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Sprachenlernen: Erkenntnisse zum Fremdspracherwerb und Verlust der Muttersprache

Adoptierte Kleinkinder, die ohne Unterricht eine neue Sprache erlernen, durchlaufen dieselben Schritte wie beim Erwerb der Muttersprache – obwohl sie älter sind und schon über ein weiterentwickeltes Gehirn verfügen. Dies ergab eine Fallstudie von Jesse Snedeker und Kollegen der Harvard-Universität [1]. Der immer gleiche, charakteristische Ablauf, den man beim Erlernen einer Muttersprache beobachtet, sei deshalb weniger das Ergebnis eines angeborenen Automatismus, wie eine Reihe von Linguisten meint, sondern resultiere vielmehr aus allgemeinen, kognitiven Anforderungen, schlussfolgern die Autoren.

Können Lerner nicht auf Sprachunterricht oder Lehrbücher zurückgreifen, sind sie wie Kleinkinder darauf angewiesen, die nötigen Informationen aus der Muttersprache zu filtern. Die Reihenfolge, in der Kenntnisse erworben wird, spiegele wieder, wie offensichtlich die jeweiligen Bestandteile einer Sprache für das Kind seien und wie wichtig für seine Kommunikation.

Snedeker hatte in China geborene Kinder während ihres ersten Jahres in den USA begleitet. Deren sprachliche Fähigkeiten beschränkten sich zunächst auf einzelne Wörter, insbesondere für konkrete Dinge. Gefolgt wurde diese Phase von Zweiwortsätzen wachsender Komplexität. Rein grammatische Satzbausteine kamen als letztes hinzu. Allerdings weisen die Autoren darauf hin, dass der Prozess schneller ablief als bei den jüngeren, im Land geborenen Kleinkindern. Begründet sei dies vor allem durch den Altersunterschied.

Typischerweise vergessen Kinder, die unter diesen Umständen aufwachsen, ihre ursprüngliche Muttersprache. Dafür sorgt – neben einem schleichenden Verfall mangels Benutzung – ein spezieller Mechanismus, fanden Forscher der Universität Oregon heraus: Offenbar um Störungen zwischen den beiden Sprachen zu vermeiden, hemmt das Gehirn aktiv den Abruf von Wörtern der jeweils anderen Sprache und hebt somit den für die aktuelle Situation wichtigsten Wortschatz heraus [2]. Vergleichbare Effekte sind auch aus anderen Erinnerungsleistungen bekannt.

Das Team um Michael Anderson bat erwachsene Probanden, die alle mindestens ein Jahr lang Spanisch gelernt hatten, wiederholt verschiedene Objekte in dieser Sprache zu benennen. Wurde dann nach dem gleichbedeutenden Ausdruck in ihrer Muttersprache Englisch gefragt, hatten sie deutliche Probleme, die richtige Bezeichnung zu finden.

Diese Hemmung der Muttersprache bezieht sich allerdings ausschließlich auf die Lautgestalt eines Ausdrucks – sprachspezifische Wortbedeutungen können einander nicht beeinflussen, ergab die Studie. Außerdem zeigte sich, dass das gegenseitige Hemmen umso geringer ausfällt, je fließender die Versuchsteilnehmer die Fremdsprache beherrschten – anscheinend ist diese Form der "Kontrastverstärkung" bei fortgeschrittenen Sprechern immer weniger nötig. (jd)
20.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20.01.2007

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