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Risikobewertung: Wahn und Wirklichkeit

Jahrelang propagierte die britische Regierung trotz BSE-Krise die Sicherheit von Rindfleisch. 1996 war das Versteckspiel vorbei - die Übertragung von BSE auf den Menschen war bewiesen. Der Vertrauensverlust der britischen Bevölkerung in Politik und Wissenschaft wirkt bis heute nach und hat zu einem Umdenken im Umgang mit Risikofaktoren geführt.
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"Kuh 133" ging in die Geschichte ein. Sie war im Jahr 1984 in Großbritannien der erste registrierte Fall der "Bovinen Spongiformen Enzephalopathie" – einer Rinderseuche, die bald darauf als "Rinderwahnsinn" oder kurz BSE bekannt werden sollte. Am 11. Februar 1985 erlag das Tier seinem Leiden.

"Kuh 133" blieb kein Einzelfall. Immer mehr Rinder starben an der rätselhaften Krankheit, bis sich im Jahr 1987 der Verdacht verdichtete, dass die Seuche durch bestimmte Proteine, so genannte Prionen, übertragen wird. Durch die Verfütterung von infektiösem Tiermehl, das aus Schlachtabfällen und verendeten Tieren gewonnen wurde, hatten sich die Prionen in den Rinderherden massenhaft ausgebreitet. Ende der 1980er Jahre nahm BSE epidemieartige Formen an, nach heutigen Schätzungen infizierten sich auf dem Höhepunkt der BSE-Krise etwa zwanzig Prozent des britischen Rinderbestandes. Ob die Krankheit auch den Menschen gefährden kann, war damals nicht bekannt.

Die britische Regierung handelte – aber recht zögerlich: 1988 verbot sie die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer, der Export aber blieb erlaubt. Im gleichen Jahr setzte sie ein wissenschaftliches Beratungsteam ein, dem allerdings kein einziger BSE-Experte angehörte. 1989 – viel zu spät – durfte bestimmtes Risikomaterial wie Gehirn und Rückenmark, in dem sich Prionen stark anreichern, nicht mehr in die menschliche Nahrungskette gelangen.

Nur keine Panik

Diese Maßnahmen eingeleitet, wähnte sich die britische Regierung in Sicherheit und propagierte weiterhin die Genießbarkeit von Rindfleisch. Während das Beratungsteam noch behauptete, eine Übertragung von BSE auf den Menschen sei "sehr unwahrscheinlich", zeigten Neuropathologen aus Edinburgh, dass BSE die Artschranke zumindest bei Mäusen überspringen kann. Doch dem zentralistischen System der Thatcher-Regierung gelang es, warnende Stimmen aus der Wissenschaft effektiv zu ersticken: Wissenschaftler des britischen Landwirtschaftsministeriums sahen sich unter Druck gesetzt, ihre Arbeiten verzögert oder gar nicht zu publizieren. Jede BSE-Kuh galt als Eigentum des Ministeriums, das Anfragen von ausländischen Forschern nach Probenmaterial oft abwies – die Angst vor einer panisch reagierenden Bevölkerung und den daraus resultierenden Konsequenzen für den Rindfleischmarkt erschienen der britischen Regierung einfach zu groß. Als einer der einprägsamsten Eindrücke aus dieser Zeit bleibt der Auftritt des damaligen Landwirtschaftsminister John Gummer in Erinnerung, der im Mai 1990 seine vierjährige Tochter vor laufenden Kameras mit einen Beefburger fütterte, um sein Vertrauen in britisches Rindfleisch zu demonstrieren.

Erst am 20. März 1996 – pikanterweise während der "Science Week", die alljährlich das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft stärken soll – erklärte der damalige britische Gesundheitsminister Stephen Dorrell erstmals öffentlich, es gäbe eine neuartige Form einer seltenen Gehirnerkrankung, die vermutlich vom Rind auf den Menschen übertragen wird. Vorausgegangen waren die ersten Fälle einer neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD). Es bestand der dringende Verdacht, dass sich die Opfer dieser tödlich verlaufenden Krankheit durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch infiziert hatten.

Zerstörtes Vertrauen

Die Auswirkungen dieser Bekanntgabe machten die Bemühungen der "Science Week" mehr als zunichte: Das Vertrauen der Bevölkerung gegenüber politischen Entscheidungsträgern und Wissenschaftlern – die schließlich behauptet hatten, Rindfleisch könne unbedenklich gegessen werden – war tief erschüttert. Wenig später erfolgten Massennotschlachtungen von ganzen Rinderherden, und BSE-Tests sowie Überwachungssysteme wurden in die Wege geleitet.

Auch an Deutschland ist BSE nicht spurlos vorübergegangen, aber verglichen mit unseren britischen Nachbarn sind wir noch mit einem blauen Auge davongekommen. Während in Großbritannien insgesamt etwa 180 500 Rinder an BSE erkrankten, blieb es bei uns bei knapp über 300 Fällen.

Deutschland hatte zunächst das Glück, BSE nicht im eigenen Land bekämpfen zu müssen. Der anfänglichen, geradezu vorbildlichen Vorsorgepolitik standen keinerlei Konflikte mit wirtschaftlichen Interessen entgegen, sodass die Bundesregierung als erste EU-weite Maßnahmen gegen BSE fordern und bereits 1989 ein Importverbot für Fleisch, Tiermehl und Lebendvieh erlassen konnte. Außerdem unterscheiden sich Großbritannien und Deutschland laut Kerstin Dressel vom Süddeutschen Institut für empirische Sozialforschung durch ihre "risikopolitischen Kulturen": Während hier Vorsorge eher groß geschrieben wird, sehen die Briten keinen Grund, gleich vom Schlimmsten auszugehen.

BSE-freies Deutschland?

Dennoch wurde auch die hiesige Politik nach 1996 nachlässiger. Die Bundesregierung weigerte sich, ein von vielen Wissenschaftlern gefordertes Monitoring-System einzuführen und zog es stattdessen vor, den Glauben an ein BSE-freies Deutschland nicht zu erschüttern. Doch am 26. November 2000 tauchte auch bei uns die erste BSE-kranke Kuh auf, und im Jahr 2001 verordnete die Europäische Union die systematische Untersuchung aller Rinder über dreißig Monate, die zum menschlichen Verzehr gedacht sind.

Heute, im Jahr 2004, hat sich die Lage in Europa wieder beruhigt, kaum einer denkt noch an BSE. Und vCJD blieb, mit etwa 150 Opfern, nach wie vor eine sehr seltene Krankheit. Wozu also das ganze Spektakel? Noch im Jahr 2001 hatten tausende bayerischer und niedersächsischer Bauern heftig gegen das Töten ganzer Rinderherden protestiert, fühlten sie sich doch in ihrer Existenz massiv bedroht. Mehrere Ministerinnen und Minister mussten gehen, eine Landwirtschaftsreform wurde eingeläutet, Gelder in eine Forschung gepumpt, die bis dahin kaum jemanden interessiert hatte. Alles eine unnötige Überreaktion?

Es hätte schneller gehen können

Angesichts des Wissenstands von damals lautet die Antwort: Nein – es hätte durchaus schneller reagiert werden müssen. Schließlich konnte damals niemand voraussehen, dass von den Millionen Menschen, die BSE-verseuchtes Rindfleisch gegessen hatten, nur so wenige erkrankten. Im Jahr 2000 schwankten die Schätzungen zwischen 130 und über 130 000 noch zu erwartender Fälle von vCJD. "Wäre die Speziesbarriere niedriger gewesen, hätten wir jetzt ganz andere Szenarien", kommentiert Michael Beekes vom Robert-Koch-Institut die Situation.

Und auch heute ist die Gefahr noch nicht gebannt. Erst im Februar dieses Jahres wurde ein Fall von einem Patienten bekannt, der sich höchstwahrscheinlich bei einer Bluttransfusion mit vCJD angesteckt hat. Möglicherweise lauern jetzt neue Gefahren in der Ausbreitung der Krankheit innerhalb der menschlichen Population, die Gefahr einer direkten Infektion mit BSE-verseuchtem Rindfleisch besteht aber kaum noch.

Wir können also von Glück reden – es ist noch einmal weit gehend gut gegangen. Und doch hat die Krise ihre Spuren hinterlassen. Die Bevölkerung blieb kritisch, der Umgang mit Risiken und die Kultur der Wissenschaftskommunikation erschien nachdenkenswert. Dass es um das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit nicht immer zum Besten stand, blieb kein Geheimnis, und so entstanden in Großbritannien, dem Vorreiter der europäischen Wissenschaftskommunikation, Programme wie die "Science Week", um hier Abhilfe zu schaffen. Wenn die Öffentlichkeit ein wenig mehr von der Forschung versteht, dann reagiert sie auch, so die Idee, neuen Technologien gegenüber aufgeschlossener.

Forderung nach Transparenz

Der reine Informationsfluss von der Wissenschaft zum "Laien" reicht jedoch nicht aus. Beschleunigt durch die BSE-Krise hat die Wissenschaftskommunikation in den letzten Jahren eine neue Komponente entdeckt: Auch die Öffentlichkeit will gefragt werden. Wissenschaftler und Entscheidungsträger der Regierung sollen sich mit ihren Sorgen und Bedürfnissen befassen; mehr Transparenz in politischen Entscheidungen wird gefordert.

Es scheint aber einige Zeit zu dauern, bis sich die Forderung nach "Transparenz" in der Welt herumspricht. Bis vor kurzem verkündeten noch amerikanische Behörden, BSE könne in den USA wegen stringenter Vorsichtsmaßnahmen und strikter Kontrollen gar nicht auftreten. Im Dezember 2003 mussten sie eines Besseren belehrt werden, auch die USA hatte ihr erstes BSE-Rind.

Erschreckende Nachlässigkeit

Jetzt ergreift die amerikanische Regierung Maßnahmen, die aus europäischer Sicht nur Erstaunen über die bisherige Nachlässigkeit hervorrufen können: Erst seit 2004 darf in den USA Risikomaterial, wie Hirn und Nervengewebe, sowie das Fleisch von Rindern mit schweren neurologischen Symptomen nicht in die menschliche Nahrungskette gelangen. Im März dieses Jahres kündigte die amerikanische Regierung ein groß angelegtes BSE-Überwachungssystem an – bis dahin war die Überwachung in den USA laut Stanley Prusiner, dem Entdecker des Prions, schlicht "erschreckend". Immer mehr Stimmen werden in der Presse laut, welche die amerikanische BSE-Politik kritisieren und ihnen mangelnde Aufklärung oder gar Vertuschung vorwerfen.

Wahrscheinlich werden die USA dennoch von vCJD verschont bleiben, und die kürzliche amerikanische BSE-Krise ist mit der britischen auch kaum zu vergleichen. Die Amerikaner profitieren hier von den Europäern, deren unfreiwillige Vorreiterrolle schon viel über Prionen und ihre Verbreitung herauszufinden half. Bleibt zu hoffen, dass auch die britische Prämisse von mehr Offenheit in der Wissenschaftsdiskussion und mehr Transparenz in der Entscheidungsfindung weltweit Wurzeln schlägt.

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