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Metzler Lexikon Philosophie: L-Semantik, L-Ausdruck

In den Bemühungen einer rationalen Rekonstruktion einer Wissenschaftssprache, die im Umkreis des Logischen Empirismus und vor allem von Carnap angestellt wurden, spielen die Begriffe L-S., L-Begriffe, L-Ausdrücke, L-Wahrheit usw. eine tragende Rolle. Carnap unternimmt den Versuch, in der logischen Semantik (oder reinen Semantik im Ggs. zur empirischen Semantik der Sprachwissenschaft) das Gebiet des rein Logischen vom Nichtlogischen scharf zu trennen. Sein Grundgedanke ist dabei, die vage Redewendung »aus rein logischen Gründen« durch eine präzisere Bestimmung zu ersetzen, nämlich durch »aufgrund der semantischen Regeln allein«. Um zu kennzeichnen, wenn ein semantischer Begriff aus rein logischen Gründen auf etwas anwendbar ist, stellt Carnap diesem das Präfix »L« voran. Zu dem Zweck der Bestimmung der rein logischen Anwendbarkeit werden von Carnap die L-Ausdrücke als Explicata üblicher, aber nicht exakter Begriffe eingeführt. Dies geschieht mit Hilfe der Begriffe der Zustandsbeschreibung und des Spielraums. Dabei soll ein Sprachsystem S1 Atomsätze für alle atomaren Propositionen (d.h. für etwas, was der Fall sein kann oder auch nicht) enthalten. Eine Klasse von Sätzen in S1, die für jeden Atomsatz entweder diesen oder seine Negation, aber nicht beide zugleich und auch keine anderen enthält, wird eine Zustandsbeschreibung in S1 genannt, weil sie offensichtlich eine vollständige Beschreibung eines möglichen Zustands des Universums von Individuen gibt im Hinblick auf alle Eigenschaften und Beziehungen, die durch die Prädikate des Systems ausgedrückt werden (Diese Zustandsbeschreibungen stellen die möglichen Welten von Leibniz oder die möglichen Sachverhalte von Wittgenstein dar). Es ist dann möglich, semantische Regeln festzulegen, die für jeden Satz in S1 bestimmen, ob er in einer gegebenen Zustandsbeschreibung gilt oder nicht: Er gilt dann, wenn er wahr sein würde, wenn die Zustandsbeschreibungen (d.h. alle zu ihr gehörigen Sätze) wahr wären. Folgende Regeln gelten: (1) Ein Atomsatz gilt in einer gegebenen Zustandsbeschreibung, wenn und nur wenn er zu ihr gehört. (2) Die Negation eines Satzes Si gilt in einer gegebenen Zustandsbeschreibung, wenn und nur wenn der nicht-negierte Satz nicht in ihr gilt. (3) Die Adjunktion (nicht ausschließendes entweder-oder) der Sätze Si oder Sj (Si v Sj) gilt in der Zustandsbeschreibung, wenn und nur wenn entweder Si in ihr gilt oder Sj oder beide. (4) Si ist äquivalent Sj (Si ≡ Sj): gilt in einer Zustandsbeschreibung, wenn entweder beide Sätze in ihr gelten oder keiner von beiden. 5. Ein AllSatz gilt in einer Zustandsbeschreibung, wenn und nur wenn alle Einsetzungsfälle in seinem Bereich in ihr gelten. Die Klasse aller Zustandsbeschreibungen, in denen ein gegebener Satz Si gilt, nennt Carnap den Spielraum von Si. Die genannten Regeln bestimmen den Spielraum des gegebenen Satzes (»Spielraumregeln«). Durch Bestimmen des Spielraumes geben sie zusammen mit den Designationsregeln für Individuenbezeichnungen und Prädikatszeichen eine Interpretation für alle Sätze in S1, da die Bedeutung eines Satzes zu kennen heißt zu wissen, in welchen der möglichen Fälle er wahr sein würde und in welchen nicht. Der Zusammenhang zwischen den L-Ausdrücken und dem der Wahrheit wird von Carnap so erklärt: Es gibt eine und nur eine Zustandsbeschreibung, die den wirklichen Zustand des Universums beschreibt. Es ist die, welche alle wahren Atomsätze und die Verneinung der falschen enthält. Daher enthält sie nur wahre Sätze und daher wird sie die wahre Zustandsbeschreibung genannt. Ein Satz von irgendeiner Form ist wahr, wenn und nur wenn er in der wahren Zustandsbeschreibung gilt.

Literatur:

  • R. Carnap: Bedeutung und Notwendigkeit. Wien/New York 1972. S. 10 ff.

PP

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Herausgegeben von Peter Prechtl (†) und Franz-Peter Burkard.

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