch weiß, wie schlimm sich früher einmal fehlende Impfungen ausgewirkt haben. Das zeigt der Blick auf die fünf Spitzenreiter.
»Ich lasse mich impfen« steht auf dem Impfausweis der chilenischen Impfkampagne

Knapp 71 Prozent der Deutschen haben eine Impfdosis gegen Covid-19 erhalten. Ein beeindruckender Erfolg möchte man meinen, denn noch nie zuvor wurden in Deutschland so schnell so viele Menschen geimpft. Dank Delta liegt der Fokus jedoch auf den verbliebenen 30 Prozent: rund 15 Millionen Menschen, in denen sich Sars-CoV-2 ungehindert vermehren kann. Das bedeutet, dass zu viele schwer Erkrankte gleichzeitig in die Krankenhäuser kommen.

»Auf der individuellen Ebene schützt eine Impfung vor Krankheit und Tod«, sagt der Virologe Hartmut Hengel von der Universität Freiburg, der zehn Jahre lang STIKO-Mitglied war, »auf der epidemiologischen Ebene haben Impfungen aber auch die Aufgabe den Durchseuchungsprozess der Bevölkerung kontrolliert und langsam vonstattengehen zu lassen, so dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird.« Die hochansteckende Delta-Variante zeigt nun allzu deutlich, dass eine Impflücke von 30 Prozent nicht verkraftbar ist und nach unbeliebten Maßnahmen verlangt. Und so ist täglich zu hören: »Wir müssen die Impflücke schließen.« Die große Frage ist nur: wie?

Vielleicht kann man von Ländern lernen, denen die Impfstatistik phänomenale Erfolge bescheinigt. Platz 1 der Rangliste der Website »Our World in Data« nach Anzahl der verabreichten Impfdosen an die impffähige Bevölkerung belegen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Platz 1: Vereinigte Arabische Emirate

98 Prozent ihrer zehn Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung haben eine, 88 Prozent zwei und 30 Prozent drei Impfdosen erhalten. Während der Pandemie sind laut WHO 2144 Menschen an Covid-19 gestorben. Die aktuelle Siebentagesinzidenz beträgt 5. Zur Impfung zugelassen sind die Impfstoffe von Sinopharm, Biontech, Moderna, AstraZeneca und Sputnik. Zu Beginn der Impfkampagne wurden medizinisches Personal und Ältere bevorzugt geimpft.

Entscheidender Faktor dafür ist laut einer Analyse der Fachzeitschrift »Vaccine« die effektive Kommunikation seitens der Regierung: Fehlinformationen seien bekämpft worden, die Gesundheitsbehörden haben mit den religiösen Führern des Staates zusammengearbeitet, um die Botschaft zu übermitteln, dass die Impfstoffe mit dem Islam vereinbar sind, und es wurde die Kampagne #TogetherWeRecover gestartet: Auf allen Social-Media-Kanälen wurde für die Impfung geworben und über die Impfstoffe informiert.

Social Distancing in der Freiluftmoschee | In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die Immunisierung der Bevölkerung weit fortgeschritten: Das Land hat unter den bevölkerungsreichen Nationen der Erde die höchste Impfquote von allen.

Laut Joan Barceló von der New York University in Abu Dhabi, der am Datenprojekt CoronaNet beteiligt ist, der weltweit größten Datenbank zu ergriffenen Anti-Corona-Maßnahmen, habe der Westen und insbesondere die EU neue Impfstoffe nur langsam zugelassen. Nichtwestlichen Impfstoffen gegenüber sei man nicht aufgeschlossen gewesen. »Das bedeutete, dass alles auf eine Karte gesetzt wurde«, sagt Barceló dem kanadischen Sender CBC. Die Emirate haben hingegen den chinesischen Impfstoff Sinopharm bereits im Dezember 2020 zugelassen und schon im Mai 2021 Hochrisikopatienten eine dritte Impfung angeboten, als sich abzeichnete, dass der Schutz nachlässt.

Zum Erfolg beigetragen hat auch eine effiziente Logistik mit dem Aufbau einer eigenen Impfstoffherstellung in Absprache mit Sinopharm und eine fortgeschrittene Digitalisierung: »Al Hosn« heißt die offizielle Covid-19-Kontaktverfolgungs-App des Landes. Sie dient auch als nationales Impfstoffregister, mit der die Impfhistorie verfolgt werden kann. Geimpfte Touristen können die Al-Hosn-App herunterladen und sich mit einer auf ihrem Visum vermerkten Nummer registrieren, um ihre Impfung nachzuweisen. Immer wieder wurden auch mögliche Einschränkungen für Ungeimpfte angekündigt.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Daten zu den Wirksamkeitsergebnissen von Sinopharm und Sputnik lange von vielen Experten als unzureichend betrachtet wurden. Die WHO hat Sinopharm erst im Mai 2021 eine Notfallzulassung erteilt, jene für Sputnik steht noch aus. Die Bürgerrechte wie Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Rechte ausländischer Arbeitnehmer sind in den Vereinigten Emiraten stark eingeschränkt. Mit einer lautstarken »Querdenkerbewegung« war in den Emiraten darum nicht zu rechnen.

Platz 2: Singapur

Auf Platz 2 der Rangliste befindet sich Singapur. Von seinen sechs Millionen Einwohnern haben 93 Prozent eine, 92 Prozent zwei und 13 Prozent drei Impfdosen erhalten. Während der Pandemie sind laut WHO 667 Menschen an Covid-19 gestorben. Die aktuelle Inzidenz beträgt 232. Zur Impfung zugelassen sind die Impfstoffe von Biontech, Moderna und CoronaVac, und auch in Singapur wurden Ältere und medizinisches Personal anfangs priorisiert geimpft.

Singapur gehört zu den Ländern, die eine Zero-Covid-Strategie verfolgen. Das heißt, sie versuchen mit sehr strengen Maßnahmen die Zahl der Infektionen auf null zu drücken. Für vollständig Geimpfte wurden die Einschränkungen nach und nach gelockert, für Ungeimpfte angezogen: So dürfen vollständig geimpfte Personen zu fünft in Restaurants essen, während Ungeimpfte nur zu zweit draußen essen dürfen. Ab dem 8. Dezember 2021 müssen Ungeimpfte, die Kosten eines Krankenhausaufenthalts wegen Covid-19 selbst tragen.

Im Sommer, als 80 Prozent der Bevölkerung geimpft waren, wurden Maßnahmen gelockert, was einen deutlichen Anstieg der Infektionszahlen im September zur Folge hatte. Ende September machte die Regierung eine Kehrtwende und verschärfte die Gegenmaßnahmen für vier Wochen wieder drastisch und begann Mitte September mit dem Boostern. Die Infektionszahlen gehen nun zurück.

Auch Singapur hat eine ausgefeilte Corona-Informationspolitik: Die Bürger werden in den sozialen Medien und über Messengerdienste über Impfstoffe informiert. Führende Politiker haben Videos gedreht, in denen sie die Vorzüge der Impfung in den dort gesprochenen Sprachen und Dialekten erklären. Zusätzlich wurden Musikvideos mit lokalen Prominenten gedreht, die bei älteren Menschen beliebt sind.

Auch Singapur hat erfolgreich geimpft | Der Staat hat Ende 2019 ein weit reichendes Gesetz gegen die Verbreitung von Falschnachrichten erlassen.

Parallel dazu geht Singapur streng gegen Fehlinformationen vor. Der Staat hatte Ende 2019 ein weit reichendes und umstrittenes Fake-News-Gesetz erlassen. So musste eine lokale Website, nachdem sie falsche Informationen zu Impfstoffen verbreitet hatte, diese für Leser deutlich als »Unwahrheit« kennzeichnen.

Neben Impfzentren setzt Singapur auf mobile Impfteams, die über Lautsprecher auf die Impfmöglichkeit aufmerksam machen und ältere Menschen zu Hause besuchen und impfen.

Platz 3: Kuba

Kuba ist in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Wegen des Handelsembargos, das die USA über die Karibikinsel verhängt haben, setzte das Land frühzeitig auf die Entwicklung eines eigenen Vakzins. Bis zum 18. November haben 89 Prozent der elf Millionen Kubanerinnen und Kubaner – darunter auch Kinder im Alter von zwei Jahren – mindestens eine Dosis der einheimischen Impfstoffe Soberana 02 und Abdala erhalten. Studien zufolge haben die beiden Eigenentwicklungen eine hohe Wirksamkeit. Laut offiziellen Zahlen sind 8299 Menschen in Kuba dem Coronavirus erlegen.

Mit einem straffen Impfprogramm, die das zumindest nominell gut ausgebaute Gesundheitssystem des sozialistischen Landes auf die Beine stellte, hat Kuba seine erste schwere Infektionswelle aktuell unter Kontrolle gebracht. Um die Mitte des Jahres 2021 war die Inzidenz rasant auf ein Maximum von 582 angestiegen. Derzeit liegt sie bei 16. Dabei drohte das Impfprogramm zunächst an einem Mangel an Spritzen zu scheitern, erst eine internationale Spende von sechs Millionen Spritzen erlaubte es den Behörden, die geplante Komplettimmunisierung der Bevölkerung durchzuführen. Eine Impfpflicht muss die Regierung dabei anscheinend nicht verhängen: Das Interesse an Impfungen ist offenbar sehr hoch, öffentliche Impfkritik gibt es nicht.

Platz 4: Portugal

Den vierten Platz auf der Liste von »Our World in Data« belegt Portugal, dessen zehn Millionen Einwohner zu 89 Prozent eine und zu 88 Prozent zwei Impfdosen erhalten haben. Während der Pandemie sind laut WHO 18 339 Menschen an Corona gestorben. Die aktuelle Inzidenz beträgt 171. Zur Impfung zugelassen sind die Impfstoffe von Biontech, Moderna, AstraZenca und Johnson&Johnson, auch hier wurde zu Beginn priorisiert geimpft.

»Portugal hat im Lauf der Pandemie schlimme Erfahrungen mit dem Virus machen müssen«, sagt der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Im Januar und im Februar gerieten die Corona-Infektionen in Portugal außer Kontrolle, die Krankenhäuser waren massiv überlastet, die Sterberate hoch. Die Folge davon war ein langer, harter Lockdown, der streng kontrolliert wurde. »Das erhöht grundsätzlich die Bereitschaft, Maßnahmen mitzutragen und auch, sich impfen zu lassen«, sagt Ulrichs. Ähnliches treffe etwa auf Italien und Spanien zu, die ebenfalls hohe Impfquoten haben.

Hinzu kam eine straff organisierte Impfkampagne unter der Leitung eines ehemaligen Marineoffiziers, der auf offene Kommunikation setzte und seine Landsleute gegen das Virus einschwor: »Es gab nur zwei Seiten, den Feind und den Freund. Der Freund war das Volk, das galt es zu schützen. Der Feind war das Virus«, beschreibt Portugals Impfkoordinator Henrique de Gouveia e Melo seinen Weg. Auch praktische Dinge dürften eine Rolle gespielt haben: Wer sich nicht aktiv um einen Termin kümmerte, wurde persönlich eingeladen und mehrmals erinnert.

Architekt des protugiesischen Impfprogramms | Vizeadmiral Henrique de Gouveia e Melo hat die Impfung seiner Landsleute wie eine militärische Operation geplant. Die Impfquote ist gut, ob der Feind bereits besiegt ist, wird sich erst noch zeigen.

Impfungen haben in Portugal außerdem grundsätzlich einen hohen Stellenwert. Die Impfrate für Masern, Röteln und Mumps zählt mit 95 Prozent zu den höchsten in der EU, obwohl Portugal keine Impfpflicht hat. Bei der Einschulung muss ein Impfpass vorgelegt werden und laut einer Umfrage der EU-Kommission stimmen mehr als 80 Prozent der Portugiesen folgender Aussage zu: »Jeder sollte gegen Covid-19 geimpft werden. Dies ist eine bürgerliche Pflicht.«

Ein Blick in die Vergangenheit hilft das Ergebnis einzuordnen: Erst in den 1970er Jahren wurde in Portugal ein staatliches Gesundheitssystem mit einem nationalen Impfprogramm eingeführt. Zuvor waren viele Kinder an Masern und anderen Infektionskrankheiten gestorben, was der älteren Generation heute noch im Gedächtnis ist. So genießt das staatliche Gesundheitssystem das Vertrauen der Bürger.

Am 1. Oktober beendete Portugal seinen »Estado de Alerto« (Alarmzustand) und hob viele Einschränkungen auf. Seit November steigen die Infektionszahlen langsam wieder an. Nun soll bis Ende Januar ein Viertel der Bevölkerung eine dritte Covid-19-Impfung erhalten.

Platz 5: Chile

Chile, das mit seinen 19 Million Einwohnern den fünften Platz belegt, sei ein »Paradoxon«, schreiben die Autoren einer weiteren Analyse im Fachblatt »Vaccine X«.

87 Prozent der Bevölkerung haben eine, 83 Prozent zwei und sogar 42 Prozent drei Impfdosen erhalten. Während der Pandemie sind laut WHO 38 149 Menschen an Covid-19 gestorben. Die aktuelle Inzidenz beträgt 86. Zur Impfung zugelassen sind die Impfstoffe von Biontech, Moderna, AstraZenca und Johnson&Johnson, Sputnik und Sinovac.

Paradox ist, dass das Land, was Infektionen und Todesfälle angeht, zu den am stärksten von der Pandemie getroffenen Ländern zählt. Andererseits hat es eine Impfkampagne auf die Beine gestellt, die weltweit Beachtung findet.

Die Regierung hatte frühzeitig mit verschiedenen Herstellern Lieferverträge verhandelt und geopolitische Überlegungen dabei ausgeblendet. Hinzu kam die Erfahrung mit groß angelegten Impfkampagnen: 1978 wurde das Nationale Impfprogramm ins Leben gerufen. Die Bürger sind es gewohnt, regelmäßig geimpft zu werden. So finden jedes Jahr Massenimpfungen gegen die Grippe statt: 2020 ließen sich 99 Prozent der berechtigten Bürger impfen, in den fünf Jahren davor waren es bis zu 90 Prozent (Zum Vergleich: Die Zielvorgaben der EU, wonach eine Grippeimpfquote von 75 Prozent bei älteren Menschen vorgesehen ist, wird in Deutschland laut RKI nicht annähernd erreicht. 2019 betrug sie 38 Prozent).

Nach der H1N1-Grippepandemie hatte Chile 2009 landesweit Impfstofflagerstätten geschaffen, die sich in der jetzigen Pandemie als hilfreich erwiesen: So verfügte das Land etwa über die Ausrüstung, um die Gefrieranforderung des Biontech-Impfstoffs zu erfüllen. Seit 2011 hat das Land außerdem ein elektronisches Impfstoffregister, das die Verwaltung der verschiedenen Corona-Impfstoffe vereinfacht hat.

In Chile wurde in Stadien, Sporthallen, Schulen, Supermärkten und auf Parkplätzen geimpft. Dazu wurden das gesamte Gesundheitspersonal, auch Zahnärzte und Hebammen, zum Impfen verpflichtet. Doch als im Sommer 2021 die Maßnahmen gelockert wurden und die Menschen sich in Sicherheit wiegten, schützte auch die hohen Impfquote das Land nicht vor einer weiteren Infektionswelle. Chile erlebte verheerende Zustände in den Kliniken, viele Menschen starben.

So entschied sich die Regierung schon im August zum Boostern der Risikopatienten. Seit Anfang September werden außerdem auch Kinder, bereits ab sechs Jahren, mit dem chinesischen Impfstoff Sinovac geimpft. »Das ist nichts Momentanes, sondern wird uns noch lange beschäftigen«, sagt der Gesundheitsminister Enrique Paris. Die chilenische Regierung verhandelt derzeit mit diversen Herstellern über die Impfstoffversorgung in den nächsten Jahren. Auch eine lokale Produktion von Impfstoffen ist vorgesehen.

Wie kann Deutschland von den Weltmeistern lernen?

Zurück nach Deutschland. Im Vergleich zu diesen Beispielen fällt Mehreres auf: Ein nationales Impfprogramm, das von einer entsprechenden Behörde beworben und begleitet wird, gibt es in Deutschland nicht. Den Impfpass brauchte man vor der Pandemie höchstens für Fernreisen (und ganz neu zum Nachweis der Masernimpfung bei Kita- und Schulkindern). »Wir haben keine Strukturen, die für so extreme Anforderungen geschaffen sind«, sagt Hengel, »das Hausarztsystem kann große Impfzentren nicht ersetzen.«

2G-Regeln funktionieren mit engmaschigen Kontrollen | 2G-Regeln sollen Ungeimpfte von Menschenansammlungen fernhalten und einen Anreiz für die Impfung bieten. Hier kontrollieren Polizei und Ordnungsamt ihre Einhaltung auf einem Weihnachtsmarkt.

Hinzu kommt, dass Deutschland vergleichsweise glimpflich durch die ersten drei Wellen gekommen ist. »Deshalb wird die Pandemie als weniger bedrohlich erlebt«, sagt Ulrichs, »das ändert sich gerade, aber leider hat das bislang kaum einen Effekt auf die noch Ungeimpften – die Impfbereitschaft nimmt nicht oder kaum zu.«

Mit der Ausweitung von 2G-Regeln ist Deutschland in das andernorts bewährte »Spiel« aus Anreizen für Geimpfte bei gleichzeitigen Einschränkungen für Ungeimpfte eingestiegen. Ohne Kontrollen verpufft die Wirkung aber.

Israel zeigt, wie man trotz niedriger Impfquoten Erfolg hat

Möglicherweise existiert dennoch ein Weg, die vierte Welle zu brechen: In Israel sind mit 68 Prozent der Neun-Millionen-Bevölkerung vergleichsweise wenige Menschen geimpft. Nur 62 Prozent haben zwei Dosen erhalten. Aber: Bereits 44 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sind dreimal geimpft.

Während der Pandemie sind laut WHO 8180 Menschen an Covid-19 gestorben. Die aktuelle Inzidenz beträgt 18. Zur Impfung zugelassen ist der Impfstoff von Biontech.

Im Sommer begann sich die Delta-Variante rapide auszubreiten. Es wuchs die Erkenntnis, dass der Infektionsschutz der Geimpften mit der Zeit nachlässt und sie das Virus übertragen können. So begann Israel schon Ende Juli mit den Drittimpfungen. Dennoch stieg Anfang September die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf fast 11 000 (Inzidenz um 850), und auch die Zahl der schwer an Covid-19 Erkrankten stieg an. Inzwischen ist die Lage wieder unter Kontrolle: Die große Anzahl verabreichter Drittimpfungen hat ausgereicht, um das Infektionsgeschehen zu verlangsamen.

Grundsätzlich herrscht auch in Israel ein gewisser Druck auf der Bevölkerung, sich impfen zu lassen: Für weite Teile des öffentlichen Lebens und für viele Berufsgruppen gelten selbst mit niedrigen Infektionszahlen die 2G-Regeln. Zweifach Geimpfte, deren Zweitimpfung sechs Monate zurückliegt, gelten nicht mehr als geimpft und dürfen nicht mehr ins Restaurant oder ins Kino.

Israel ist damit kein Beispiel dafür, wie man möglichst alle Menschen dazu bekommt, sich impfen zu lassen. Aber zumindest dafür, wie ein kontrollierter Durchseuchungsprozess ablaufen kann, der die Krankenhäuser nicht in die Knie zwingt.

Auch hier zu Lande ließe sich die vierte Welle »wegboostern«

In einer aktuellen Stellungnahme empfahl unlängst eine Gruppe um die Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen ein ähnliches Vorgehen für Deutschland: Zügige Drittimpfungen gegen Sars-CoV-2 könnten die vierte Welle wahrscheinlich brechen. Dazu müsste in sehr kurzer Zeit die Hälfte der Bevölkerung ein drittes Mal geimpft werden. Der erhöhte Schutz der dreifach Geimpften könnte den rasanten Anstieg der Neuinfektionen bremsen und nachfolgend die Intensivstationen wieder entlasten.

Parallel dazu seien Kontaktbeschränkungen für alle Ungeimpften notwendig, um deren weiteres Aufkommen in Krankenhäusern und Intensivstationen zu verringern, so Ulrichs. »Die Durchseuchung der Ungeimpften ist zwar unvermeidlich, sollte aber nicht auf einmal erfolgen wie gerade jetzt. Ob diese Kombination jetzt noch hilft oder wir als Ultima Ratio doch wieder in einen allgemeinen Lockdown müssen, werden die nächsten Tage zeigen.«

Am 24. November 2021 wurden laut RKI 101 338 Erstimpfungen registriert – so viele wie seit Monaten nicht.

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